27. April 2020 / 11:14 Uhr

Der TuS Hessisch Oldendorf - Teil 2: Teil der norddeutschen Elite

Der TuS Hessisch Oldendorf - Teil 2: Teil der norddeutschen Elite

Jörg Bressem
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
Das Mannschaftsbild oben von links: Manfred Neuschulz, Thomas Kellermann, Dieter Brachvogel, Peter Kriks, Frank Kuhlmann, Manfred Rusteberg, Zeynel Der, Rainer Beißner, Zoltan Karaffa, Günther Buchholz, Gerd Nowak, Betreuer Wilhelm Depping, Masseur Dieter Viets, Siegfried Gottwald. Unten von links: Rolf Neumann, Günter Blume, Heinz Loges, Fritz Brinkel, Holm Mauritz, Reinhard Loges, Dirk Lübke.
Das Mannschaftsbild oben von links: Manfred Neuschulz, Thomas Kellermann, Dieter Brachvogel, Peter Kriks, Frank Kuhlmann, Manfred Rusteberg, Zeynel Der, Rainer Beißner, Zoltan Karaffa, Günther Buchholz, Gerd Nowak, Betreuer Wilhelm Depping, Masseur Dieter Viets, Siegfried Gottwald. Unten von links: Rolf Neumann, Günter Blume, Heinz Loges, Fritz Brinkel, Holm Mauritz, Reinhard Loges, Dirk Lübke. © pr.
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Die abenteuerliche Chronik des Aufstiegs und Niedergangs des TuS Hessisch Oldendorf war auch eng mit wichtigen Trainern verbunden – Manfred „Manni“ Kühne, Helmut Rödenbeck, Werner Nolte und natürlich Günter Blume.

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Mit ihm holte Mäzen und Präsident Siegfried Gottwald zum ganz großen Schlag aus, dem Aufstieg in die Oberliga Nord, der dritten Liga. Oberhalb gab es nur noch die Profis der zweiten und ersten Bundesliga.

Es waren dramatische Wochen im Sommer 1982. Die Meister und Vizemeister der vier norddeutschen Fußballverbände kämpften in einer Aufstiegsrunde um den Einzug in das Oberhaus. Mit einem 4:1-Sieg beim SC Urania in Hamburg-Bergedorf machte der TuS Hessisch Oldendorf die Sensation schließlich perfekt, stieg gemeinsam mit Olympia Wilhelmshaven in die Oberliga Nord auf. Auch Gottwald war völlig aus dem Häuschen, rannte über den Platz und soll stolz und mehrfach gerufen haben: „Und ich bin der Präsident!“

Statt TSV Helmstedt oder VfR Osterode kamen ab jetzt tatsächlich Mannschaften wie der FC St. Pauli, Holstein Kiel und der VfL Wolfsburg ins Waldstadion. In der Oberliga tummelte sich die norddeutsche Elite mit jeder Menge Prominenz, die überwiegend unter professionellen Bedingungen arbeitete.

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„Trotzdem waren wir selbstbewusst“, erinnert sich Günther Buchholz, der mittlerweile für die Startelf gesetzt war. Neben dem schönen Erlebnis, jetzt in Stadien wie dem Millerntor oder der Bremer Brücke in Osnabrück spielen zu dürfen, war die Oberliga für den TuS Hessisch Oldendorf auch finanziell ein Abenteuer.

Denn während in den Aufstiegsspielen noch regelmäßig über 1500 Interessierte ins Waldstadion geströmt waren, kamen zu den Punktspielen jetzt im Schnitt nur noch 800 Zuschauer. „Damit hatten wir nicht gerechnet“, erzählt Karnau. Allerdings hatte der spätere deutsche Meister VfL Wolfsburg mit knapp 1000 Besuchern damals auch nicht viel mehr Zuspruch.

Die Spiele im Waldstadion hatten dennoch historische Dimensionen. Der TuS Hessisch Oldendorf ging in seiner ersten Saison auf dem 13. Platz sicher ins Ziel, das natürlich Klassenerhalt hieß. Ein Jahr später wurde er sogar Zehnter. Meister wurden damals übrigens die Amateure von Werder Bremen mit Günter „Jimmy“ Hermann, der Rehburger, der in der Jugend des FC Stadthagen spielte (1975 bis 1979), dem späteren Weltmeister von 1990 unter Franz Beckenbauer – und mit Frank Ordenewitz („Mach et, Otze!“).

Doch egal, wer ins Waldstadion kam und wie wichtig er war, alle mussten sich den sehr speziellen Bedingungen anpassen. Die Spieler gingen gemeinsam mit den Zuschauern die gut 100 Meter durch den Kies von der Kabine zum Sportplatz und mussten sich auf Anweisung von Aufwartefrau Lisa Steinbrecher nach dem Spiel gefälligst die Schuhe ausziehen.

