20. April 2020 / 11:49 Uhr

Der VfL-Engländer, der es zweistellig machte: Jetzt ist er Architekt

Der VfL-Engländer, der es zweistellig machte: Jetzt ist er Architekt

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Früher Stürmer, heute Architekt und Grafiker: Geoffrey Payne spielte von 1986 bis 1988 für den VfL.
Früher Stürmer, heute Architekt und Grafiker: Geoffrey Payne spielte von 1986 bis 1988 für den VfL.
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75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie "Jeden Tag ein Tor" stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Heute geht's um ein Tor, von außergewöhnlicher statistischer Besonderheit, das aber selbst der Schütze fast vergessen hatte...

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„Vielleicht mein Ausgleichstor in der Aufstiegsrunde gegen Münster?“ Geoffrey Payne muss ein wenig rätseln. Der Engländer, der im vergangenen Jahr („Wegen des Brexits“) die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat, weiß nicht auf Anhieb, welches seiner Tore für den VfL Wolfsburg ein ganz besonderes war. Auf den Treffer im Spiel bei Atlas Delmenhorst wäre er nicht gekommen.

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Dabei war der wirklich speziell – denn der VfL hat nur ein einziges Mal in seiner höherklassigen Geschichte ein Ligaspiel zweistellig gewonnen. Mit 10:2. In Delmenhorst. Am 4. Mai 1988. Und den Schlusspunkt setzte – wieder einmal als Joker – Payne. „Ja“, sagt der heutige Architekt, „ganz vage kann ich mich jetzt erinnern, das Spiel mit vielen Toren. Ich glaube, ich habe das letzte irgendwie reingedrückt. Das war oft so bei mir: Nicht schön, aber drin“.

"Tore für Wolfsburg, lange her"

Seit 40 Jahren lebt Payne in Deutschland. „Tore für Wolfsburg, das ist lange her“, sagt er. Von 1986 bis 1988 hatte er für den VfL gespielt. „Das 1:1 gegen Münster, das war wichtig, da waren wir in der Aufstiegsrunde weiter im Rennen“, erinnert er sich. „Doch mit einem 2:4 gegen Braunschweig, nachdem wir aus einem 0:2 das 2:2 gemacht hatten, zeichnete sich ab, dass es mit dem Aufstieg nichts mehr wird.“ Der VfL beendete diese Aufstiegsrunde als Letzter.

Und Delmenhorst? Zweistellig gewonnen bei einem ganz leichten Gegner, „da haben wir natürlich nicht mehr groß gejubelt“, weiß Payne um einen Grund, warum dieser Treffer seiner zwölf Punktspieltore in 35 Liga-Einsätzen in der Erinnerung weit hinten rangiert. Und: „Als wir bei Atlas gespielt haben, hatten wir andere Ziele, waren wir für die Aufstiegsrunde schon qualifiziert.“

"VfL-Spiele besuche ich immer noch"

Der VfL scheiterte, Payne erinnert sich: „Wolfsburg hat damals schon dran gearbeitet, wieder in die 2. Liga aufzusteigen.“ Es dauerte aber noch vier Jahre und drei Trainer (Horst Hrubesch, Ernst Menzel und Uwe Erkenbrecher), bis es soweit war und sich der VfL aus der ewig scheinenden Drittklassigkeit befreite. Payne ist durchaus stolz darauf, in der Anfangszeit dieser Ära mit dabei gewesen zu sein. Viele Mitstreiter von einst, wie Uwe Beese, trifft er noch regelmäßig im Stadion, „denn VfL-Spiele besuche ich immer noch. Und die Meisterschaft 2009 – das war schon fantastisch. Ich habe auch bis zum frühen Morgen gefeiert.“ Die Bedingungen – natürlich nicht vergleichbar, aber, so erinnert sich Payne: „Wir waren auch schon Halbprofis, mussten nur halbtags arbeiten.“

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Payne war 14, als er mit seiner Mutter und zwei Geschwistern nach Salzgitter übersiedelte. „Mein Vater war früh gestorben, meine Mutter hatte in Berlin studiert, war Lehrerin – aber drei Kinder und dieser Beruf, das ging in England, wo es das Ganztagsschulsystem samt Uniformen gab, nicht gut.“ Die Mutter sprach gut deutsch, erinnerte sich ihrer Studienzeiten, in Deutschland wurden damals Lehrer gesucht.

Erinnerung an Schmadtke

Für den Jugendlichen aus England war es „hart, aber durch Fußball habe ich dann Fuß gefasst“. Er spielte für Eintracht Braunschweig, wurde Vertragsamateur bei Fortuna Düsseldorf. „Mit 18 Toren lief es nicht schlecht.“ Für die Düsseldorfer Profis spielte damals unter anderem VfL-Manager Jörg Schmadtke. Payne: „Ein unglaublich starker Torwart.“ Den Sprung nach oben schaffte der Angreifer bei der Fortuna nicht, VfL-Coach Wolf-Rüdiger Krause rief ihn an, Wolfsburg sagte ihm zu, Payne kam. Und blieb bis zum Intermezzo von Kalyen Hinds vor einigen Jahren lange Zeit der einzige Engländer, der mal beim VfL spielte. Horst Hrubesch wollte ihn dann nicht mehr.

12 Meilensteine aus 75 Jahren VfL Wolfsburg

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Danach kam bei Arminia Hannover „meine beste Zeit“, erzählt Payne. Er wurde Stammspieler und studierte, beendete seine Karriere schließlich nach 51 Oberligaspielen mit 28 Toren für die Arminia. Payne verfolgte weiter den VfL, hielt Kontakt. „Viele mögen Wolfsburg nicht, viele finden die Stadt nicht schön, für mich kann ich sagen, ich habe zu Wolfsburg eine besondere Beziehung.“ Dem Fußball blieb er verbunden, ist Coach des TuS Holle-Grasdorf (2. Kreisklasse Hildesheim). Dass er Engländer ist, hört man ihm überhaupt nicht mehr an. Es sei denn, er spricht über seine alte Heimat, über Newcastle, über Spiele von Liverpool und Tottenham. Die Premier League, da kann er seine Wurzeln nicht verbergen, verfolgt er natürlich auch.

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In Wolfsburg hinterließ er derweil nicht nur sportliche Spuren, er arbeitet als Architekt bei der Sanierung des Wolfsburger Schlosses mit. Und: „Einige Aquarelle von mir kann man auch dort finden.“ Wobei: Das ordnet er ähnlich bescheiden ein, wie seine Torjägerqualitäten („Ich brauchte Spieler, die mich füttern“). Er sagt: „Ich würde mich nicht als Künstler bezeichnen, aber ich zeichne und male halt gern.“