24. Dezember 2019 / 14:07 Uhr

Der Platzwart: Hannover 96 und die Kellergeister - eine Weihnachtsgeschichte 

Der Platzwart: Hannover 96 und die Kellergeister - eine Weihnachtsgeschichte 

Der Platzwart
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Hannover 96 muss Worten schleunigst Taten folgen lassen - ansonsten werden Alpträume zur Realität. 
Hannover 96 muss Worten schleunigst Taten folgen lassen - ansonsten werden Alpträume zur Realität.  © Peter Steffen/dpa
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Turbulente Zeiten liegen hinter Hannover 96. Die Zuschauer schwinden, der Rote schreckt hoch und Geister treiben ihr Unwesen - alle wissen, dass jetzt gehandelt werden muss. Damit aus Regensburg nächste Saison nicht Sonnenhof wird. Der Platzwart erzählt seine Weihnachtsgeschichte.

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Das waren die Choreos der Fans von Hannover 96 der letzten Jahre:

Die 96-Fans präsentierten eine aufwendige Choreo für den Pokalheld Jörg Sievers, der Anfang Januar 2020 nach 30 Jahren bei Hannover 96 dem Ruf von Daniel Stendel nach Schottland folgte. Zur Galerie
Die 96-Fans präsentierten eine aufwendige Choreo für den Pokalheld Jörg Sievers, der Anfang Januar 2020 nach 30 Jahren bei Hannover 96 dem Ruf von Daniel Stendel nach Schottland folgte. ©
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Der Schnee stoppt den Ball vor der Linie, Gelb-Rot binnen weniger Sekunden aufgrund des Torjubels, ein Trainer ohne Lizenz oder ein verbotenes Reißverschluss-Trikot? Das alles gab es wohl nur bei Hannover 96. Im Laufe der Jahrzehnte haben die Roten für Lacher, Kopfschütteln oder Kuriositäten gesorgt. Wir haben die besten Momente herausgesucht und zusammengestellt.  Zur Galerie
Der Schnee stoppt den Ball vor der Linie, Gelb-Rot binnen weniger Sekunden aufgrund des Torjubels, ein Trainer ohne Lizenz oder ein verbotenes Reißverschluss-Trikot? Das alles gab es wohl nur bei Hannover 96. Im Laufe der Jahrzehnte haben die Roten für Lacher, Kopfschütteln oder Kuriositäten gesorgt. Wir haben die besten Momente herausgesucht und zusammengestellt.  ©

Es lebte dereinst in der Fußballwelt ein Verein, der hieß Hannover 96. Hannover 96 war schon recht alt und hatte entsprechend viel erlebt – Gutes und, leider, viel mehr weniger Gutes. Über all die Jahre war ihm im ganzen Land wenig Liebe zuteil geworden, und wenn, dann lag diese Liebe schon etliche Jahre zurück, das Vereinslied hieß nicht umsonst „Alte Liebe“.

Sowas könne sich höchstens der Platzwart ausdenken

Hannover 96 hatte es sich mit vielen verscherzt, selbst mit vielen Gutmeinenden. Der Verein stritt mit anderen Vereinen, mit Verbänden, der Presse und selbst mit den eigenen Fans. Irgendwann musste der Zwist Besitz von Hannover 96 ergriffen haben, und so war auf die alten Tage aus 96 ein Verein geworden, dem man besser aus dem Weg ging – als Funktionär, Spieler, aber auch als Hannoveraner.

Ab und an dachte Hannover 96, es gleiche Ebenezer Scrooge, dem hartherzigen Geizkragen und Weihnachtshasser aus Charles Dickens‘ Christmas Carol, dem eines Nachts vier Geister erscheinen. Aber dann dachte Hannover 96, Scrooge, nein, nein, das sei doch kein Verein, sondern ein alter Mann mit viel Geld im Ruhestand, und so etwas gebe es bei 96 nicht. Jedenfalls nicht im Ruhestand. So einen Blödsinn, dachte sich Hannover 96, sowas könne sich höchstens der Platzwart ausdenken.

Bis am 24. Dezember Ungewöhnliches passiert, noch ungewöhnlicher als ein einstelliger Tabellenplatz. Hannover 96, den alle nur den Roten nennen, ist müde von der Hinrunde und dem Spiel gegen Stuttgart. Spitzenspiel, Bundesligaformat, und trotzdem ist das Stadion nur halbvoll. Soll man die Bude etwa heizen? Gute Fußballer holen? Da kennt das Volk Hannover 96 schlecht, denkt Hannover 96 und guckt grimmig. 

"Drei Geister werden Dich aufsuchen, folge ihnen. Nur sie können Deine Seele retten."

