09. April 2020 / 07:59 Uhr

DFB-Akademie-Boss Haupt über Nachwuchsarbeit und den Umgang mit Talenten: "Es braucht neue Anstöße"

DFB-Akademie-Boss Haupt über Nachwuchsarbeit und den Umgang mit Talenten: "Es braucht neue Anstöße"

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Tobias Haupt leitet die DFB-Akademie seit anderthalb Jahren.
Tobias Haupt leitet die DFB-Akademie seit anderthalb Jahren. © imago images/Martin Hoffmann
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Tobias Haupt leitet seit anderthalb Jahren das Vorzeigeprojekt des Deutschen Fußball-Bundes: die DFB-Akademie. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er über den Austausch mit den Klubs, das Nachwuchs-System in Deutschland und den Umgang mit Talenten.

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SPORTBUZZER: Tobias Haupt, wie geht der DFB intern mit dem Thema Corona um?

Tobias Haupt (36): So rational und besonnen wie möglich. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und gefordert, den Fußball in Deutschland bestmöglich durch die Corona-Krise zu führen. Im DFB gibt es einen zentralen Krisenstab. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind im Homeoffice. Unser Akademieteam konzipiert verstärkt digitale Formate. Dadurch werden wir abgesagte Veranstaltungen und Lehrgänge teilweise kompensieren können.

Wir wollen mal nicht über Corona reden, sondern über Sie: Wie wird man mit 29 Jahren Fußball-Professor?

(lacht) Grundvoraussetzung ist die Leidenschaft für den Fußball. Ich bin ein Kind des Fußballs und habe jede freie Sekunde mit Kicken verbracht – verbunden mit dem Traum, Profi zu werden. Als ich dann 20, 21 war, stand fest, dass ich dieses Ziel nicht erreichen werde. Also bin ich weiter meiner Leidenschaft gefolgt und habe, entgegen vieler Ratschläge, kein klassisches Studium gewählt, sondern Sportmanagement studiert, den Master gemacht und im Fußball promoviert. Dabei bin ich nah an der Praxis geblieben, was sich bis zur Professur durchgezogen hat, als ich Vereine und Organisationen strategisch beraten habe.

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Wie kam es dann zum Schritt als Leiter des größten Projekts des deutschen Fußballs, der DFB-Akademie?

Die Anfrage kam über Oliver Bierhoff. Ich muss zugeben, dass ich mit meinem damaligen Job sehr zufrieden war. Im Zuge des Gesprächs wurde mir aber zunehmend bewusst, dass es eine von zwei Positionen im deutschen Fußball ist, für die ich alles aufgeben würde, was ich in München aufgebaut habe.

Kennt Sie in der Fußball-Branche inzwischen jeder?

Ich bin rund 1,5 Jahre als Leiter aktiv und habe mich von Anfang an intensiv und regelmäßig mit den Topentscheidern im deutschen Fußball ausgetauscht. Mein Ansatz war es, dass die Akademie nur ihre volle Wirkung entfalten kann, wenn sie kein Elfenbeinturm ist, sondern in der Praxis stattfindet und konkrete Lösungen erarbeitet. Also Probleme nicht nur erkennt, sondern die PS auf die Straße bringt. Aber um meinen Bekanntheitsgrad zu messen, müsste man eine Umfrage machen.

"Wollten Probleme der Klubs diskutieren"

Sie haben mit Oliver Bierhoff viele Klubs der ersten drei Ligen abgeklappert – wie läuft so ein Besuch?

Die ersten Ansprechpartner für uns sind Trainer und Sportdirektoren, meistens waren auch die Leiter der Nachwuchsleistungszentren dabei. Dabei waren für uns drei Dinge wichtig: Wir wollten uns als Team vorstellen, unsere Pläne und Konzeptideen präsentieren, aber auch die Probleme der Klubs diskutieren. Es bringt nichts, wenn wir uns in Frankfurt schlaue Gedanken machen und nicht darauf hören, was die Schwierigkeiten vor Ort sind.

Also auch eine Art Kummerkasten?

Mehr ein Entwicklungscenter, in dem an Lösungen gearbeitet wird. Uns war das Signal an die Fußballfamilie wichtig, dass wir ein hoch motiviertes Team mit klaren Ideen sind, das die Herausforderungen anpackt und dem die Zukunft des deutschen Fußballs am Herzen liegt.

