19. März 2020 / 13:11 Uhr

Der Traum lebt noch: Hannovers Rollstuhlbasketballer wollen zu den Paralympics

Der Traum lebt noch: Hannovers Rollstuhlbasketballer wollen zu den Paralympics

Uwe von Holt
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Die Rollstuhlbasketballer von Hannover United Oliver Jantz (links) und Jan Sadler leben gemeinsam in einer WG.
Die Rollstuhlbasketballer von Hannover United Oliver Jantz (links) und Jan Sadler leben gemeinsam in einer WG. © privat
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Die Rollstuhlbasketballer Oliver Jantz und Jan Sadler wollen zu den Paralympics. Doch aufgrund der Corona-Krise ist dieser Traum in Gefahr. Ein WG-Bericht in unsicheren Zeiten.

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Sie halten die Stellung, was bleibt ihnen auch übrig? Jan Sadler und Oliver Jantz, beide Rollstuhlbasketballer von Hannover United, leben im Wohntrakt des Landessportbundes, schräg hinter der HDI-Arena. Die benachbarten Komplexe mit rund 70 Betten, die zum Sportinternat des LSB gehören, sind längst verwaist. Die Schüler, die ansonsten dort wohnen, lernen und trainieren, sind gleichsam evakuiert worden, es gibt ja auch keinen Unterricht mehr, sie sind bei ihren Familien untergekommen. Sadler und Jantz, beide körperlich gehandicapt, sind geblieben.

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Ihre Unterkunft, aufgezogen wie eine große WG mit einzelnen Zehn-Quadratmeter-Zimmern, eigenen Bädern und einer gut ausgestatteten Gemeinschaftsküche, läuft unter der Verwaltung des Olympiastützpunkts, da gelten in Zeiten von Corona pragmatische Regeln – keiner musste ausziehen, die Mieter sind ja auch schon erwachsen und können, sagt Sadler, „mit gesundem Menschenverstand wie jeder andere auch“ die aktuellen Risiken durch das Coronavirus gut einschätzen. Die Rolli-Athleten halten sich an die hinlänglich bekannten Hygiene- und Kontaktregeln, „Angst um uns haben wir eher nicht“, versichert Sadler.

Jan Sadler wünscht sich bald wieder geregeltes Training.
Jan Sadler wünscht sich bald wieder geregeltes Training. © Maike Lobback

"Können echt zufrieden sein mit unseren Leistungen"

Nur mit ihrer Hauptbeschäftigung haben es die professionellen Rolli-Athleten im Moment schwer, die Saison ist zwangsweise beendet worden, an regelmäßiges Training denkt Sadler im Moment überhaupt nicht. „Wir haben uns ohnehin eine gewisse Pause verdient, ob nun jetzt oder ein bisschen später, es war eine anstrengende, aber sehr, sehr gute Saison.“

Dass der gute United-Lauf in der Coronakrise mitten im Play-off-Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft abgebrochen wurde, ist sportlich einigermaßen zu verschmerzen. United hätte noch drei, vielleicht vier Spiele gehabt, dann wäre es am Ende des Halbfinals wohl ohnehin vorbei gewesen. Und das heimische Pokal-Final-Four in der IGS Stöcken war gerade noch rechtzeitig über die Bühne gegangen, Hannover scheiterte im Halbfinale. „Wir können echt zufrieden sein mit unseren Leistungen“, sagt Sadler.

Trotzdem können sich Sadler und Jantz nicht entspannen, die Zeit ist gerade nicht nach Genießen. Der Journalismus-Student Sadler verfolgt in der Krise aufmerksam die Nachrichten, am meisten ärgern ihn die Corona-Fake-News, die in den sozialen Netzwerken verbreitet werden. „Da geht es um die Wirkung von Ibuprofen und anderen Sachen, das ist doch fahrlässig. Und es gibt noch viel mehr Unsinn.“

Oliver Jantz von Hannover United muss mit seinem Kollegen Jan Sadler auf das Ende der Krise warten.
Oliver Jantz von Hannover United muss mit seinem Kollegen Jan Sadler auf das Ende der Krise warten. © imago images/Beautiful Sports

Das große Ziel ist in Gefahr

Dabei muss Sadler tatsächlich ein bisschen mehr als andere aufpassen, er hat Asthma, das ist ein zusätzliches Risiko im Falle einer Infektion. Andere Teamkollegen wie die querschnittgelähmten Vanessa Erskine und Tobias Hell sind anders gefährdet, ihr Trainer Martin Kluck weiß: „Durch die Behinderung ist das Lungenvolumen eingeschränkt.“ Sadler allerdings hat keine Angst: „Wir gehen schon noch aus, meiden aber größere Menschenmengen, ist doch klar. Ein bisschen gehamstert hat der 26-Jährige natürlich auch: „Vier, fünf Tage komme ich hin.“ Es gibt vegetarisches Chili und Wraps, selbst gekocht.

Doch Sadler und Jantz denken derzeit viel weiter als über ihren Tellerrand hinaus, ihre Sorgen sind groß. Beide haben in diesem Jahr noch ein größeres Ziel, vielleicht das größte ihrer Karriere, die Paralympics in Tokio (25. August bis 6. September). Wie die Olympischen Spiele sind auch die Behinderten-Wettkämpfe vom Corona-Aus bedroht, Sadler will sich „aber nicht davon abbringen lassen, ich will unbedingt dahin“. Und er will sich auch nicht darauf vertrösten lassen, dass es in vier Jahren bestimmt noch eine neue Chance geben werde. Sadler wäre dann gerade 31, „aber man kann sich eben auf nichts verlassen, ich möchte mir das jetzt nicht nehmen lassen“. Er gehört zum inneren Kreis der Nationalmannschaft, wäre trotz noch ausstehender Qualifikationen zu fast 100 Prozent dabei. Wenn die Spiele denn stattfinden würden.

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Spieler halten sich fit

Auch sein United-Trainer würde gerne mitfahren. Martin Kluck, auch Co-Trainer der Rolli-Nationalmannschaft, hat Tokio fest auf seinem Reiseplan. „Ich kann es aber nicht beeinflussen. Wenn die Paralympics abgesagt werden, dann ist es eben so, die Gesundheit steht über allem.“ So lange er zusammen mit den sechs hannoverschen United-Nationalspielern – Mariska Beijer startet für die Niederlande – auf Entwicklungen und Entscheidungen wartet, wird zumindest weiterhin an die nötige Fitness gedacht.

Nach der aktuellen Pause, für die die Spieler nur ein paar individuelle Übungen mit Hanteln und Gummibändern aufbekommen haben, soll bald wieder richtig trainiert werden. Viele Anlagen sind gesperrt, aber die United-Athleten hoffen, dass sie in der Sporthalle unter ihrem Wohnkomplex arbeiten können. „Da wären wir ja unter uns“, sagt Sadler – Trainer Kluck will sich um eine „Sondergenehmigung bemühen“. Zur Not „gehen wir einfach raus“, schlägt Sadler vor, „in Hannover gibt es genug Freiplätze für Basketballer“. Die Jungs wollen an die frische Luft, und zumindest ihr Optimismus ist erfreulich ansteckend in diesen bedrückenden Zeiten.