21. April 2020 / 17:48 Uhr

Der TuS Hessisch Oldendorf - Teil 1: Der Aufstieg

Der TuS Hessisch Oldendorf - Teil 1: Der Aufstieg

Jörg Bressem
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
Die Mannschaft des TuS Hessisch Oldendorf steigt 1978 in die Verbandsliga Niedersachsen auf. fotos: pr. (2), jö
Der Gönner: Siegfried Gottwald hievte den TuS Hessisch Oldendorf in ungeahnte Sphären. © pr.
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Der TuS Hessisch Oldendorf war über lange Zeit der erfolgreichste Verein im heimischen Fußball. In unserer dreiteiligen Serie blicken wir auf die glorreichen Zeiten zurück. Los geht es mit Teil 1: Dem Aufstieg.

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Wenn ältere Herrschaften beim Begriff TuS Hessisch Oldendorf ins Schwärmen geraten, dann sind heutige Spieler meist ratlos. Was ist das für ein verblichener Verein, von dem da die Rede ist und warum sind „Altinternationale“ scheinbar stolz darauf, dort mal gespielt zu haben?

Ganz einfach: Der TuS Hessisch Oldendorf war über viele Jahre hinweg das Maß aller Dinge im heimischen Fußball, sein sagenhafter Aufstieg, sein Höhenflug und sein tiefer Fall ist die wohl verrückteste Geschichte, die es im heimischen Fußball in den letzten 50 Jahren gab.

Ehrgeiz und Geld

Es ist eine Geschichte von Ehrgeiz und von sehr viel Geld, und sie zieht sich über mehrere Spielergenerationen. Wir arbeiteten sie auf und erzählen sie in drei Teilen, jeweils mit einem zentralen Zeitzeugen. Der erste Teil beschreibt, wie alles begann und wie sich der TuS Hessisch Oldendorf von der zweiten Kreisklasse bis auf die Niedersächsische Fußballbühne hochspielte.

Unser Zeitzeuge ist Arno Karnau, der als Geschäftsführer des Vereins auch für die Spielereinkäufe verantwortlich war. Der heute 86-jährige leitete bei der seinerzeit äußerst florierenden Firma Weserbergland-Möbel die Rechtsabteilung, machte sich 1967 als Rechtsbeistand selbstständig und beschäftigte zeitweise acht Mitarbeiter.

Der Gönner heißt Gottwald

Seine berufliche Herkunft ist wichtig, denn der Besitzer und Gründer von Weserbergland-Möbel hieß Siegfried Gottwald, ein erfolgreicher, wohlhabender und charismatischer Self-Made-Man der Nachkriegsjahre. Als der TuS Hessisch Oldendorf 1970 sportlich und finanziell in großen Schwierigkeiten war, als der Traditionsverein nur noch in der 2. Kreisklasse spielte und sogar von Auflösung die Rede war, das stand Gottwald während der Hauptversammlung auf, erklärte, dass er bereit sei, den Vorsitz zu übernehmen und kündigte an, die Aufgabe auf seine Weise zu erledigen. Er wolle mit dem TuS Hessisch Oldendorf an seinem 50. Geburtstag in der Verbandsliga spielen.

Wie bitte? Von der 2. Kreisklasse bis hoch in die Verbandsliga? Was sich abenteuerlich anhörte, wurde von Gottwald, der bereits 45 Jahre alt war, aber genauso konsequent und durchsetzungsstark realisiert, wie er es aus dem Beruf gewohnt war. „Ich habe mir wohl auch einen Teil meiner Zeit zwischen 20 und 30 zurückgeholt“, erläuterte er später in einem Interview seine tieferen Beweggründe. „Während meine Kameraden Fußball spielten, musste ich arbeiten und mein Unternehmen aufbauen.“

Spieler aus dem heimischen Kreis

Gottwald lockte mit seinem Geld die ersten guten Spieler an und weil Hessisch Oldendorf damals noch zum Kreis Rinteln gehörte, richtete sich sein Blick vor allem in den Schaumburger Bereich. Spieler wie Hans-Jürgen Schwaneberg, Wolfgang „Pimpf“ Voigt (beide SV Obernkirchen), Helmut Siekmann (Hemeringen) und Günther „Paule“ Hauschild (Hameln) waren erste spektakuläre Verpflichtungen. Schon im Jahr 1971 wurde der TuS Hessisch Oldendorf mit 52:0-Punkten unter Trainer Manni Kühne Kreismeister der Grafschaft Schaumburg. Sehr zum Ärger des ebenfalls starken SV Engern übrigens, dessen Aufstieg in die Bezirksklasse sich wegen des Durchmarsches des übermächtigen Gegners um ein Jahr verzögerte.

