01. April 2020 / 18:51 Uhr

Der Platzwart: Wenn Männer mit sich selbst verhandeln

Der Platzwart: Wenn Männer mit sich selbst verhandeln

Der Platzwart
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
In Weißrussland wird noch Fußball gespielt, während Gerhard Zuber (links) bei Hannover 96 alle Hände voll und irgendwie auch mit sich zu tun hat.
In Weißrussland wird noch Fußball gespielt, während Gerhard Zuber (links) bei Hannover 96 alle Hände voll und irgendwie auch mit sich zu tun hat. © imago images/ITAR-TASS/Florian Petrow
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Während in Weißrussland noch fleißig Fußball gespielt wird, weil weit und breit kein Virus zu sehen ist, müssen sich die Spieler von Hannover 96 nicht mit einer Gelb-, sondern einer Geldsperre beschäftigen. Und Gerhard Zuber mit dem 1. FC Köln und sich selbst. Der Platzwart sieht genau hin.

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Wer hätte das gedacht? Zwei Spiele, zwei Siege: Außenseiter Torpedo Schodsina verlustpunktfrei auf Platz vier, Rekordmeister BATE Baryssau nach zwei Auftaktniederlagen nur auf Platz 14. Wer weiß, dass der FK Minsk das Stadtderby gegen Dinamo am Wochenende nur deshalb 3:2 gewonnen hat, weil in der 58. Minute der Dinamo-Innenverteidiger Miha Goropewsek gleich in seinem ersten Spiel für die Blau-Weißen mit Gelb-Rot vom Platz geflogen ist – der muss Fußball wirklich sehr vermissen.

"Ich seh kein Virus"

Die „Wyschejschaja Liha“, eine Liha der Sensationen. Die oberste Liga in Weißrussland ist aktuell die einzige Fußballliga in Europa mit Spielbetrieb. Kein Wunder, Staatschef und Despotenurgestein Alexander Lukaschenko spielt nach alter Frostvätersitte selbst bei einem Eishockeyspiel mit, empfiehlt Wodka, Sauna und Traktorfahren gegen Corona – und sagt: „Ich seh kein Virus.“ Na dann: Spielbetrieb!

Wobei Betrieb ein großes Wort ist, beim Minsker Lokalderby waren 1750 Zuschauer, da ist in jedem Edeka von Wucherpfennig mehr los. Aber: Spielbetrieb. Wenn Neymar, Mbappé oder dem ma­dri­le­ni­schen Hustenhonk Diego Costa langweilig wird – Torpedo Schodsina, besser als nix.

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Nix erwartet auch die 96-Spieler, deren Vertrag im Juni ausläuft. Von Geldsperre ist die Rede, wenn man sich nicht bis Dienstag arbeitssuchend gemeldet hat. Geldsperre? Kennen die 96er nicht. Anton, Prib und ein paar andere kennen Gelbsperre, manche nur zu gut, aber dass man auch Geld sperren kann – undenkbar.

Jetzt könnte sich rächen, dass viele Fußballer nur widerwillig das deutsche Sozialgesetzbuch lesen. Im SGB I–XII ist ganz genau beschrieben, welche Meldefristen beschäftigungslose Profifußballer gegenüber den Jobcentern einzuhalten haben. Im schlimmsten Fall wird das Arbeitslosengeld gesperrt. Für eine Woche. Das ist hart, existenzgefährdend, die Schottenseiten des Fußballjobs, wie man bei den Hearts of Midlothian sagt.

Zuber kennt zufällig jemanden in Köln...

Wohl dem, der nicht nur weiß, wo er das Jante findet, sondern auch, wo in Hannover die Tafel mildtätig wirkt. Im schlimmsten Fall müsste man an die Rücklagen. Oder Gerhard Zuber anrufen. Ob’s nicht einen Job in Köln gibt.

Jobbörse Köln, das ist voll das Ding von Gerhard Zuber. Zuber kennt zufällig jemanden in Köln, der sich, auch aus eigener Anschauung, für 96-Kicker interessiert. Keine große Sache, in vielerlei Hinsicht. Spieler aus dem Nachwuchsbereich, kleines Geld, selbst der Manager in Köln bevorzugt die unterste Schublade. Es geht um die Ergänzungsspieler Waldemar Anton und Linton Maina. Vorschlag: Köln bietet den beiden eine sportliche Perspektive, freien Eintritt im Dom und ein lebenswertes Leben, möglicherweise sogar mit Geld, 96 bekommt im Gegenzug Jannes Horn und eine Murmelbahn aus Holz.

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Gerhard Zuber verhandelt – ein bisschen mit sich selbst: Zuber ist 96-Sportchef. Auf dem Tisch liegen die Angebote aus Köln und ein Bestätigungsschreiben des FC, dass Zuber systemrelevant und beruflich mit dem Zug unterwegs ist. Eine verzwickte Situation für Zuber. Er könnte für Anton und Maina neben Horn und Murmelbahn noch Pierre Littbarski und Harald Konopka verlangen, von beiden hat er noch Autogrammkarten auf dem Dachboden. Blöde Idee, die Verhandlungen wären sofort beendet. Eher gäbe der FC seinen Ziegenbock zum Grillen frei, als Konopka zu einem anderen Verein ziehen zu lassen.

Zuber in einer Ausnahmesituation

Nicht überziehen, denkt Zuber sich. Im Grunde wäre der Deal mit Horn für 96 besser, als er auf den ersten Blick klingt. Horn ist nach überstandener Corona-Infektion coronaimmun. Inter Mailand, Real Madrid, Torpedo Schodsina – die Schlange der Interessenten wäre länger als die vor Obi. Aber was wäre mit dem 1. FC Köln? Gerhard Zuber in einer Ausnahmesituation. Verhandeln, mit sich, direkt, auch nachts. Du kennst die Tricks des anderen, seine Schwächen. Seine Stärken. Du musst dich für und gegen dich entscheiden. Fußballschizophrenisch sein. Zuber muss die Sache unter sich ausmachen.

In Kölner Managementkreisen hat diese Situation einen Namen: Horst Case.