24. Mai 2021 / 11:25 Uhr

Kultur der Angst: Erpressungsvorwürfe von Pyrasch erschüttern deutsches Rugby

Kultur der Angst: Erpressungsvorwürfe von Pyrasch erschüttern deutsches Rugby

Stefan Dinse
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Nationalspieler Rafael Pyrasch (Mitte) erhebt schwere Vorwürfe gegen den DRV-Sportdirektor Manuel Willhelm (eingeklinkt).
Nationalspieler Rafael Pyrasch (Mitte) erhebt schwere Vorwürfe gegen den DRV-Sportdirektor Manuel Willhelm (eingeklinkt). © Kessler-Sportfotografie / IMAGO
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Der Ex-Rugby-Nationalspieler Rafael Pyrasch aus Hannover hat mit schweren Vorwürfen Missstände im Deutschen Rugby-Verband offengelegt. Um Erpressung und Machtmissbrauch geht es, im Zentrum des Skandals steht DRV-Sportdirektor Manuel Willhelm.

Beim Rugby rumpelt es öfters, das gehört zu diesem harten Spiel dazu. Meistens ist es damit getan und hinterher wieder gut. Nun aber hat es einen Knall gegeben, wie es ihn im deutschen Rugby bisher nicht gegeben hat. Und der im Dachverband DRV noch lange nachhallen wird. Es geht um Machtmissbrauch, den dubiosen Umgang mit Fördergeldern sowie eine Kultur der Angst.

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Die Vorwürfe erhebt der 34-jährige Ex-Nationalspieler Rafael Pyrasch von Hannover 78 gegen den amtierenden DRV-Sportdirektor und Vorstandsvorsitzenden Manuel Wilhelm aus Heidelberg. Inzwischen ermittelt sogar die Staatsanwaltschaft Heidelberg wegen des Anfangsverdachts auf Erpressung. Der Niedersächsische Rugby-Verband (NRV) fordert die sofortige Beurlaubung Wilhelms sowie „lückenlose Aufklärung und den Schutz der Athleten“. Das Verhalten Wilhelms sei unentschuldbar, teilt der NRV schriftlich mit. Eine Ethik-Kommission des DRV soll sich nun mit dem Thema beschäftigen. Wilhelm hat die Vorwürfe bereits als substanzlos zurückgewiesen, er hat einen Rechtsanwalt eingeschaltet und wollte sich nicht erneut äußern.

Kommentar zum Rugby-Skandal

Pyrasch gab Teil seiner Sporthilfe ab

Sportsoldat und Student Pyrasch, inzwischen auch Coach bei 78, hat lange gezögert, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Er hat es getan, nachdem Gespräche unter anderem mit dem DRV-Präsidium kein Ergebnis gebracht hätten. Ein Rechercheteam des Spiegel und des SWR nahm sich des Falls an.


Die Nachforschungen ergaben: Pyrasch habe in den Jahren 2018 bis 2020 einen Teil seiner Sporthilfe (die allein dem Athleten zusteht) zunächst an Wilhelm und im Anschluss daran an Alexander Widiker, Rekordnationalspieler und mittlerweile Bundesstützpunktleiter in Heidelberg, abgeben müssen. 200 von 300 Euro der monatlichen Sporthilfe seien das gewesen. Von dem Geld habe ein Laufband angeschafft werden sollen, was laut Pyrasch aber nicht geschah. Später richtete er offenbar einen Dauerauftrag ein, überwies das Geld auf Widikers Konto. „Rückblickend hätte ich da aufwachen müssen“, sagte Pyrasch dem Spiegel.

Falsche Fahrtkostenrechnung abgelehnt

Das sei er allerdings erst im Herbst vergangenen Jahres, als der Sportdirektor ihn aufgefordert habe, eine falsche Fahrtkostenabrechnung auszustellen. Von Hannover pendelt Pyrasch regelmäßig nach Köln, wo er sich zum Diplom-Trainer ausbilden lässt. Diese Abrechnung lehnte Pyrasch allerdings ab. „Ich mache das einfach nicht, weil es nicht richtig ist und ich Angst habe bei so was“, schrieb Pyrasch an Wilhelm in einem Chat, der auch dem SPORTBUZZER vorliegt. Diesen Austausch beendete Wilhelm wie folgt: „Wenn wir alles korrekt machen würden, gibt es keine Wohnung und keinen Bundeswehrplatz für dich. Also entweder oder.“

Dass die Rückzahlung von Pyrasch kein Einzelfall gewesen sein könnte, darauf deuten die Aussagen eines Siebener-Nationalspielers hin, der wie viele andere in dieser unerfreulichen Geschichte anonym bleiben will. 20 Spieler hätten monatlich 500 Euro abgegeben. Wilhelm und DRV weisen die Anschuldigungen zurück. Teamkapitän Carlos Soteras Merz betonte in einer Stellungnahme gegenüber dem ZDF, dass den aktiven Spielern kein Fall bekannt sei, in dem Fördermittel gegen den Willen der Spieler abgegeben worden wären. Vielmehr habe man mannschaftsintern Geld gesammelt, um Spieler zu unterstützen, die nicht von der Spitzensportförderung profitieren.

"Das ist alles ein Wahnsinn beim DRV"

Um Geldprobleme geht es im Verband immer wieder und nun seit Jahren; nach dem Rückzug des milliardenschweren Mäzens Hans-Peter Wild ist der DRV in große Not geraten. Präsident Harald Hees rief zu Spenden auf, ferner sollten die Vereine mit einer Sonderumlage helfen. Das lehnten jedoch etliche Klubs ab, unter anderem die hannoverschen. Sie vermissten ein zukunftsorientiertes Konzept und Transparenz im Verband.

Der Bund bezuschusst das deutsche Siebener-Rugby mit jährlich 850 000 Euro, davon entfallen auf den Sportdirektor 15 Prozent. Das ist ein Unding, findet nicht nur Jens Himmer, Ex-Nationalstürmer und Trainer von Victoria Linden. Er spricht es aber offen an: „So viel verdient ein Sportdirektor in Südafrika nicht, und die sind Weltmeister. Das ist alles ein Wahnsinn beim DRV, das versteht kein Mensch.“

Willhelm setzte Spieler unter Druck

Tatsächlich war der Vorstandsvorsitzende vor Wilhelm, Kieran Lees, nach drei Monaten im Amt zurückgetreten. Auf Kritiker würde Druck ausgeübt und der Verbleib von Geldern bliebe teilweise unklar, schrieb er in einem internen Bericht. „Die Präsidiumsmitglieder wurden feindselig. Sie taten alles, um meine Rolle zu untergraben. Je mehr Fragen ich stellte, umso intensiver wurde das“, sagte Lees dem SWR.

Himmer betont, schon vor Jahren sei sportlich viel schiefgelaufen. Spieler seien von Wilhelm unter Druck gesetzt worden, nach Heidelberg zu wechseln, sonst könnten sie nicht im Nationalteam auflaufen. „Die Spieler sind an mich herangetreten, als ich noch Trainer bei Germania List war. Ich habe den DRV informiert. Man hat jeden Hinweis ignoriert“, so Himmer. Er hofft, „dass diese Krise nicht die Basis trifft. Wir werden bei Victoria gut unterstützt. Es wäre fatal, wenn sich die Förderer aus diesem Grund zurückziehen.“