Die „Möbelpacker“ wurden die Spieler des TuS Hessisch Oldendorf deshalb manchmal spöttisch genannt, weil einige tatsächlich auch einen Job bei Gottwald bekommen hatten. Mit Spielern wie Egbert Piotrasch, Fritz Apking, Rainer Schmidt, Volker Grundmann und „Bubi“ Smolka waren noch etliche Oldendorfer beim Start dabei. 1971 war auch das Jahr, in dem Arno Karnau von Gottwald für das Projekt gewonnen wurde.

Verhandlungen auf der Eckbank

„Ich gebe das Geld, Du machst die Arbeit“, sagte der große Vorsitzende, und so kam es. „50 Prozent meiner Zeit ging für den TuS Hessisch Oldendorf drauf“, berichtet Karnau. Auf einer Eckbank in seinem Büro in der Waldenburger Straße wurden fortan die Verhandlungen mit den neuen Spielern abgewickelt. „Wir müssen in jeder Liga eine Mannschaft haben, die stärker ist als die besten dieser Staffel“, erklärte Gottwald seine Marschroute. Nur Spieler, die sich andernorts deutlich hervorgetan hatten, wurden angesprochen und kamen für das Vorhaben in Betracht.

Der TuS Hessisch Oldendorf wurden zur Auswahlmannschaft, die natürlich auch in der Bezirksklasse nicht zu stoppen war. Mit 55:5-Punkten war es bereits der dritte Aufstieg in Folge. Erst in der Bezirksliga geriet der Express kurzfristig ins Stocken, obwohl er mit Männern wie Hans-Heinrich Hansen (Bückeburg) oder Charly Wieggrebe (Steinbergen) weiter verstärkt wurde und obwohl es 1973 mit dem Freundschaftsspiel gegen Roter Stern Belgrad einen weiteren Höhepunkt gab. Unter Trainerlegende Helmut Rödenbeck war es in der Saison 1974/75 aber so weit.

Pünktlich zu Gottwalds 50. Geburtstag stieg der TuS Hessisch Oldendorf in die Verbandsliga Süd auf. „Rödenbeck weiß kaum noch, wie er seine Spieler motivieren soll“, schrieb die Zeitung angesichts der 22 Punkte Vorsprung. „Schwante“ Schwaneberg und Voigt waren immer noch dabei, außer ihnen mittlerweile viele Schaumburger Größen wie Dieter Brachvogel (Engern, Arminia Hannover), Willi Ahnefeld (Niedernwöhren, Hannover 96), Rudi Debus (Obernkirchen), Fritz Brinkel, Dieter Preiss (beide Rehren A/O), Rolf Neumann (Pohle) und Manni Bartels (Niedernwöhren).

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Gottwald freute sich diebisch und hatte den Sportplatz am Barksener Weg zum „Waldstadion“ ausbauen lassen. In den anderen Vereinen schwang trotz aller Ablehnung („Gottwald-Knechte“) auch immer ein Stück Bewunderung für den TuS Hessisch Oldendorf mit. Unterschwellig war man sogar stolz darauf, einen Spieler in der Auswahl zu haben. So ist auch zu der gute Zuschauerzuspruch zu erklären, zum Beispiel als sich der TuS Hessisch Oldendorf 1978 mit einem 2:1-Sieg gegen den VfR Osterode vor 2.000 Zuschauern im Waldstadion schon wieder die Meisterschaft sicherte und in die Verbandsliga Niedersachsen aufrückte. Schaumburger Spieler wie Dittmar Schönbeck (Niedernwöhren), Klaus Engemann, Manni Meyer (beide Bückeburg), Hans-Georg Dlugosch (Rinteln) waren mittlerweile dabei. Außerdem tauchte neben Rainer und Rüdiger Schmidt ein weiterer echter Oldendorfer erstmals auf - Günther „Auge“ Buchholz.

Ein Jahr zuvor hatten der grün-weiße TuS mit einem 3:1 gegen den TSV Verden bereits den Niedersachsenpokal gewonnen und sich damit in der Elite des Landes angekündigt. „Es waren großartige Jahre“, erinnert sich Karnau, der nicht müde wird, zu beteuern, dass es den Spielern nicht allein um das Geld ging. „Alle wollten dabei sein, es gab auch Kameradschaft und es machte natürlich Spaß, die Erfolge zu feiern. Weil die Spieler im Schnitt 20 Jahre jünger als ich waren, blieb auch ich jung.“ Er erfreut sich heute so guter Gesundheit, dass er beruflich immer noch aktiv ist. Auch der 75-jährige Schwaneberg erinnert sich gerne zurück: „Aber ich hätte in den Jahren vielleicht besser verhandeln müssen.“

Im zweiten Teil unserer Geschichte lesen Sie über die Jahre des Höhenfluges bis in die Amateuroberliga Nord, der dritthöchsten deutschen Spielklasse, über TV-Reportagen, aber auch über die Grenzen des Wachstums. Zeitzeuge wird Günther Buchholz sein.