16. März 2022 / 18:27 Uhr

DFB-Ehrenpräsident gestorben: An der Orgel verlor Egidius Braun sein Herz an Leipzig

DFB-Ehrenpräsident gestorben: An der Orgel verlor Egidius Braun sein Herz an Leipzig

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Am 30. August 1995 zeigt Leipzigs damaliger Sportdezernent Wolfgang Tiefensee seinem Gast Egidius Braun und DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt (v. l.) das Zentralstadion. Erstmals wird öffentlich über die Idee gesprochen, das marode Stadion der Hunderttausend für die WM 2006 in eine moderne Fußballarena umzubauen.
Am 30. August 1995 zeigt Leipzigs damaliger Sportdezernent Wolfgang Tiefensee seinem Gast Egidius Braun und DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt (v. l.) das Zentralstadion. Erstmals wird öffentlich über die Idee gesprochen, das marode "Stadion der Hunderttausend" für die WM 2006 in eine moderne Fußballarena umzubauen. © André Kempner
Anzeige

Sein soziales Engagement gilt als wegweisend, inner- und außerhalb des Verbandes, den Egidius Braun jahrelang führte. Auch in Leipzig hinterließ der achte DFB-Präsident, der am Mittwoch im Alter von 97 Jahren starb, seine Fußspuren. Der Neubau des Stadions und die WM 2006 an der Pleiße wären ohne seine nachdrückliche Fürsprache undenkbar gewesen. Das Herz des Fußball-Funktionärs hatte Leipzig mit Musik erobert.

Leipzig. „Als Kind wollte ich Lokomotivführer werden. Letztlich bin ich Weichensteller geworden.“ So sah Egidius Braun sich selbst. Weichen stellte der Mann, der dem Deutschen Fußball-Bund (DFB ) von 1992 bis 2001 als Präsident vorstand, in seinem Leben einige – auch in Leipzig. „Ohne Egidius Braun hätte es weder den WM-Standort Leipzig noch das WM-Stadion gegeben“, ist sich Holger Tschense sicher. Der heute als Unternehmensberater tätige ehemalige Politiker, war von November 1994 bis April 2001 Ordnungs- und von April 2001 bis 2005 Sportbürgermeister der Stadt.

Anzeige

An der Orgel an der Seele gepackt

Tatsächlich hatte Braun eine erfolgreiche deutsche Bewerbung für die Weltmeisterschaft 2006 schon früh vom Bau einer neuen Arena im Osten abhängig gemacht. Als potentielle Standorte neben Leipzig galten Magdeburg und Dresden. Der DFB-Boss favorisierte die Stadt an der Pleiße, auch wegen ihrer Geschichte. „Für Egidius Braun war die Wiedervereinigung Deutschlands, die mit der friedlichen Revolution in Leipzig ihren Anfang nahm, immer eine besondere Verpflichtung“, erklärte Theo Zwanziger, DFB-Präsident zwischen 2004 und 2012, einen Teil der Motivation seines Vorgängers. „Es war ihm ein Herzensanliegen, die Menschen aus dem lange geteilten Deutschland zusammenzuführen. Er wusste, dass dies über den Sport und besonders über den Fußball gelingen konnte."

Mehr zum Thema

Doch es war nicht nur die Geschichte, die Braun von der Messestadt überzeugte. Leipzigs damaliger Sportdezernent und späterer Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee hatte es verstanden, den Gast bei dessen erstem Vor-Ort-Termin an der Seele zu packen.

Der in der Nähe von Aachen geborene Fußball-Funktionär liebte nicht nur das runde Leder, sondern auch die Musik, spielte mit Hingabe Orgel. Tiefensee, wie Braun Katholik, wusste das – und handelte. „Wir waren mit einem Konvoi unterwegs zurück vom Stadion zum Rathaus. Ich habe unseren Wagen vor der Propstei stoppen lassen und bin mit Herrn Braun in die Kirche“, erinnerte sich Tiefensee am Mittwoch an den Tag vor mehr als 20 Jahren zurück. „Ich habe ihm gesagt, dass das meine Heimatgemeinde ist und wir im Osten nicht alle wie Lemminge dem Regime hinterhergelaufen sind. Er war zu Tränen gerührt. Seine menschliche und empathische Art hat mich tief beeindruckt.“ Tatsächlich durfte Braun sich in der inzwischen abgerissenen Kirche neben dem Rosenthal an die Orgel setzen und spielen. Leipzig hatte sein Herz gewonnen und setzte sich schließlich im Kampf in Sachen WM-Standort und Stadionneubau durch.

