01. Mai 2021 / 15:28 Uhr

Der RB-Schreck aus Windischleuba: Nelly Juckel will mit Jenas Damen in die erste Liga

Der RB-Schreck aus Windischleuba: Nelly Juckel will mit Jenas Damen in die erste Liga

Steffen Enigk
Leipziger Volkszeitung
Nelly Juckel trägt aktuell das Trikot des FC Carl Zeiss Jena.
Nelly Juckel trägt aktuell das Trikot des FC Carl Zeiss Jena. © Imago/Kirchner-Media
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Nelly Juckel spielt in der 2. Fußball-Bundesliga  - und wie! Mit Carl Zeiss Jena steht sie in der Tabelle prächtig da, und auch gegen die Damen von RB Leipzig konnte neulich ein Sieg eingefahren werden. Das Ziel ist klar: Wiederaufstieg in die Bundesliga und Anteil daran haben.

Jena. Früher in Windischleuba war sie mehrfach Torschützenkönig in Jungsmannschaften, inzwischen mischt Nelly Juckel mit ihren Treffern im Trikot des FC Carl Zeiss Jena die 2. Frauen-Bundesliga auf. Beim 1:1 gegen Tabellenführer FSV Gütersloh erzielte die 19-Jährige den Ausgleich, beim 3:1-Sieg im brisanten Verfolgerduell gegen RB Leipzig, mit dem Jena Rang zwei eroberte, durfte sie das 2:0 bejubeln und beim 3:1 über Borussia Bocholt den Endstand. "Es ist einfach ein schönes Gefühl, der Mannschaft so helfen zu können", sagt Nelly Juckel, "mein erstes Tor gegen Gütersloh war das wichtigste und emotionalste, das werde ich nie vergessen. Wir haben die Niederlage verhindert und so weiter die Chance auf den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga."

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"Die hatten Angst vor mir, aber ich nicht vor ihnen"

Kurios: Die Abiturientin wurde nach ihrem Wechsel 2016 nach Jena als Abwehrspielerin ausgebildet und glänzte bisher als Linksverteidigerin. In den Sturm rückte sie vor einigen Wochen nur, weil die beiden Stamm-Angreiferinnen verletzt ausfielen. Anne Pochert zeigt sich von Nellys Erfolgen aber nicht überrascht. "Ich habe sie ja schon lange auf ihrem Weg begleitet. Sie ist seit Jahren eines unserer größten Talente und vielseitig einsetzbar", meint die Trainerin, "sie lebt von ihrer Athletik, Dynamik und Schnelligkeit, ist zweikampfstark, hat ein gutes Passpiel und kann von hinten aufbauen. Sie besitzt aber auch das Durchsetzungsvermögen und die Kaltschnäuzigkeit im Abschluss. Mit ihr im Angriff konnte ich nichts verkehrt machen, auch wenn sie manchmal noch zu viele Chancen vergibt."

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Nelly kommt aus einer Fußballer-Familie. Steffen Juckel, einst Leistungsträger in Windischleuba und immer noch bei den Alten Herren aktiv, nahm Sohn Max, der jetzt beim TSV spielt, und seine Tochter schon früh mit auf den Platz. "Mein Vater ist bis heute einer meiner größten Kritiker und gibt Tipps", erzählt Nelly, "auch meine Mama hat mich stets unterstützt, aber meist nur gesagt: tolles Spiel oder Kopf hoch."

Sie begann in der F-Jugend, kickte bis zu den C-Junioren mit und gegen Jungs, behauptete sich immer, war in diversen Nachwuchsteams Führungsspielerin und Kapitän, wurde mit der SG Fockendorf/Windischleube Vize-Kreismeister, Hallen-Dritter in Osttühringen und oft als beste Turnierspielerin ausgezeichnet, schoss Tore wie am Fließband. "Die gegnerischen Trainer haben manchmal ihre Jungs angebrüllt: Packt die Blutgrätsche aus. Die hatten Angst vor mir, aber ich nicht vor ihnen."