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Vermutlich unterscheiden sich die Probleme des FC Bayern aber grundlegend von denen eines Drittligisten?

Klar, allein aufgrund der Größe und der Strukturen. Aber es gibt auch viele Themen, die deckungsgleich sind. Wir versuchen die Themen herauszufiltern, die alle betreffen.

Zum Beispiel?

Etwa das Nachwuchssystem. Es hat sich zu stark dahin entwickelt, dass beispielsweise der U17-Trainer gute Ergebnisse einfahren will, damit er zur U19 befördert wird und noch später vielleicht den Sprung zu den Profis schafft. Das ist menschlich. Allerdings fragen wir uns, ob dann noch die individuelle Talentförderung im Vordergrund steht. Warum verdient etwa ein U23-Trainer deutlich mehr als ein U15-Trainer, wobei Studien belegen, dass das Training im Jugendalter extrem entscheidend für die fußballerische Entwicklung ist? Es braucht im Nachwuchs neue Anstöße, um wieder mehr Spitzentalente auf Weltklasse-Niveau zu entwickeln.

Wie findet man Lösungen für alle?

Es geht um den größten gemeinsamen Nenner. Es gibt ein Maßnahmenpaket von zig Themen, aus denen wir herausfiltern und priorisieren müssen. Unsere Aufgabe als DFB ist es dabei, die Rahmenbedingungen zu gestalten, auf Entwicklungen hinzuweisen und Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Die Umsetzung erfolgt durch die Klubs.

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Sie sprechen Empfehlungen aus – auch, Talenten nicht zu früh das Gefühl zu geben, Stars zu sein?

Ja, das tun wir sehr intensiv und merken, dass die meisten Entscheider in den Vereinen unsere Beobachtung teilen und nachsteuern. Da passiert gerade sehr viel – auch wenn man die Ergebnisse erst in ein paar Jahren sehen wird. Aber es ist erkannt, dass den Jungs teilweise zu früh zu viel abgenommen wird.

Im Winter waren Sie mit vielen Sportdirektoren erstmals auf einer Bildungsreise in den USA – warum eigentlich?

Wir waren nicht zum Sightseeing dort, sondern um inhaltlich zu arbeiten. DFL, DFB und Klubvertreter gemeinsam unterwegs – das gab es in der Form lange nicht. Das Silicon Valley haben wir aus zwei Gründen ausgewählt: um Anregungen und neue Impulse von den Top-Klubs des US-Sports und den Digital-Unternehmen zu erhalten und weil die Zeitverschiebung dafür gesorgt hat, dass bei den Bundesliga-Machern tagsüber kaum ein Handy geklingelt hat. Für den Austausch untereinander war das ein unschätzbarer Faktor.

Es gab dennoch nicht nur positive Stimmen.

Von den Teilnehmern haben wir 100 Prozent positives Feedback bekommen. Aber immer, wenn man neue Wege geht, wird es auch kritische Stimmen geben. Deshalb erklären wir viel, warum wir die Reise initiiert haben und auch künftig für absolut sinnvoll erachten.

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Bitteschön…

Wir haben dort ja keinen Urlaub gemacht, wie der ein oder andere vielleicht gedacht hat. Allein ein Blick auf das Programm, welches teilweise von 5.30 Uhr bis 21.30 Uhr ging, relativiert das Bild schon mal. Es ging neben den Inhalten auch darum, dass sich die Entscheider mal ganz entspannt unterhalten konnten, dass eine persönliche Bindung entsteht und man sich über wichtige Themen direkt austauscht.

Ein Beispiel?

Zum Beispiel ging es um die Olympiaabstellungen. Da auch Stefan Kuntz (U 21-Trainer), Marcus Sorg (DFB Co-Trainer) und Joti Chatzialexiou (Sportlicher Leiter) mit dabei waren, konnten wir bereits zu diesem frühen Zeitpunkt gemeinsam mit den Sportdirektoren ganz konkret darüber sprechen, wie unsere Pläne sind, wie sich die Erwartungen der Klubs konkret darstellen und wie das weitere gemeinsame Prozedere konkret aussehen sollte.

