20. Juni 2021 / 09:04 Uhr

Der Wandervogel: Trainer Ueberschär möchte mit Medizin Zschadraß in die Kreisoberliga

Der Wandervogel: Trainer Ueberschär möchte mit Medizin Zschadraß in die Kreisoberliga

Wilko Finke
Leipziger Volkszeitung
Aktuell trainiert Ueberschär die Mediziner aus Zschadraß in der Kreisliga A (Ost).
Aktuell trainiert Ueberschär die Mediziner aus Zschadraß in der Kreisliga A (Ost). © Rico Schulze
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Viel gesehen, viel erlebt im Landkreis: Fußballtrainer Enrico Ueberschär vom SV Medizin Zschadraß hat im SPORTBUZZER-Interview über seine zahlreiche Stationen als Spieler und Coach sowie über die sportlichen Ambitionen für die neue Spielzeit in der Kreisliga geplaudert.

Zschadraß. Einst schnürte Enrico Ueberschär (52) selbst seine Töppen, lief für die Fußballclubs Döbelner SC, BC Hartha, BSG Motor Grimma (heute FC Grimma), SSV Markranstädt, FC Eilenburg und den Hausdorfer SV auf. Als er seine aktive Karriere ausklingen ließ, wurde er Spielertrainer beim Colditzer SV. Danach nahm der Wandervogel exklusiv auf der Bank Platz, konnte sich dank seiner exzellenten Expertise vor Angeboten oft nicht retten. Im Interview mit dem SPORTBUZZER spricht Ueberschär über seine zahlreichen Vereinswechsel, seine momentane Station Zschadraß und was er sportlich noch mit den Medizinern erreichen will.

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SPORTBUZZER: Können Sie sich noch an Ihre fußballerischen Anfänge erinnern?

Enrico Ueberschär: Ich habe mit fünf Jahren bei Fortschritt Hartha mit dem Kicken begonnen. Recht schnell ging es dann ins Trainingszentrum und die Kreisauswahl Döbeln, sowie in die Leipziger Bezirksauswahl. Mit 13 Jahren bin ich zur BSG Motor Grimma gewechselt, das war meine schönste Zeit im Nachwuchsbereich. Wir spielten in der zweithöchsten Liga der DDR, bestritten immer das Vorspiel für die erste Männermannschaft. Damals haben wir täglich trainiert. Ich durfte als 17-Jähriger schon bei den Herren mittrainieren und kam auch zu Einsätzen. Ich erinnere mich noch daran, dass wir damals sogar ein Trainingslager in Bulgarien absolviert haben.

Dann kam die Wende und auch in Ihrer Karriere wurde es turbulent. Wie ging es für sie persönlich weiter?

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Es folgten drei Jahre Döbelner SC in der Landesliga, Teamkollegen waren damals zum Beispiel die Sportfreunde Kupper, Gerber und Rüger. 1993 bis 1996 habe ich zudem eine Lehre zum Versicherungskaufmann gemacht, da war ich praktisch nur noch im thüringischen Bad Blankenburg. Der Kader in Döbeln war stark. Da ich nur noch mit Abstrichen trainieren konnte, hatte ich teilweise nur noch Kurzeinsätze. Ein Fußballer wie ich wollte aber spielen, da kam mir ein erneutes Angebot entgegen.

Nämlich welches?

Ich war in Hartha gelandet. Uwe Ferl, der Bernd Schuster Ostdeutschlands, brachte mich ins Gespräch. Mit Hartha spielten wir das letzte Saisonspiel beim SSV Markranstädt. Für uns ging es 1997/98 gegen den Abstieg, für Markranstädt um den Aufstieg. Den allerdings vermasselten wir den Rand-Leipzigern. Aber uns reichte das 2:2 zum Bezirksliga-Klassenerhalt. Und nach dem Spiel kam Uwe zu mir: „Entweder jetzt oder nie!“ Obwohl ich noch in Waldheim wohnte, sagte ich zu.

Da kamen Sie jeden Tag ziemlich rum.

