03. August 2021 / 16:47 Uhr

Deutscher Traum-Tag vor Enoshima: Olympia-Segler so erfolgreich wie seit 2000 nicht mehr

Deutscher Traum-Tag vor Enoshima: Olympia-Segler so erfolgreich wie seit 2000 nicht mehr

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
Für Deutschland gab es am Dienstag drei Segel-Medaillen.
Für Deutschland gab es am Dienstag drei Segel-Medaillen. © Getty Images (Montage)
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Drei Medaillen erobern die deutschen Segler in der Sagami-Bucht bei den Olympischen Spielen an nur einem Tag. Für die Bootsfrauen und -Männer sind es die erfolgreichsten Spiele seit Sydney 2000. Bei Tina Beucke und Susann Lutz sorgte das sogar für Tränen.

Es ist schon ein paar Olympiatage her, als Tina Beucke und Susann Lutz die Siegerehrung der Windsurfer verfolgten. "Und da musste ich anfangen zu weinen, weil das so emotional war mit der Musik und der Feier. Und die Sanny hat auch gleich angefangen", erzählte Lutz. Und jetzt standen sie selbst auf dem Podest und weinten. Im Medal Race, dem finalen Medaillenrennen, segelten die 30-Jährigen in ihrem 49er FX-Skiff auf Platz fünf. Das reichte, um in der Gesamtwertung von Platz drei auf zwei zu rücken.

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Damit war 21 Jahre nach dem Windsurfsilber von Amelie Lux die olympische Medaillenflaute der deutschen Seglerinnen beendet. Kaum eine Stunde danach bejubelten die Kieler 49er-Jungs Erik Heil und Thomas Plößel – wie fünf Jahre zuvor in Rio – Bronze, das es dann auch für die Kieler Mixed-Crew Paul Kohlhoff/Alica Stuhlemmer im Nacra-17-Katamaran gab. Drei Medaillen innerhalb von drei Stunden – es war der deutsche Tag vor Enoshima.

Physiotherapeuten, Bootsbauer, Trainer, Sportdirektorin, sie alle standen an der Sliprampe im Hafenvorfeld, feierten Beucke und Lutz. Die Medaille und die Siegerehrung, sie war auch eine Entschädigung für die verpasste Eröffnung. Dass diese ihnen durch den Verband verwehrt wurde, hatten die 49er-Mädels kritisiert, schrieben auf Instagram vom "traurigsten Moment ihrer Karriere". Jetzt war es der schönste. Im Ziel erinnerten sich beide an ihr Versprechen, das sie sich vor 14 Jahren zum Start ihrer Segelgemeinschaft gegeben hatten. Beide würden ihre Töchter gegenseitig nach sich benennen, wenn sie einmal eine olympische Medaille gewinnen würden. "Für Tinas Tochter haben wir uns aber auf Sanny geeinigt, weil sie Susann überhaupt nicht mag. Das kann ich verstehen", sagte Beucke und lacht herzlich.

Lutz, 30, Steuerfrau Wirtschaftspsychologin, am Chiemsee groß geworden, jetzt in Innsbruck zu Hause und Beucke, 30, Vorschoterin, Sportsoldatin, aus Strande – seit 2007 sind sie eine segelnde "Ich-AG", organisieren vom Trainingslager bis zu Reisen alles selbst. Die hat sie zu EM-Gold 2017 und 2020 geführt, doch für ihren Olympiatraum mussten sie lange kämpfen.

Extra-Motivation durch Trainer Barker: Sydney-Silber mit dabei

Vor Olympia in Japan verpflichteten sie den Australier Ian Barker, Silbermedaillengewinner von Sydney 2000, als Wunschtrainer und die Hamburger Sportpsychologin Annet Szigeti. Sie überließen in den Enoshima-Planungen nichts dem Zufall. Von Barker gab es zuvor noch eine Extramotivation: "Er hat seine Medaille immer dabei gehabt. Die durften wir anfassen. Das hat uns richtig gepuscht." Bis zu Silber in der Bucht von Enoshima.

Erik Heil und Thomas Plößel begrüßten die Silber-Ladies laut jubelnd an Land. Auf dem Wasser waren sich die Kieler nicht sicher gewesen, wie ihr Rennen ausgegangen war. "Als der Fotograf uns aufnehmen wollte, habe ich gefragt: warum?" Als der Vorschoter Gewissheit hatte, freute er sich zehnmal mehr als vor fünf Jahren in Rio, "weil das hier viel härter erkämpft war".


Kohlhoff und Stuhlemmer hätten ihre Medaille vor dem Start sogar beinahe aus der Hand gegeben, als sie einen Strafkringel drehen mussten. Platz acht reichte nach einer famosen Aufholjagd zu Bronze. "Ein mental schwerer Moment, ich kann es kaum fassen, absolut überwältigend", sagte Kohlhoff an Land. 2017 hatte er sich nach einer Hirnblutung einer lebensbedrohlichen Operation unterziehen müssen. Bronze sei nach dem Kampf zurück ins Leben "Wahnsinn und unbeschreiblich". Mit der 21-jährige Stuhlemmer steht der 26-Jährige nun erst am Anfang der Karriere.