02. Februar 2016 / 18:40 Uhr

Der Platzwart: Marcelo ist „Der Hannoveraner“

Der Platzwart: Marcelo ist „Der Hannoveraner“

Der Platzwart
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
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Wer hätte das gedacht: Marcelo hat den Verein gewechselt. Der Mann, der wie kein Zweiter für 96 steht, kickt ab sofort in der Türkei. Dabei hatte er so lange auf ein Engagement in Hannover hingearbeitet.

August 2013: Ein junger Brasilianer betritt hannoverschen Boden, sein Name: Marcelo. 96-Manager Dirk Dufner, noch recht neu im Amt, hat den jungen Mann umgehend an die Leine geholt, nachdem Marcelo ihm eine DVD mit den schönsten Querpässen seiner Karriere zugeschickt hatte. Dufner deutet an, welches Potenzial in ihm steckt. Und in Marcelo. Für den stets gut gelaunten Innenverteidiger geht ein Lebenstraum in Erfüllung, er küsst unaufgefordert 96-Aufkleber auf parkenden Fahrzeugen. Es entstehen mehrere Selfies, die sozialen Netzwerke sind informiert. 

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Vorher: Der kleine Marcelo träumt von Hannover. In seinem Jugendzimmer: Poster von Charly Neumann und Herbert Schmalstieg, daneben eine mumifizierte Currywurst aus dem Plümecke. Er nennt sich Maschseelo, sein Lieblingsgetränk heißt „Lüttje Lala“, eine Kerze im Strafraum nennt er Calenberger Pannenschlag. In seinem Heimatort São Vincente feiert er jeden Juli das „Schützenfest Do Brazil“, allein zwar, aber er macht Selfies, die interessierte Öffentlichkeit ist informiert.

Marcelo wechselt 2008 von Brasilien aus zu Wisla Krakau, dem Hannover 96 der polnischen Liga. Anstatt zu trainieren, sucht er die A2. Er wird zum PSV Eindhoven abgeschoben, dem Hannover 96 der holländischen Liga, wo er sein Querpassspiel verfeinert, das Kopfballspiel entdeckt und im Bereich „Stellungsfehler mit Gegentorfolge“ große Fortschritte macht. Er merkt: Er ist nun reif für den letzten großen Schritt in seiner Karriere, er ist reif für Hannover 96. Eine DVD entsteht. Aus Selfies.

Januar 2016: Marcelo ist nach Altin Lala, Steve Cherundolo, Hans Siemensmeyer und Roman Wallner der hannöverschste Fußballspieler aller Zeiten. Er hat den Querpass in „Marcelianische  Eröffnung“ umbenannt, eine Initiative gegen Raumgewinn gegründet und mit seiner Spielweise Begehrlichkeiten geweckt. Marcelo lernt Fremdsprachen, er würde Hannover nie den Rücken kehren, aber ein Leihgeschäft könnte er sich vorstellen. Beim Rückrundenauftakt gegen Darmstadt begrüßt Marcelo seine Mitspieler abwechselnd mit „Bonjour“, „Merhaba“ und „Ni hao“. Im Zweikampf mit Chicharito eine Woche später fällt ihm ein türkisches Wörterbuch aus der Hose.

Oder Bayern München – sein Kindheitstraum! Das Hannover 96 der oberen Tabellenhälfte. Und dort fallen nun ausgerechnet die beiden Defensivstrategen Jerome Boateng und Javi Martinez aus. Fast folgerichtig klingelt nachts, kurz  nach dem 0:3 gegen Leverkusen, Marcelos Telefon. Marcelo versteht kein Wort, der Anrufer spricht Dialekt, wahrscheinlich Pep Guardiola persönlich. Am nächsten Tag fliegt der Hanno-Brasilianer mit dem Online-Ticket zum Medizin-Check nach München. Eine erstaunlich multikulturelle Stadt, dieses München, mit vielen Moscheen.

Eine Reihe obligatorischer Selfies beim Check, eine Shisha, einen Tee, Unterschrift, fertig. Marcelo stutzt kurz: Auf dem Leihvertrag steht „Besiktas“. Nicht Bayern? Süper! Marcelo träumte schon von einem Leben in Istanbul, als die Stadt noch Konstantinopel hieß. Trikotpräsentation, Selfie mit dem Präsidenten. Marcelo küsst unaufgefordert Besiktas-Logos auf fahrenden Autos.


Fest steht: Der Wechsel des Herzens-Hannoveraners wird der Mannschaft guttun. Vielleicht sogar der von Besiktas.