Anzeige

"Werden ihm für immer dankbar sein"

Immer wieder half der DFB-Präsident. Als die Finanzierung des Bauprojekts an der Pleiße 1998 stockte, stieg Braun in den Ring. „Sollte es nicht klappen, wäre dies eine Ohnmachtserklärung“, ließ er verlauten. Ein klares Zeichen, auch in Richtung Bund und Land. Am 28. Januar 2000 war es dann soweit: Der Grundstein für das WM-Stadion, das hineingebaut werden sollte in den Wall des berühmten "Stadions der Hunderttausend“, wurde gelegt, natürlich in Anwesenheit des Wegbereiters. Sein Engagement sei “von unschätzbarem Wert“ gewesen, so Tiefensee. „Egidius Braun war ein enger und verlässlicher Unterstützer.“

DURCHKLICKEN: Abriss des Zentralstadions und Neubau

Bis zu 110.000 Menschen verfolgten Spiele im Leipziger Zentralstadion, das in einen Wall hinein gebaut wurde. Zur Galerie
Bis zu 110.000 Menschen verfolgten Spiele im Leipziger Zentralstadion, das in einen Wall hinein gebaut wurde. ©

Leipzig ehrte den damals 82-Jährigen deshalb 2007 mit der Ehrenmedaille der Stadt. Oberbürgermeister Burkhard Jung überreichte ihm die Auszeichnung in seiner Aachener Heimat. Am Mittwoch würdigte der OBM den DFB-Ehrenpräsidenten und die positiven Folgen seines Wirkens vor Ort. “Das alles hat unserer Stadt einen unschätzbaren Schub in der damals wirtschaftlich schwierigen Zeit gegeben. Dafür werden wir ihm für immer dankbar sein“, so Jung.

Bereits seit 2001 trägt die Sportschule des Sächsischen Fußball-Verbandes (SFV) den Namen des Vaters zweier Söhne. „Er war wirklich ein Vorbild für das Ehrenamt, hat sich persönlich eingesetzt, vor allem für Kinder und Jugendliche“, erinnert sich SFV-Präsident Hermann Winkler. "Wir sind froh, dass wir seinen Namen tragen und so sein Andenken auch künftig ehren werden."

Einheit von Profis und Amateuren

Wie wichtig ihm vor allem die Jüngsten waren, wurde bei Brauns Besuch in einem mexikanischen Waisenhaus während der WM 1986 deutlich. Das Elend, das er und die ihn begleitenden Nationalspieler sahen, bewegte den damaligen Delegationsleiter des DFB derart, dass er mit dem Verband verschiedene Hilfsprojekte initiierte, die 2001 in der Gründung der Egidius-Braun-Stiftung gipfelten. Zudem sorgte Braun dafür, dass soziales Engagement als dritte Säule fest in der Satzung des größten nationalen Sportverbands der Welt verankert wurde. Wolfgang Niersbach, einer seiner Nachfolger beim DFB, nannte ihn später „das soziale Gewissen des deutschen Fußballs“.

Was heute so oft für Diskussionen sorgt - die Kluft zwischen Profis und Amateuren - hatte der Funktionär ebenfalls stets im Blick. "Er hat versucht, die Probleme zwischen Profis und Amateuren innerhalb des DFB zu lösen", so Rainer Hertle, ehemaliger Präsident des Leipziger Fußball-Verbandes (LFV). "Er wollte die Einheit von beiden, da sonst der Fußball unter dem Dach des Verbandes nicht funktioniert.“

In der Nacht zum 16. März verstarb Egidius Braun in Aachen im Alter von 97 Jahren. Seine Familie und der DFB bitten, ganz in seinem Sinne, um Spenden für die Ukraine-Soforthilfe der Stiftung, die Braun bis zu seinem Tod selbst leitete.

Mit: Guido Schäfer und Frank Müller

[Anzeige] Kein Bundesliga-Spiel verpassen: Checke hier die aktuellen Streaming-Angebote von WOW/Sky und DAZN.