20. November 2019 / 10:00 Uhr

Der Platzwart: Immer wieder sonntags – Schüsse fürn Arsch

Der Platzwart: Immer wieder sonntags – Schüsse fürn Arsch

Der Platzwart
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Bestrafung für das Verliererteam: Arschboken!
Bestrafung für das Verliererteam: Arschboken! © Florian Petrow
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Sonntags passiert so einiges in Hannover. Von Bürgermeisterwahlen bis Trainerentlassungen bei 96 ist alles dabei. Der Platzwart erzählt die historischsten Ereignisse der vergangenen Sonntage.

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Historisches geschieht in Hannover, seit Wochen schon. Immer wieder sonntags! 27. Oktober: OB-Wahl in Hannover – eine Sensation. Erstmals seit Einführung des Mehltaus wird Hannover nicht mehr von einem Sozialdemokraten regiert. Ins Finale kommen ein Grünen-Politiker mit Migrationshintergrund (Harz) und ein Braunschweiger. Wettanbieter auf der ganzen Welt weigern sich, Einsätze auf den Ausgang anzunehmen. Eine Woche später, Sonntag, 3. November: Hannover 96 entlässt Cheftrainer Mirko Slomka, die Bayern entlassen Niko Kovac. Slomka erkennt seine einmalige Chance. Nochmal eine Woche weiter, Sonntag, 10. November: 96 spielt in Heidenheim mit Doppelspitze – auf der Trainerbank. Bringt aber auch nichts.

Am Donnerstag wird Kenan Kocak neuer Trainer von Hannover 96. Auf der Homepage von 96 heißt es, Kocak habe schon bei den Gesprächen im Sommer einen guten Eindruck hinterlassen. Der Eindruck war offensichtlich so gut, dass sie sich dann für Mirko Slomka entschieden haben. Kocak ist Purist, er verzichtet auf Co-Trainer, Dienstwagen, Dienstwohnung und Vertragslaufzeit. Als Martin Kind dann noch hört, dass Kocak in Mannheim zeitweise mit schwer erziehbaren Jugendlichen gearbeitet hat, sind die letzten Zweifel beseitigt.

In Hannover herrscht Aufbruchstimmung

Kenan Kocak ist kein Unbekannter. Jedenfalls nicht in Mannheim und Sandhausen. Man kann mit Fug und Recht sagen: Ohne Kocak wäre der SV Sandhausen nicht das, was der Verein heute ist. Und er ist der wahrscheinlich beste Trainer aus Mannheim seit Klaus Schlapp­ner und Hanno Balitsch. Außerdem kennt er die Fußball-Trainerwelt: Er hat eine Woche bei Pep Guardiola hospitiert, Jupp Heynckes auf dessen Bauernhof besucht, mit Domenico Tedesco und Julian Nagelsmann den Trainerschein gemacht, er telefoniert mit Joachim Löw, kennt Ralf Rangnick, mag Huub Stevens und hätte fast ein Praktikum bei Thomas Tuchel in Paris absolviert, wenn Martin Kind nicht das mit den Jugendlichen in Mannheim mitbekommen hätte.

Und so hagelte es dann nach Bekanntwerden der Sache mit Hannover Glückwünsche für Kocak, die meisten per Whatsapp, Heynckes per Postkarte, frankiert mit einer 60-Pfennig-Briefmarke mit Bundespräsident Heinemann drauf. Auch in Hannover herrscht Aufbruchstimmung, schon beim Darmstadt-Heimspiel am Montag könnte das Stadion so voll werden, dass man den Schriftzug „HDI-Arena“ auf der Westtribüne nicht komplett lesen kann.

Was sind schon Zahlen

Vorigen Freitag, 10 Uhr, erste Trainingseinheit mit dem neuen Übungsleiter. Kenan Kocak beugt sich in der HDI-Arena auf den Rasen: Es riecht nach Sandhausen und null Heimsiegen, Kocak hat eine feine Nase für so etwas. Später auf dem Trainingsgelände: Kocak beobachtet die 96-Spieler. Die Presse berichtet, viele Leser fragen sich: Ist Zugucken das neue Zusammenscheißen? Zugucken als Trainer-Kernkompetenz? Sitzen die besten Trainer tatsächlich vor Flachbildschirmen?

Angeblich ist Friedhelm Funkel nur mit Zugucken sagenhafte sechs Mal in die 1. Bundesliga aufgestiegen. 50 Zuschauer gucken dem Neuen zu, wie er zuguckt. 2014 haben 7000 im Stadion zugeguckt, Trainingsauftakt mit Tayfun Korkut. Aber was sind schon Zahlen.

Am Sonnabend leitet Kocak seine dritte Trainingseinheit. Er hat einen Zettel dabei, auf dem nur ein Wort steht: Arschboken. Eine spezielle Trainingseinheit, die gelegentlich noch auf Bolzplätzen und in Kreisklassen zu finden ist. Die Verlierermannschaft des Trainingsspiels muss sich ins Tor stellen und die Hinterteile rausstrecken, während die Siegertruppe aus zehn Metern den Ball volles Brett auf die Kehrseite der Mannschaftskameraden dreschen darf. Schüsse fürn Arsch – da sind die Roten diese Saison voll im Thema. Jannes Horn und Michael Esser werden die Folgetage nicht gut sitzen können. Die anderen kommen davon. Viele Schüsse verfehlen das Tor.

Die Zehn-Sekunden-Regel: Kocak lässt Umschaltspiel üben
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Waldemar Anton (links) zieht frei vor Marlon Sündermann ab Zur Galerie
Waldemar Anton (links) zieht frei vor Marlon Sündermann ab ©

Heldt mit netter Geste

Wieder einen Sonntag später: Gerüchte verdichten sich: Horst Heldt, bislang auf Abfindung, hat wieder Arbeit. Köln. Direkt in seinem ersten Statement („Der FC ist für mich nicht irgendein Job“) erwähnt er indirekt Hannover 96, eine nette Geste. Dann sagt Heldt: „Die Situation ist nicht so schlecht, wie es momentan manchmal dargestellt wird.“ Stimmt: Tabellensiebzehnter und Markus Gisdol als Trainer, ein wenig Luft nach unten ist da noch. Sonnabend geht es nach Leipzig. Warten wir also den Sonntag ab.