12. Mai 2021 / 17:49 Uhr

Nach Beben um DFB-Präsident Fritz Keller: Warum der Machtkampf noch nicht beendet ist

Nach Beben um DFB-Präsident Fritz Keller: Warum der Machtkampf noch nicht beendet ist

Frank Hellmann
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Trotz des angekündigten Rückzugs von Fritz Keller und Friedrich Curtius ist keine Ruhe an der DFB-Spitze garantier.
Trotz des angekündigten Rückzugs von Fritz Keller und Friedrich Curtius ist keine Ruhe an der DFB-Spitze garantier. © IMAGO/Ralph Peters/Getty (Montage)
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Der DFB hat in einer außerordentlichen Sitzung des Präsidiums am Dienstag Fakten geschaffen. Präsident Fritz Keller hat seinen Rücktritt angeboten, auch Generalsekretär Friedrich Curtius wird den Verband verlassen. Dennoch dürfte der Machtkampf beim DFB noch nicht beendet sein.

Das Ergebnis einer außerordentlichen Sitzung des DFB-Präsidiums ist historisch: Präsident Fritz Keller, 64, wird nach seiner Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht wegen seiner Nazi-Entgleisung am kommenden Montag sein Amt zur Verfügung stellen; Generalsekretär Friedrich Curtius, 44, seinen Arbeitsvertrag mutmaßlich gegen eine hohe Abfindung auflösen und Schatzmeister Stephan Osnabrügge, 50, beim nächsten Bundestag nicht mehr kandidieren. Die Demission der zerstrittenen Herrschaften ist nach einem schmutzigen Machtkampf unvermeidlich. Innenminister Horst Seehofer sprach von einem „jämmerlichen Schauspiel“.

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Und doch ist das Ringen längst nicht beendet: Denn für viele ist völlig unverständlich, wie der größte Einzelsportverband der Welt die nächste Übergangszeit zu gestalten gedenkt: Mit den Vizepräsidenten Rainer Koch, 62, und Peter Peters, 58, die den taumelnden Verband „in ruhiges Fahrwasser“ führen sollen. Diese Doppelspitze könnte noch für Wellen der Empörung sorgen. Peters kommt über die Schiene als Aufsichtsratschef der Deutschen Fußball-Liga, hat aber als langjähriger Finanzvorstand des FC Schalke 04 den Niedergang mitzuverantworten. Dass er die deutschen Belange im Weltverband Fifa vertritt, empfinden viele als fragwürdig.

Ähnlich umstritten dürfte sein, dass Koch ein drittes Mal nach 2015/2016 und 2019 – jeweils im Duett mit dem für seine Loyalität geschätzten Liga-Präsidenten Reinhard Rauball – weiterhin Weichen stellen darf. Die Ungereimtheiten rund um die vertraglich fixierten Abmachungen mit dem Medienberater Kurt Diekmann, sogar von hauseigenen Prüfern harsch gerügt, genügen eigentlich, dass auch der Multifunktionär erst einmal Abstand nimmt. Nun kochen zusätzliche Irritationen um eine Strafanzeige um den angeblich gehackten Computer des Medienberaters hoch. Davon berichtet die Süddeutsche Zeitung, die wegen Kochs künftiger Rolle von einem „Beben mit Mogelpackung“ spricht.

DFB und UEFA: Koch weiter mit großer Machtfülle

Beim nächsten Bundestag Anfang 2022 will der sozialdemokratische Strippenzieher nicht mehr als 1. Vizepräsident Amateure kandidieren. Keine Rede ist davon, dass er seine beiden Posten als Vorsitzender des Bayerischen und Süddeutschen Fußball-Verbandes abgibt. Zugleich ist er für vier Jahre ins UEFA-Exekutivkomitee gewählt, daraus ergibt sich weiterhin eine enorme Machtfülle. Koch hat den Sturz der Präsidenten Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel überstanden. Der DFL ist der schwer zu greifende DFB-Mann ein Dorn im Auge, zumal er keine Gelegenheit auslässt, die Gräben zwischen Profis und Amateuren zu vertiefen.

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Dringend sollten beim DFB die vor allem von der Nationalmannschaft erwirtschafteten Pfründe in eine eigene GmbH überführt werden, der wirtschaftliche Geschäftsbetrieb von einem Vorstand mitsamt Aufsichtsrat geleitet und kontrolliert werden. Dazu braucht es einen obersten Repräsentanten, der besonnen und weitsichtig führt. Positiv wird allenthalben bewertet, dass die stellvertretende Generalsekretärin Heike Ullrich, 51, vorübergehend die Geschäftsbereiche von Curtius übernimmt.

Ratzeburg im DFB immer noch Einzelkämpferin

Was zur Kardinalfrage führt: Warum haben nicht mehr Frauen nach Vorbild der gebürtigen Hildesheimerin im Verband Karriere gemacht? Der Frauenanteil im Hauptamt liegt im DFB zwar derzeit bei 30 Prozent (in Führungspositionen bei 26 Prozent), aber im Präsidium, wo bislang ja alle wichtigen Entscheidungen fallen, ist die 2007 gewählte Hannelore Ratzeburg, 69, Vizepräsidentin für Gleichstellung, Frauen- und Mädchenfußball, immer noch eine Einzelkämpferin. Alle 21 Landesverbände, fünf Regionalverbände und auch die DFL werden von Männern gelenkt.

Wenn es eine Erkenntnis gibt, dann die: Der DFB muss transparenter und ausgleichender, diverser und weiblicher werden. Dass eine sechsköpfige Findungskommission aus DFB und DFL im Verborgenen einen neuen Präsidenten sucht, geht nicht mehr. Unter den Bewerbern sollte mindestens eine Kandidatin sein. Offenbar werden einflussreiche Frauen rund um den Fußball genau das demnächst vortragen. Es könnte übrigens auch die Arbeit von Mirjam Berle, 46, erleichtern, die vor sieben Monaten vom amerikanischen Reifenhersteller Goodyear zur Öffentlichkeitsarbeit beim DFB kam und bei Amtsantritt nicht im entferntesten ahnen konnte, auf was sie sich einlassen würde.

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