19. Juni 2021 / 16:39 Uhr

Bloß kein frühes Gegentor: Deutschland gegen Portugal in der Taktik-Analyse

Bloß kein frühes Gegentor: Deutschland gegen Portugal in der Taktik-Analyse

Tobias Escher
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Deutschland gegen Portugal als Duell der Trainer: Joachim Löw (links) und Fernando Santos.
Deutschland gegen Portugal als Duell der Trainer: Joachim Löw (links) und Fernando Santos. © IMAGO/MoritzMüller/SportsPressPhoto (Montage)
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Tuchel oder Guardiola – welches System setzt sich durch? Das Duell von Deutschland gegen Portugal ist auch das zwischen Joachim Löw und Fernando Santos – die Analyse von Taktik-Experte Tobias Escher zum Spiel.

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Nach dem Weltmeister wartet der Europameister. Die Mannschaft von Joachim Löw verfügt über das taktische Werkzeug, um Portugal zu ärgern. Jedoch erschwert ein Faktor die taktische Vorbereitung: die Ausgangslage. Portugals Trainer Fernando Santos hat sich sein System von Pep Guardiola abgeschaut und setzt meist auf ein 4-3-3 und Ballbesitzfußball. Ähnlich wie bei Manchester City nehmen die Außenverteidiger eine prominente Rolle im Spielaufbau ein: Raphaël Guerreiro und Nélson Semedo rücken ins Mittelfeldzen­trum vor, stellen hier eine Überzahl her. Die Sechser halten sich im Spielaufbau eher zurück.

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Löw hat sich eher von Thomas Tuchels 5-2-3-System inspirieren lassen, mit dem Chelsea im Champions-League-Finale City bezwang: Die drei Stürmer verdichten das Zentrum und verhindern einen Spielaufbau über die einrückenden Außenverteidiger, die Fünferkette in der Abwehr nimmt die Bewegungen der gegnerischen Stürmer auf. Diese lassen sich bei Portugal weit zurückfallen. Superstar Cristiano Ronaldo bindet sich als halblinker Stürmer noch stärker ins Spiel ein als bei Juventus Turin. Schafft es Deutschland, ihn aus dem Spiel zu nehmen, hat die DFB-Elf einen gewichtigen Beitrag geleistet, kein Gegentor zu kassieren.

Es könnte so einfach sein – wäre da nicht das 0:1 gegen Frankreich. Portugal liegt nach dem 3:0-Auftaktsieg gegen Ungarn drei Punkte vor Deutschland. Mit einem 0:0 wäre Santos’ Truppe praktisch im Achtelfinale, dürfte daher auf ihr typisches Ballbesitzspiel verzichten und stattdessen auf eine sattelfeste Defensive und Konter setzen. Mit dieser Spielidee ist den Portugiesen 2016 der große Coup gelungen. Beim Titelgewinn zog sich das Mittelfeld zurück, die Außenstürmer ließen sich teils in die eigene Abwehrkette fallen. Es entstanden 5-4-1- oder 6-3-1-Gebilde – tiefe, schwer zu knackende Formationen.

DFB-Auswahl muss sich Chancen erarbeiten

Deutschland stünde vor dem gleichen Problem wie gegen Frankreich: Wie soll man gegen einen tiefen Gegner zu Chancen kommen? Während die Franzosen vor allem auf den Flügeln Räume anboten, könnte das DFB-Team gegen Portugal stärker über das Zentrum kommen. Sobald die Portugiesen in 5-4-1- oder 6-3-1-Staffelungen fallen, entstehen Lücken im Rückraum. Die Mittelfeldspieler müssen nachrücken und diese Lücken besetzen. Für Löw stellt sich die Frage: Weiter auf ein 5-2-3 setzen? Oder das Mittelfeld stärken und ein 4-2-3-1 wagen? Ein zusätzlicher Zehner würde vor der Doppelsechs das Zentrum öffnen. Der Nachteil: Die Abwehrkette wäre mit einem Mann schlechter abgesichert gegen Konter.

Gefahr droht dem deutschen Team auch über die eigene linke Seite. Dort wird Robin Gosens offensiv alles versuchen, um die Schwächen von Außenverteidiger Semedo offenzulegen. Gleichzeitig wird der intelligente Außenstürmer Bernardo Silva die Lücken hinter Gosens suchen. Ein frühes Gegentor könnte dem deutschen Team das Genick brechen, denn Portugal hat beste Voraussetzungen, eine Führung zu verwalten und zu kontern. Geht Löws Elf in Führung, kann sie ihr Tempo ausspielen. Portugals Abwehrkette hat Geschwindigkeitsdefizite. Pepe, 38, sähe im Laufduell gegen Timo Werner oder Leroy Sané ähnlich schlecht aus wie Mats Hummels gegen Kylian Mbappé.

Tobias Escher ist Mitbegründer des preisgekrönten Fußball-Taktikblogs spielverlagerung.de. Außerdem publizierte er mehrere Sachbücher zum Thema, u.a. "Vom Libero zur Doppelsechs".