31. Oktober 2020 / 10:11 Uhr

Vor 50 Jahren fiel Verbot des Frauenfußballs - DFB-Vizepräsidentin: "Sah aus wie bei den F-Kindern"

Vor 50 Jahren fiel Verbot des Frauenfußballs - DFB-Vizepräsidentin: "Sah aus wie bei den F-Kindern"

Frank Hellmann
RedaktionsNetzwerk Deutschland
DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg ist in dem Verband für Gleichstellung, Frauen- und Mädchenfußball zuständig. Sie begann nach dem Verbot 1970 mit 19 Jahren das Fußballspielen.
DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg ist in dem Verband für Gleichstellung, Frauen- und Mädchenfußball zuständig. Sie begann nach dem Verbot 1970 mit 19 Jahren das Fußballspielen. © Imago Images/ Hartenfelser
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Vor genau 50 Jahren fiel das Verbot des Frauenfußballs im Deutschen Fußball-Bund. Die heutige DFB-Vizepräsidentin erinnert sich an ihre Anfänge mit 19 Jahren: "Es sah aus wie bei den F-Kindern." Doch derzeit herrscht Stagnation im deutschen Frauenfußball.

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Fußball ist Männersache. Diese Weisheit hatte sich auch Sepp Herberger zu eigen gemacht. „Nach meiner Meinung ist der Fußballsport keine Sportart, die für Damen geeignet ist“, stellte der Weltmeistertrainer von 1954 eine Überzeugung heraus, die im Deutschen Fußball-Bund (DFB) in der Nachkriegszeit weit verbreitet war. Einstimmig erging in dem stockkonservativen Männerbund am 30. Juli 1955 der Beschluss, den Frauen das Fußballspielen zu untersagen. Die Begründung: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“

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Es brauchte anderthalb Jahrzehnte, um die Geschlechterrollen beim Fußball neu zu definieren. Am 31. Oktober 1970 beschloss der DFB-Bundestag in Travemünde bei zwei Gegenstimmen, das Frauenfußballverbot aufzuheben. In dieser Zeit kam in Hamburg auch Hannelore Ratzeburg als Seiteneinsteigerin zum Fußball. „Ich habe erst mit 19 angefangen. Es sah aus wie bei den F-Kindern. Der Ball geht dahin, wir sind dahin gelaufen. Kein Wunder, dass die Männer sich am Spielfeldrand die Bäuche hielten“, erinnert sich die heutige DFB-Vizepräsidentin. Der Verband zeigte anfangs wenig Interesse an einer bundesweiten Entwicklung des weiblichen Spielbetriebs. Bis zum ersten Länderspiel dauerte es bis 1982.

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Acht Jahre zuvor hatte Bärbel Wohlleben im ersten Endspiel um die Frauenfußball-Meisterschaft für den TuS Wörrstadt ein Tor des Monats erzielt. Im ARD-Studio erhielt sie die Frage gestellt: „Wie machen Sie das mit Kopfball, wenn die Haare frisch onduliert sind?“ Die Kameras, erinnert sich die 76-Jährige, waren in dieser Zeit oft auf Busen oder Po gerichtet. Im ZDF-Sportstudio befleißigte sich Wim Thoelke einer abwertenden Moderation. Sein Kommentar zu Filmbeiträgen: „Junge, Junge, ja die brauchen sich gar nicht aufzuregen, die Zuschauer – die Frauen waschen doch ihre Trikots selber.“

EM 1989 in Deutschland als Erweckungserlebnis

Trotz aller Vorbehalte hatten sich unter dem DFB-Dach bald mehr als 300 000 Spielerinnen versammelt. Bundestrainer Gero Bisanz und seine Nachfolgerin Tina Theune leisteten für die Frauen-Nationalelf Vorbildliches. Erweckungserlebnis sollte die EM 1989 in Deutschland werden: Das Endspiel in Osnabrück war ausverkauft, das Fernsehen übertrug live. Danach gab es als Prämie das berühmte Kaffeeservice, was die damalige Spielführerin Silvia Neid aber gar nicht so unpassend fand. Sie beschenkte den deutschen Frauenfußball als Spielerin und Trainerin mit reichlich Silberware: An allen acht EM- und zwei WM-Titeln war die 56-Jährige, die sich mit dem Olympiasieg 2016 verabschiedete, irgendwie beteiligt.

Stagnation bei DFB-Frauen nach WM-Aus 2019

Mittlerweile herrscht bestenfalls Stagnation. Die DFB-Frauen scheiterten bei der EM 2017 und WM 2019 schon im Viertelfinale. Vor der jüngsten WM in Frankreich traten mit Kapitänin Alexandra Popp, Dzsenifer Marozsan und Melanie Leupolz drei der deutschen Topfußballerinnen in einer Werbung auf. Auszug aus dem Intro: „Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt.“ Damit war viel über ihren Stellenwert gesagt.

Bis heute hat der DFB kein schlüssiges Konzept, um Mädchen gegen kulturelle Vorbehalte zum Kicken zu bringen – bei der WM hatten nur drei Spielerinnen einen Migrationshintergrund. Eine davon war die in Belgien geborene Kathrin Hendrich, die sich „mehr Akzeptanz und Respekt“ wünscht. Dass unterschwellig immer noch verglichen wird, nervt die 28-Jährige vom VfL Wolfsburg: „Bei den Männern gibt es doch genauso viele Spiele, die nicht schön anzusehen sind.“