Kicker im Aquarium

Die Pressevertreter hockten in einem Glaskasten, der oberhalb der Ränge am Hang klebte, und „Aquarium“ genannt wurde. Manchmal war der Hörfunk da, und natürlich berichtete auch der „Kicker“. Dort oben fanden mit Trainern wie dem späteren 96-Pokalhelden Michael Lorkowski, mit Willi Reimann oder Nationalspieler Hans Siemensmeyer nach dem Spiel auch die Pressekonferenzen statt. Es gab Kaffee, Weinbrand und nach Niederlagen bisweilen auch mal bissige Nachfragen von Gottwald in Richtung des eigenen Trainers.

„Siegfried konnte schlecht verlieren“, erinnert sich Buchholz, der als Nachwuchsspieler fast eine ganze Saison auf der Bank verbrachte, ehe er sich als letzter „Eingeborener“ mit Zähigkeit in die Mannschaft durchbiss. „Ich glaube nicht, dass viele junge Spieler dazu heute noch bereit wären“, sagt er. Herrlich war in dieser Zeit auch ein Fernsehbericht über einen 3:1-Heimsieg gegen den TSV Havelse vor 1500 Zuschauern, der sich um Günter Blume drehte, in dem sogar seine Kabinenansprache gezeigt wurde und in dem der NDR-Moderator zweimal am Begriff „Hessisch“ scheiterte. Offensichtlich war es ihm suspekt, dass ein vermeintlich hessischer Verein im norddeutschen Oberhaus mitmischte.

Frau Gottwald wusste von nichts

Damit war dann im Jahr 1985 tatsächlich auch Schluss. Der TuS Hessisch Oldendorf stieg als Tabellenletzter ab. „Ich hätte mir eine weitere Saison auch nicht leisten können“, behauptete Gottwald später mal augenzwinkernd. Er habe die wahren Kosten seiner Frau immer verschweigen müssen. Eine Auswahlmannschaft heimischer hochbegabter Spieler war der TuS Hessisch Oldendorf längst nicht mehr.

Weil die fußballerischen Ansprüche in der Oberliga Nord immer höher geworden waren, kamen zunehmend Spieler aus Hannover, die hierzulande nur wenige kannten – ebenfalls eine Erklärung für den Zuschauerrückgang. In der neuen Mannschaft standen Spieler wie Klaus Körth, Mario Obermeyer (beide Hannover 96), Axel Springer (später VfL Wolfsburg), Kurt Becker (1. FC Wunstorf) und der Pole Jan Jermakowicz. Der junge Neale Marmon, der vom SC Rinteln kam, und der später zum VfL Osnabrück und zu Hannover 96 ging, war eine Ausnahme.

Während der Abstiegssaison kamen im Schnitt nach offiziellen Angaben noch 670 Interessierte. In der ewigen Tabelle der nicht mehr existierenden Oberliga Nord steht der TuS Hessisch Oldendorf auf dem 40. Tabellenplatz für immer in den Geschichtsbüchern. Sportlich bleiben aus den Oberligajahren trotz aller Verwerfungen tolle Erinnerungen zurück, etwa die an Holm Mauritz, der von seinen Torwart-Kollegen als bester Schlussmann der Oberliga gewählt wurde, und dessen Leistungen schlichtweg sensationell waren. Hertha BSC Berlin und Schalke 04 sollen Interesse bekundet haben, aber irgendwie klappte es nie.

Außerdem gab es da noch den stets freundlichen Reinhard „Gento“ Loges, der mit seinem gigantischen Antritt jeden Gegner in einer Staubwolke stehenließ und dessen Flanken häufig von Roland Giehr verwertet wurden. Gegen Ende der Oberliga-Ära wurde die Personalpolitik des TuS Hessisch Oldendorf zunehmend beliebiger. Für Blume kam 1983 der Ex-Braunschweiger Achim Wesner als neuer Trainer, hielt sich aber nicht lange.

Auch Klaus Wunder, der für Bayern München, Hannover 96, Werder Bremen und sogar mal für Deutschland gespielt hatte, bewegte ab 1984 nicht viel. Seine Lieblingsübung als Spielertrainer war das Laufen. „Wir brauchten jede Woche neue Schuhe“, behauptet Buchholz scherzhaft. Klaus Wunder brachte es immerhin auf 30 Spiele für den TuS Hessisch Oldendorf, begann vorne, wechselte ins Mittelfeld, spielte zuletzt hinten. „Er war immer da, wo er glaubte, dringend gebraucht zu werden“, erinnert sich Buchholz, der nach dem Abstieg seinem Heimatklub treu blieb und in den Folgejahren etliche Angebote anderer Vereine ausschlug. Auch Geschäftsführer Karnau machte unbeirrt weiter. Er hatte zwischenzeitlich seine Manager-Lizenz absolviert und wurde gemeinsam mit anderen Namen sogar mal bei Hannover 96 gehandelt.

Teil 3

Lesen Sie in Teil drei unserer Geschichte des TuS Hessisch Oldendorf über gute Jahre in der Verbands- und Niedersachsenliga, über den ewigen Zweikampf mit Preußen Hameln 07, aber auch über den schleichenden Niedergang. Unser Zeitzeuge wird Uwe Quindt sein, der diese Phase als Torwart prägte und später sogar mal Vorsitzender war.