Es war so, dass ich bei der Allianz in Leipzig arbeitete und dann zum Training nach Markranstädt fuhr. Die Strapazen nahm ich auf mich, weil ich unbedingt in dieser guten Mannschaft spielen wollte. Und da wir unter Dieter Kühn und Wolfgang Altmann in die Landesliga aufstiegen, hat sich der ganze Aufwand rückblickend gelohnt. Im Jahr 2000 wechselte ich zum FC Eilenburg, da lief es anfangs auch ganz gut. Aber richtig glücklich war ich irgendwie nicht, da kam die Offerte von Joachim Rädle gerade recht. Noch mitten in der Serie ging ich zum Bezirksligisten Hausdorfer SV.

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Sie waren zu dieser Zeit mit 31 Jahren eigentlich noch im besten Fußballalter, blieben aber wieder nur zwei Jahre.


Bei mir war es so, dass die beruflichen Verpflichtungen zunahmen und ich Prioritäten setzen musste. Das tat ich, weil der Job das Wichtigste ist, man nur so seinen Unterhalt verdienen kann. Im Freizeitfußball wäre das nicht möglich gewesen.

Wer lockte Sie nach Colditz, Ihrer nächsten Station?

Irgendwann rief mich der Colditzer Bürgermeister Manfred Heinz an. Er fragte, ob ich mir vorstellen könne, als Spielertrainer beim Colditzer SV anzuheuern. Wir trafen uns und nach zwei Tagen Bedenkzeit sagte ich zu. Das war eine prima Zeit. Auch wenn ich viel investieren musste, um aus den guten Spielern eine Einheit zu bilden.

Wo ging die Reise hin, als Sie dort die Zelte abbrachen?

Beim Otterwischer SV war ich auch zwei Jahre als Spielertrainer tätig. Vor der Saison 2006/07 bat mich dann der Rochlitzer Trainer Uwe Schneider um Hilfe. Ich sollte ihm als Spieler und verlängerter Arm des Trainers helfen, den Bezirksliga-Aufstieg zu realisieren. Plötzlich musste ich eine schwierige Entscheidung treffen. In Otterwisch bleiben, oder in Rochlitz zusagen.

Enrico Ueberschär (r.), hier in den Diensten des Otterwischer SV.
Enrico Ueberschär (r.), hier in den Diensten des Otterwischer SV. © Bettina Finke

Wir ahnen es schon...

Letztlich sagte ich in Rochlitz für zwei Jahre zu. Im zweiten Jahr gelang dann auch der angepeilte Aufstieg.

Eigentlich ein Grund, um weiter in Rochlitz zu bleiben. Oder?

Letztlich war es so, dass ich mit meinen damals 39 Jahren an körperliche Grenzen stieß. Ich bekam aufgezeigt, dass der richtige Zeitpunkt zum Aufhören da ist.

Wo zog es Sie dann hin?

Ich legte erst einmal eine fast einjährige Pause ein. Dabei sagte ich einige verlockende Angebote ab, bevor ich in der Halbserie 2010/11 bei Aufbau Waldheim unterschrieb. Das war super, da ich praktisch vor meiner Haustür trainieren konnte. Zu diesem Zeitpunkt lag Aufbau auf dem vorletzten Tabellenplatz. Am Ende schafften wir dank einer starken Rückrunde noch Platz fünf. Wir wollten Kreisoberligist werden und haben das auch geschafft.

Sie ritten mit Waldheim auf einer Erfolgswelle. Warum folgte eine neue Trainerstation?

Plötzlich funkte Tresenwald Machern SOS. Der Verein fragte an, ob ich mir vorstellen könne, die Mannschaft unter der Zielvorgabe Bezirksliga-Aufstieg zu übernehmen. In Waldheim war sportlich mit dem Erreichen der höchsten Kreisspielklasse alles ausgereizt. Ich wollte mich als Trainer weiterentwickeln – so wie ich das als Spieler gemacht hatte. Das war der entscheidende Punkt für die Zusage im Tresenwald.

Trotz des sofortigen Aufstiegs informierten Sie den Verein, dass Sie für die nächste Saison nicht mehr zur Verfügung stehen werden.

Das hatte private Gründe. Meine Frau hatte eine schwere Rückenoperation, war fast zwei Jahre arbeitsunfähig. Da ging die Familie vor.

Aber der Fußball ließ Sie nicht los.

