07. Mai 2020 / 12:03 Uhr

Der VfL-Elfmeter, der die beste Mannschaft der Welt besiegte

Der VfL-Elfmeter, der die beste Mannschaft der Welt besiegte

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
JTET Rici
Auf dem Weg zu einem großen Sieg: Ricardo Rodriguez verwandelt den Elfer bei Wolfsburgs 2:0 gegen Real Madrid und jubelt. © Imago Images Team2 / DPA
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75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie "Jeden Tag ein Tor" stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Heute geht's um ein Tor, das einen großen Sieg einleitete.

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Keylor Navas hatte noch was zu meckern. Der Torwart der besten Mannschaft der Welt deutete auf den Elfmeterpunkt, auf dem Ricardo Rodriguez den Ball noch ein bisschen hin- und herdrehte, und redete dann auf Schiedsrichter Gianluca Rocchi ein. Julian Draxler, der an diesem Abend sein wohl bestes Spiel für den VfL Wolfsburg machte, stritt auch noch mit, der italienische Unparteiische musste den Keeper und den deutschen Nationalspieler beruhigen. Rodriguez aber, der den Ball ein ganz klein wenig zu weit nach vorn gelegt hatte, bekam das alles gar nicht. "Wenn du einen Elfmeter schießt", sagt er, "dann musst du fokussiert sein. Was der Torwart da wollte, hat mich gar nicht interessiert. Mir war nur wichtig, dass ich den Ball reinschieße. Denn wenn du gegen Real Madrid spielst, dann weißt du ganz genau, dass du nicht viele Chancen bekommen wirst."

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Champions League, Viertelfinale, VfL gegen Real, das größte internationale Spiel der Vereinsgeschichte. Als Vizemeister und Pokalsieger hatte Wolfsburg die Vorsaison beendet, dann den Gruppensieg in der Königsklasse vor der PSV Eindhoven geholt und mit zwei Siegen gegen Gent die erste K.o.-Runde überstanden. Als der italienische Ex-Nationalspieler Gianluca Zambrotta in Nyon das Viertelfinale ausloste, war es tatsächlich Real - die Königlichen kamen nach Wolfsburg. Schon am Vorabend des Spiels drängten sich Hunderte von Fans vorm Innside Hotel am Nordkopf, um einen Blick auf Cristiano Ronaldo, Gareth Bale oder Toni Kroos zu erhaschen. Die Laune der Stars war prächtig, sie hatten gerade den Classico beim FC Barcelona mit 2:1 gewonnen. Was kann da in Wolfsburg schon passieren?

Es kann zum Beispiel passieren, dass der erfahrene, aber nicht so berühmte Trainer der einen Mannschaft (Dieter Hecking) bessere Ideen hat als der berühmte, aber überhaupt nicht erfahrene Trainer der anderen (Zinedine Zidane). Real fiel an diesem 6. April 2016 gegen Wolfsburgs konsequentes Umkehrspiel über die Flügel nichts ein, was etwa in der 18. Minute zu sehen war, als der VfL über links angriff, Draxler den Ball nach innen brachte und Casemiro sein Bein so plump in die Ausholbewegung von André Schürrle stampfte, dass Rocchi Elfmeter pfeifen musste.

Rangliste: Die Bundesliga-Schweizer des VfL Wolfsburg

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Schweizer beim VfL Wolfsburg ©

Ein Dutzend vom Punkt hatte schon gesessen

Wer Elfmeter schießt, war in Wolfsburg keine Frage. 2012 hatte Felix Magath Rodriguez für 5,5 Millonen Euro vom FC Zürich geholt, seitdem war der Schweizer mit chilenischen Wurzeln nicht nur zu einem der besten Linksverteidiger der Bundesliga geworden, sondern auch zum coolsten VfL-Schützen von "Penaltys", wie man in seiner Heimat sagt. Schon beim FC Schwamendingen vor den Toren Zürichs habe er "auch in der Jugend immer die Penaltys genommen", wie er erzählt, "ich kannte das gar nicht anders". In Wolfsburg musste er warten, bis Mittelfeld-Zauberer Diego in der Saison 2013/14 den Platz das Elfmeterschützen Nummer 1 räumte, dann war er dran. Zwölf Elfmeter trat Rodriguez bis zum Real-Spiel für den VfL, alle führten zu Toren, wenn auch einer (gegen Leverkusens Bernd Leno) erst im Nachschuss. Und die meisten Penaltys trat der Mann mit dem auffälligen Dutt so, dass vom Beginn des Anlaufs bis zum Ausbeulen des Netzes nicht der Hauch eines Zweifels daran aufkam, wie die Sache ausgeht.

Jeden Tag ein Tor: Hier gibt es alle Teile der Serie!

Arnold legte nach

Die Größe des Gegners spielt dabei keine Rolle. "Daran denkst du in dem Moment nicht", sagt Rodriguez heute. "Ich weiß noch, dass ich noch während des Anlaufs nicht sicher war, in welche Ecke ich schießen soll. Und der Torwart hat sehr lange gewartet." Doch Rodriguez wartete noch länger, verzögerte den fünften und letzten Schritt kurz. Navas, Held Costa Ricas bei der WM 2014, entschied sich für die rechte Ecke, Rodriguez schoss in die linke. Der Rest ist (Wolfsburger Fußball-)Geschichte. Maximilian Arnold legte das 2:0 nach, dabei blieb es. "Eines der größten Spiele meiner Karriere", sagt Rodriguez. Dass beim 0:3 im Rückspiel erst Zidanes Hose und dann die VfL-Träume platzen, ändert daran nichts. Das 0:2 in Wolfsburg war die einzige Real-Niederlage in dieser Champions-League-Saison, die mit dem Finalsieg der Madrilenen gegen den Stadtrivalen Atletico endete.

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Nicht mehr glücklich bei Milan

Nach dem Strafstoß gegen Real verwandelte "Rici" noch einen weiteren Elfmeter für den VfL (in Freiburg), dann wechselte er zum AC Mailand, wo er zunächst auch die Elfmeter schoss, aber nach drei Trainerwechseln nicht mehr richtig glücklich war. Im Januar ließ er sich zur PSV Eindhoven ausleihen, wie es nach dem Saisonabbruch in den Niederlanden (Rodriguez: "Das hätte man in allen Ligen Europas machen sollen") weitergeht, ist offen, sein Milan-Vertrag läuft bis 2021. Eine Bundesliga-Rückkehr könnte ihn reizen. Wolfsburg? Dort hätte er zumindest die Chance, Grafite (15 verwandelte Pflichtspielelfmeter) mit einem weiteren Treffer von der Spitze der Elfer-Rekordliste zu schubsen. Realistisch? Rodriguez' Antwort ist so cool wie seine Elfmeter: "Sag niemals nie..."