08. Juli 2020 / 08:00 Uhr

Weltmeister Andreas Brehme über Elfmeter-Tor zum Titel 1990: "Es ging um eine ganze Nation"

Weltmeister Andreas Brehme über Elfmeter-Tor zum Titel 1990: "Es ging um eine ganze Nation"

Patrick Strasser
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Andreas Brehme verwandelte im WM-Finale 1990 den Elfmeter kurz vor Schluss - und machte Deutschland zum Weltmeister.
Andreas Brehme verwandelte im WM-Finale 1990 den Elfmeter kurz vor Schluss - und machte Deutschland zum Weltmeister. © imago/Sportfoto Rudel
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Vor 30 Jahren schießt Andreas Brehme Deutschland bei der WM 1990 in Italien per Elfmeter zum Titel. Der damalige Nationaltrainer Franz Beckenbauer spricht von der "verdientesten Weltmeisterschaft, die je eine deutsche Mannschaft gewonnen hat", verrät Brehme im SPORTBUZZER-Exklusivinterview.

Es läuft die 85. Minute des WM-Finales 1990, als Rudi Völler im argentinischen Strafraum gefoult wird. Andreas Brehme tritt zum Strafstoß an, trifft flach links unten in die Ecke und macht Deutschland damit zum dritten Mal zum Fußball-Weltmeister. Im Exklusivinterview spricht der Abwehrspieler über die Feier, Teamchef Franz Beckenbauer und den Schuss, der ihn berühmt macht – heute vor genau 30 Jahren.

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SPORTBUZZER: Herr Brehme, am 8. Juli jährt sich der Triumph bei der WM 1990 mit Ihrem goldenen Tor im Endspiel gegen Argentinien zum 30. Mal. An welche Details von der Feier nach dem Finale von Rom erinnern Sie sich noch?

Andreas Brehme (59): Zunächst hat der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in der Kabine des Olympiastadions noch ein Bierchen mit uns getrunken. Nach der Siegerehrung und dem ganzen Drum und Dran sind wir sehr spät zurück ins Hotel gekommen, ich schätze mal um 2 Uhr nachts. Dann hat uns der Franz erst mal in den Besprechungsraum gebeten.

Was hatte Beckenbauer inmitten der weltmeisterlichen Partystimmung zu verkünden?

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Dass er nun als Teamchef aufhört. Und dass wir ab jetzt alle mit ihm per Du sein sollen.

Nach dem Empfang der WM-Goldmedaille der zweite Ritterschlag der Nacht, oder?

Absolut. Aber ich habe mich damit sehr schwergetan. Denn der Franz ist eben der Franz, einer der Größten des Weltfußballs, zu dem ich immer aufgeschaut habe. Damals dachte ich, das geht nicht. Wenn ich den Trainer künftig duze, kriege ich Schweißausbrüche.

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Die Weltmeister von 1990 unter Teamchef Franz Beckenbauer (kleines Bild links, mit Jürgen Klinsmann) bejubeln den Titel durch ein Tor von Andreas Brehme (kleines Bild rechts). Der SPORTBUZZER zeigt, was die Helden von damals heute machen. Zur Galerie
Die Weltmeister von 1990 unter Teamchef Franz Beckenbauer (kleines Bild links, mit Jürgen Klinsmann) bejubeln den Titel durch ein Tor von Andreas Brehme (kleines Bild rechts). Der SPORTBUZZER zeigt, was die Helden von damals heute machen. ©

Wie geht es dem 74-jährigen Franz Beckenbauer mittlerweile – nach sechs Bypässen, einer OP für eine künstliche Hüfte und einem Augeninfarkt?

Es geht ihm wieder besser, er macht einen guten, positiven Eindruck – das ist sehr schön zu sehen. Und unsere Treffen tun ihm sichtlich gut, da blüht er auf. Der Franz hat auch noch mal betont, dass unser WM-Titel von 1990 die verdienteste Weltmeisterschaft war, die je eine deutsche Mannschaft gewonnen hat. Ich muss sagen: Er hat recht.

30 Jahre danach ist der Triumph immer noch Thema. Wie stolz macht es Sie, nicht nur dabei gewesen zu sein, sondern den Elfmeter zum 1:0 verwandelt zu haben?


Dass die Menschen heute noch schätzen, was wir damals erreicht haben, ist toll. Ich werde tagtäglich auf den Elfmeter angesprochen.

Weil Sie Deutschland zum Weltmeister gemacht haben. Wie bewerten Sie das „Foul“ an Rudi Völler in der 85. Minute?

Man konnte den Elfmeter geben, weil der Abwehrspieler blöd hingeht. Als wir die Aktion mit Rudi hinterher in der Kabine noch mal gesehen hatten, war das Gelächter groß, dann haben wir ihn hochgenommen: "Ey, Rudi, bist du da zusammengebrochen?"

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Nicht die einzig strittige Strafraumszene in diesem Finale.

Genau. Wir hätten schon vorher beim Foul an Klaus Augenthaler einen Elfmeter bekommen müssen, ganz klar.

Legendär ist die Entscheidungsfindung zur Frage: Wer schießt? Bitte erzählen Sie uns die Dramatik dieser Sekunden noch einmal.

Wir hatten drei Schützen vereinbart: Lothar Matthäus, Rudi Völler und mich. Rudi ist gefoult worden und der Gefoulte schießt nicht. Lothar hat mir signalisiert, ich solle zum Punkt gehen. Er hat ein paar Schritte zurückgemacht, da war mir schnell klar, was das bedeutete.

Matthäus erklärte, er habe sich nicht sicher gefühlt, weil aus seinem Schuh Stollen herausgebrochen waren.

Sein Verzicht hatte nichts mit Angst zu tun, sondern mit der Frage, ob man sich sicher fühlt oder nicht. Ich finde es ungerecht, wenn manche Leute ihm vorwerfen, er habe sich in die Hosen gemacht. Nein. Lothar hat eine Weltklasse-WM gespielt und in diesem Moment die richtige Entscheidung getroffen. Denn hier ging es nicht um persönliche Eitelkeiten, sondern um uns, um die Mannschaft – und um eine ganze Nation.

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