Die Zeit beim FSV Oschatz war nur von kurzer Dauer, da es im Vorstand viele Querelen gab. Steffen Erdmann, Vorstandsmitglied beim FSV Wacker Dahlen, bekam das mit und rief mich an. Ich unterbreitete ihnen meine Vorstellungen, sie wurden positiv angenommnen, die Zusammenarbeit begann. 2016/17 gewannen wir das Endspiel im Nordsachsenpokal mit 5:4 nach Elfmeterschießen gegen Doberschütz/Mockrehna – ein toller Triumph.

2017 holt der Fußballcoach mit Wacker Dahlen (rechts Co-Trainer Mike Limburg) den Nordsachsenpokal.
2017 holt der Fußballcoach mit Wacker Dahlen (rechts Co-Trainer Mike Limburg) den Nordsachsenpokal. © Ronny Belitz

Wie reagieren Sie darauf, wenn man Sie als Wandervogel bezeichnet?

Damit kann ich gut leben. Es war ja nicht so, dass ich mich überall angeboten habe. Die Vereine kamen immer auf mich zu. So war es auch bei meinen weiteren Stationen FC Grimma II und SV Klinga-Ammelshain. Mit den Autobahnern gelang uns auch der Aufstieg in die Kreisoberliga.

Inzwischen stehen Sie bei den Medizinern aus Zschadraß an der Seitenlinie.

Ich habe mich bei Medizin Zschadraß gut eingelebt. Zschadraß ist ein kleiner, gesunder Verein. Hier ziehen alle an einer Strippe, das Miteinander klappt super. Aus wenig wird viel gemacht, die Anlage ist dank unseres Platzwarts Thomas Fischer in einem einwandfreien Zustand.

Ihre Mannschaft spielt in der Kreisliga A (Ost). In dieser Spielklasse müssen teilweise ganz schön lange Fahrtstrecken für die Partien auf sich genommen werden. Stört Sie das?

Bei uns in der Staffel geht das noch, das hält sich in Grenzen. Ich glaube unsere weiteste Strecke ist Brandis mit etwa 40 Kilometern. Ich finde die Zusammensetzung der Liga ganz gut, immerhin spielen wir gegen einige Vereine, die schon mal Kreisoberliga-Luft geschnuppert haben. Wie zum Beispiel Falkenhain, Wurzen II und Waldheim. Schon allein diese Tatsache führt dazu, dass die Liga nicht unattraktiv ist.

Die Vereine vermelden erste Zu- und Abgänge, bis zum 30. Juni müssen die Kader gemeldet werden. Wie sieht es aktuell bei den Medizinern aus?

Bei uns hat sich Marcus Matthes abgemeldet. Er möchte dort spielen, wo er wohnt. Unser zweiter Torhüter Nico Linke hat ebenfalls um die Freigabe gebeten. Dem Vernehmen nach wird er Trainer der neu gebildeten zweiten Mannschaft des HFC Colditz.

Wer stößt in diesem Sommer zu Ihrer Truppe?

Sergio Waßill kehrt von MoGoNo Leipzig zurück. Mit seinen 1,93 Metern und seiner Erfahrung passt er gut ins Team. Auch der Harthaer Mittelfeldspieler Christoph Claus wird ein Mediziner. Mit zwei anderen sind wir noch im Gespräch. Zudem hat Torwart Janko Ackermann vom VfB Leisnig bei uns zugesagt.

Wie hat der Verein die ellenlange Spielpause überbrückt?

Kürzlich wurden die Gaststätte und die Kabinen in viel Eigeninitiative renoviert, Vereinschef Ellis Uhlig und Vize Rico Schulze machen einen tollen Job. Vor den Beiden ziehe ich den Hut.

Wie sehen die sportlichen Ambitionen für die neue Spielzeit aus?

Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht nur einfach so bei einem Verein zusage. Gewisse Zielstellungen habe ich schon. Ich habe Zschadraß zugesagt, als die Mannschaft am Tabellenende stand. Zugegebenermaßen war der Lockdown samt Abbruch ein Momentum, das uns entgegenkam. Ich gehe aber davon aus, dass wir aus dem Tabellenkeller herausgekommen wären. Ich hoffe nun, dass wieder Normalität in unser Leben einzieht. Wir wollen uns weiter verbessern, ich denke Platz eins bis fünf sollte durchaus drin sein. Und mittelfristig wollen wir eine Liga höher mitmischen, in der Kreisoberliga.

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