"Noch keine Lösung für das Problem gefunden"

Es folgten Einsätze in der Thüringer Landesauswahl der U14-Mädchen, und 2016 kam eine Einladung zum Probetraining beim damaligen USV Jena - unterschrieben von Nachwuchs-Trainerin Anne Pochert. "Klar hat mich das gereizt, ich wusste ja, wie hoch dort die Qualität ist und dass dies eine Riesenchance für mich ist." Nelly Juckel nutzte sie, sammelte zunächst Erfahrungen in der U17-Bundesliga. Sie lernte schnell, wurde immer besser und Stammspielerin. Im November 2017 nominierte der DFB sie für die deutsche U16-Auswahl. Beim 3:2 gegen Dänemark gab sie als Einwechslerin ihr Debüt im Nationaltrikot, zwei Tage später beim 3:0 über die Däninnen stand sie bereits in der Startformation. Beim Nordic Cup 2018 absolvierte Nelly Juckel als Verteidigerin vier weitere Länderspiele gegen England, Island, Schweden und Norwegen.

Nelly Juckel (l.) im Finale der E-Junioren-Hallenmeisterschaften im Dezember 2012.
Nelly Juckel (l.) im Finale der E-Junioren-Hallenmeisterschaften im Dezember 2012. © Mario Jahn

Es waren ihre bislang letzten, was auch Verletzungspech geschuldet ist. Seit einem Außenbandriss 2018 im Knie wird sie mitunter von Schienbeinschmerzen geplagt. "Die Ärzte haben noch keine Lösung für das Problem gefunden, wahrscheinlich ist es eine Knochenhautreizung. Ich musste die Belastung reduzieren und im Training kürzertreten. Bei Spielen habe ich aber so viel Adrenalin im Blut, dass ich kaum etwas merke."


Angeln und Snowboarden

In der vergangenen Saison schaffte Nelly Juckel den Sprung ins Frauen-Team und trat mit dem USV in der Bundesliga an. "Wir haben zwar fast alles verloren, aber es war trotzdem ein großes Erlebnis für mich, gegen Spitzenmannschaften wie Wolfsburg oder den FC Bayern auf dem Platz zu stehen und mich mit Nationalspielerinnen zu messen." Nach dem Abstieg schloss sich der USV im Vorjahr dem FC Carl Zeiss an, Anne Pochert wurde Cheftrainerin und peilt mittelfristig die Rückkehr in Liga eins an. "Für unsere blutjunge Mannschaft ist das aber in dieser Saison kein Muss", sagt die 35-Jährige, die gerne wieder mit Nelly Juckel zusammenarbeitet und diese mit iher ehemaligen Nachwuchstrainerin. "Es macht natürlich mehr Spaß, wenn wir jetzt oft gewinnen, ganz oben mitspielen und ich dabei noch Tore schieße", erklärt Nelly.

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Von Höhenflügen in der Bundesliga oder gar einer Karriere in der Frauen-Nationalmannschaft mag die Windischleubaerin derzeit aber nicht träumen. "Das hängt auch von meiner gesundheitlichen und beruflichen Entwicklung ab."

Denn ihre Prioritäten werden sich wohl verschieben. Bald stehen die Abi-Prüfungen am Sporgymnasium in Jena an, Nelly Juckel hat sich schon für ein duales Studium der Immbobilienwirtschaft in Erfurt beworben. Momentan laufen Vorgespräche mit möglichen Praxispartnern. Wenn alles klappt, wird sie ab Herbst zwischen der Landeshauptstadt und Jena, wo sie mit ihrem Freund eine Wohnung bezogen hat, pendeln. Dann bleibt nicht nur für ihre Hobbys ("Beim Angeln und im Winter beim Snowboardfahren kann ich am besten entspannen") weniger Zeit, sondern auch für den Fußball. "Ich habe schon mit der Trainerin besprochen, dass ich einen freien Tag mehr brauche und nicht immer zum Training kommen kann."

Anne Pochert akzeptiert das. Sie weiß nur zu gut, dass in Deutschland kaum Spielerinnen allein vom Fußball leben können und gar keine in Jena, dass Job oder Ausbildung für ihre Frauen Vorrang haben. Sie hofft trotzdem, dass Nelly Juckel noch viele Tore für den FC Carl Zeiss schießt - oder aber wieder die Abwehr stabilisiert, wenn die verletzten Stürmerinnen zurückkommen.