Gegen Mitternacht schreckt der Rote hoch - vor dem Bett steht der Geist eines vor wenigen Wochen verblichenen, ehemaligen Bundesligisten: Wattenscheid 09. Wattenscheid 09 sieht aus wie Hannes Bongartz, nur noch bleicher. „Was willst Du?“ Hannover 96 zieht seine dünne Finanzdecke bis unters Kinn, zittert. „Ich will Dich warnen“, sagt Bongartz 09 mit Hall in der Stimme. „Warnen, wovor?“ „Vor meinem Schicksal, Du Ochse!“, Wattenscheid deutet auf eine schwere, gusseiserne Kette, die den Verein auf ewig an das Finanzamt Bochum-Süd schmiedet.

Dies werde auch das Schicksal Hannovers sein, kündigt der Hannes-Geist an. „Ich sage nur: Finanzamt Hannover-Land I!“ Der Rote erschaudert. „Was soll ich tun?“ „Drei Geister werden Dich aufsuchen, folge ihnen. Nur sie können Deine Seele retten.“ Schwupps, Wattenscheid 09 ist verschwunden, für immer. Geister kennt 96. Himbeergeist, Friesengeist und das Abstiegsgespenst. Alle kosten Geld und machen Kopfschmerzen.

Der Geist der vergangenen Weihnacht

Es erscheint – plopp! – Geist Nummer eins, der Geist der vergangenen Weihnacht. Er ist ziemlich klein und ähnelt Altin Lala. Der kleine Geist zeigt 96 die Vergangenheit: Relegation gegen TeBe Berlin, Aufstieg in die 2. Liga, ein recht junger Hörgeräte-Unternehmer in der alten Lederjacke von Indiana Jones rettet den Verein vor Utz Claasen. Die Menschen lieben den Unternehmer. Sie lieben Jan Simak, Erstligaaufstieg, Jiri Stajner, den Klassenerhalt. Hannover 96 sieht sich gegen Sevilla spielen, zuhause, das Stadion flirrt wie ein Bienenstock, glühende Gesichter. Kopenhagen, Stindl, Fans – die ganze Stadt, ganz Europa ist fasziniert von Hannover 96. Hannover 96 lächelt, ist gerührt und verwirrt. Der Geist verschwindet in einem Eiscafé am Steintor. Also doch Altin Lala.

Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht

Es erscheint – plopp! – Geist Nummer zwei, der Geist der gegenwärtigen Weihnacht. Eine hünenhafte Gestalt, es riecht nach Kopfball und Groß Munzel. Hendrik Weydandt? Er zeigt dem Roten vier Trainer in einem Jahr, er zeigt, dass im Stadion immer noch mehr Leute mit Simak-Trikots rumlaufen als mit denen von Albornoz und Ostrzolek und dass die einzig wahre Identifikationsfigur in der Truppe ein Dauerpatient ist. Und der Geist zeigt das Heimspiel gegen den SV Darmstadt 98, offiziell 22.000 Zuschauer, tatsächlich 10.000, davon nur die Hälfte wach. Das sei die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, sagt der Geist, der als unterbezahlter Junggeist noch in einer WG wohnt. Also doch Weydandt.

Der Geist der zukünftigen Weihnacht

Es folgt – plopp! – Geist Nummer drei, der Geist der zukünftigen Weihnacht. Kein Optimist, die Gesichtszüge erinnern den Roten an den früheren Fußballer und späteren Bestatter Nico Patschinski. Der Geist führt Hannover in die dunkelsten Ecken des Fußballniemandslandes, in den untersten Fußballkeller, dunkel und kalt, es tropft von der Decke. Sie ziehen vorbei an Essen, Uerdingen, Rostock und dem gesamten Saarland.

Und dann entdeckt der Rote Wattenscheid 09, eine Ruhestätte. Daneben ein freier Platz, eine Grube. 1896 lang, 50+1 breit. Eingerichtet von freiwilligen Helfern. Aus Braunschweig. „Und?“, fragt der Geist, „mal probeliegen?“ Das habe auch Vorteile. Man könne die Gilde gleich mit ins Grab nehmen und bei der DFL zwei Vollzeitstellen wieder mit anderen Aufgaben als mit der Bearbeitung von 96-Meckermails betrauen. Der Rote ringt nach Luft. Ein hämisch lachender Chancentod hakt sich bei Hannover 96 ein und zieht zielstrebig Richtung Grube…

Nicht nur reden, sondern auch machen

Hannover 96 wacht auf. Fleißgebadet. Der Rote weiß, dass er jetzt handeln muss. Einkaufen. Trainieren. 13 Minuten nach einer Einwechslung so spielen, dass man nicht wieder ausgewechselt wird. Heimspiele gewinnen. Das Publikum zurückgewinnen. Ein sympathisches Gesamtbild abgeben, einfach mal nett sein zu den Menschen und ab und zu ins Tor treffen. Und von alldem nicht nur reden. Sondern auch machen.

Es klopft. Bongartz 09 entschuldigt sich. Die Kette hatte sich in der Tür verklemmt. Beim Gehen wünscht der bleiche Hannes Hannover 96 viel Erfolg. Ein 3:0 im nächsten Spiel. Damit aus Regensburg kommende Saison nicht Sonnenhof wird. Und, ah ja: Frohe Weihnachten!