Können Sie nachvollziehen, wenn viele Leute mit Begriffen wie „Leadershipfestival“ oder „Think tank“ nichts anfangen können?

Ich versuche grundsätzlich immer, von den Inhalten auszugehen und nicht vom Etikett, welches draufgeklebt wird. Wir dürfen uns aber auch nicht vor der Internationalisierung der Wirtschaft und des Fußballs verschließen.

"Die DFB-Akademie hilft konkret, Lösungen umzusetzen"

Die Akademie soll Ende 2021 fertig werden. Dennoch sprechen Sie ständig davon, dass sie bereits jetzt enorm weiterhilft. Können Sie das mal erklären?

Wir sind Wegbereiter für all unsere Mannschaften von der U15 bis zu den A-Teams, Männer und Frauen. Normalerweise wären derzeit auch Akademie-Experten direkt in die Länderspiel-Phase oder die Turnier-Vorbereitungen involviert, aber das Coronavirus hat den Spielplan bekanntermaßen gehörig ausgebremst. Wir nutzen die Situation, um inhaltlich-konzeptionell weiter voranzukommen. Jeder relevante Bereich – etwa Medizin, Athletik, Psychologie, Ernährung etc. – ist Teil unseres Performance Centers. Dadurch ergeben sich Synergieeffekte zwischen den einzelnen Bereichen und es entstehen tolle neue Ideen.

Können Sie auch hier ein Beispiel nennen?

Nehmen wir den Bereich Ernährung. Erst neulich kam ein Trainer einer U-Nationalmannschaft auf uns zu mit einem neuen Tool, welches den individuellen Stoffwechsel jedes Spielers misst und fragte, ob er es auf der nächsten Maßnahme einsetzen soll. Daraufhin setzen sich Trainer, Medizin-, Athletik- und Ernährungsexperten der Akademie zusammen, recherchieren, bringen ihre Perspektiven ein und geben eine Empfehlung ab, ob das Tool sinnvoll ist. Gemeinsam mit der sportlichen Leitung wird dann entschieden, ob das Tool bei der nächsten Maßnahme eingesetzt wird. Aus so einem Zusammenspiel hat sich übrigens auch unser Stürmerprogramm entwickelt: Wir haben festgestellt, dass wir auf der Position des Mittelstürmers über einige Jahrgänge hinweg Probleme haben und nachjustieren müssen. Auch hier hilft die DFB-Akademie bereits ganz konkret, Lösungen umzusetzen.

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Wie soll es konkret aussehen, wenn die Akademie fertig ist? Wie oft werden die Mannschaften da sein, wie oft die Trainer?

Wir leben die Inhalte schon jetzt, aber durch den Neubau bekommen wir auch ein sportliches Zuhause. Bereits heute kommen die Trainer und Experten oft zusammen, man tauscht sich aus. Wenn das Gebäude fertig ist, erwarte ich mir noch mal einen riesigen Mehrwert bei den unterschiedlichen Themen. Beispiel: Wenn im neuen Gebäude die Fußball-Lehrer der Zukunft im reformierten Lehrgang ausgebildet werden. Wenn Top-Experten wie Ralf Rangnick, Hansi Flick oder Roger Schmidt als Gastdozenten vertreten sind und einen Platz weiter eine U-Nationalmannschaft trainiert. Wenn die Eintracht gegen Wolfsburg spielt und Fredi Bobic und Jörg Schmadtke vorbeischauen. Wenn dann noch die Sportdirektoren der Zukunft gerade im neuen Gebäude ausgebildet werden, Christian Seifert und Oliver Bierhoff ihr Wissen an die Top-Manager der Zukunft weitergeben – dann wird die DFB-Akademie zu einem riesigen Treffpunkt, wo man netzwerkt und gemeinsam rund um die Uhr den Fußball lebt.

Was macht das Ganze so einzigartig?

Die Konsequenz und der ganzheitliche Ansatz, dass jeder Bereich im Fußball an einem Ort angesiedelt und unter einem Dach mit Experten besetzt ist, dass Sport, Akademie, Management und Verwaltung an einem Ort beheimatet sind. Das gibt es in keinem anderen Verband auf der Welt. Und darauf können wir uns bereits jetzt riesig freuen.