20. Januar 2022 / 15:44 Uhr

Teamgeist und Millionen-Strafen: Warum bei der Handball-EM trotz Corona immer weiter gespielt wird

Teamgeist und Millionen-Strafen: Warum bei der Handball-EM trotz Corona immer weiter gespielt wird

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
DHB-Kapitän Johannes Golla hob die gute Stimmung im deutschen Team hervor
DHB-Kapitän Johannes Golla hob die gute Stimmung im deutschen Team hervor © IMAGO / wolf-sportfoto
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Die Handball-EM hat ein Corona-Problem. 99 positive Fälle gab es in den 24 teilnehmenden Teams seit dem 1. Januar. Eine Absage des Turniers kommt nicht in Frage und selbst der Rückzug einzelner Mannschaften, wie dem am stärksten betroffenen DHB-Team ist kein Thema. Aus gutem und teurem Grund. 

Mark Schober schaute immer wieder auf sein Handy, scrollte nach oben, um ganz sicher zu sein, dass er keine Nachricht verpasst hat. Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Handballbundes (DHB) ist nach der Corona-Explosion in der deutschen Mannschaft im Alarmmodus. Am Abend zuvor hatte sich der DHB-Stab nach einer "intensiven Diskussion" gegen einen Rückzug von den Europameisterschaften ausgesprochen.

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Zu dem Zeitpunkt hatte Bundestrainer Alfred Gislason nach zwölf positiven Fällen schon die Spieler sieben bis neun nachnominiert und der DHB eine Verlegung des ersten Hauptrunden-Spiels gegen Spanien am Donnerstagabend (18.00 Uhr/ARD) beantragt. Doch die lehnte der europäische Verband EHF ab, unter anderem mit dem Hinweis auf Sendeverpflichtungen sowie ähnlich herausfordernde Corona-Situationen bei anderen Teams.

Schober wartete jetzt auf das Ergebnis der PCR-Tests. Mit weiteren positiven Befunden würde sich die "dynamische Lage" weiter zuspitzen. "Dann müssen wir wieder neu bewerten." Fünf Stunden vor dem Anwurf konnte er aufatmen: Alle Tests waren durchweg negativ. Mit den neu eingeflogenen Lukas Stutzke und David Schmidt vom Bergischen HC sowie Tobias Reichmann (MT Melsungen) hatte Gislason gegen den Titelverteidiger so 16 Spieler im Kader.

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Mannschaft will "Turnier zu Ende bringen"

Es wird weitergespielt. 99 positive Fälle gab es in den 24 teilnehmenden Teams seit dem 1. Januar. In den EM-Tagen hat es Deutschland mit zwölf und Kroatien mit neun Fällen am schwersten erwischt. Doch es wird weitergespielt, weil nachnominiert. Es erinnert an Brot und Spiele. Handballer als Gladiatoren der Neuzeit. Nur ist das noch zu verantworten?

Schober & Co. sagen Ja. Sie haben es aus allen Blickwinkeln betrachtet – "sportlich, gesundheitlich, medizinisch, aber auch wirtschaftlich-rechtlich. Das war eine klare Risikoabwägung." In Summe habe die dazu geführt, "dass wir weitermachen". Da ist die Gesundheit der infizierten Spieler. "Es sind nicht alle symptomfrei, aber eben nicht schwerwiegend." Für Schober ist das "klare, starke Signal" aus der Mannschaft wichtig.

"Wir wollen das Turnier zu Ende bringen. Das ist unser klares Ziel", erklärte Kapitän Johannes Golla. So einen Zusammenhalt wie in den vergangenen Tagen habe er selten erlebt. "Es ist etwas ganz Besonderes, das mitzuerleben. So seltsam es klingen mag: Ich habe die große Hoffnung, dass wir von diesem Zusammenhalt als Team in den nächsten Jahren profitieren."

Bei Rückzug droht hohe Millionen-Strafe

Es wird weitergespielt. Und das hat auch wirtschaftliche Gründe, die in den "EHF Euro-Regularien", Punkt IV "Withdrawal" (Rückzug) beschrieben sind. Da ist die Rede von 35.000 Euro Geldstrafe, auch von Entschädigungen an den Ausrichter (Slowakei und Ungarn), die teilnehmenden Nationen, die EHF und deren Vertragspartner. Auch die TV-Sender, der noch vier gegnerischen Teams plus ARD und ZDF könnten Regressforderungen stellen.

Der noch immer andauernde Rechtsstreit zwischen Sport A, der Sportrechte-Agentur von ARD und ZDF, und Sportfive, dem Vermarkter des Weltverbandes IHF, über das ausgefallene WM-Spiel Kap Verde gegen Deutschland vor einem Jahr, lässt die Dimension erahnen: Da soll es um zwei Millionen Euro gehen. Heißt: Auf den DHB würden im Falle eines Rückzugs Kosten im hohen zweistelligen Millionenbereich zukommen, die den Verband an den Rand des finanziellen Ruins treiben könnten.

Nicht genug: Die EHF-Regularien sehen zudem einen Ausschluss bei den nächsten zwei Europameisterschaften vor. Deutschland wäre bei der EM 2024 im eigenen Land so nicht dabei. Auf diese Gemengelage hat die EHF die Deutschen am Donnerstag noch einmal deutlich hingewiesen.

Es wird weitergespielt. Nach dem Spanien-Duell auch am Freitag im zweiten Hauptrundenspiel gegen Norwegen (20.30 Uhr/ZDF).