10. Juli 2020 / 05:30 Uhr

DFB-Generalsekretär Curtius über Corona-Folgen, Gehaltsobergrenze und Fan-Rückkehr in die Stadien

DFB-Generalsekretär Curtius über Corona-Folgen, Gehaltsobergrenze und Fan-Rückkehr in die Stadien

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius spricht im SPORTBUZZER-Interview unter anderem über Geisterspiele und die finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise.
DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius spricht im SPORTBUZZER-Interview unter anderem über Geisterspiele und die finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise. © imago images/Montage
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DFB-Generalsekretär Dr. Friedrich Curtius spricht im SPORTBUZZER-Interview über Einschnitte durch die Corona-Pandemie, Demut im Fußball und Gehaltsobergrenzen. Zudem macht er Hoffnung auf die Rückkehr der Fans in die Stadien.

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SPORTBUZZER: Macht es Ihnen aktuell eigentlich Spaß, Fußball ohne Fans zu schauen, wie beispielsweise beim Pokalfinale in Berlin, Herr Curtius?

Dr. Friedrich Curtius (44): Spaß ist das falsche Wort. Mir geht es in erster Linie um das Spiel auf dem Platz. Es ist in den letzten Jahren beinahe eine Selbstverständlichkeit geworden, dass die Stadien voll sind und eine tolle Atmosphäre herrscht – gerade beim Pokalfinale. Wir erleben, dass der Fußball wirklich die Nähe seiner Fans braucht. Und von ihr lebt. Aber ich bin froh, dass überhaupt wieder Fußball gespielt wird.

Die Einschaltquoten sind stark rückläufig. Glauben Sie, dass sich viele Fans abwenden werden und der Fußball seinen Glanz verloren haben könnte?

Die Folgen durch die Pandemie für den Sport und die ganze Gesellschaft können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht abschätzen. Der Ausbruch ist jetzt über 100 Tage her und ich erwarte, dass es uns noch mindestens 1000 Tage, also drei Jahre, stark beeinträchtigen wird. Ich hoffe und wünsche mir, dass wir alle daraus die richtigen Konsequenzen ziehen. Wir haben viel Kritik abbekommen, selbstverständlich auch berechtigte. Ich verstehe, dass die Menschen im Moment andere Sorgen haben, als beim Fußball und seiner Inszenierung mitzufiebern. Aber der Fußball wird noch gebraucht, da bin ich ganz sicher.

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Wenn man sich den Wirbel um den Transfer von Leroy Sané zum FC Bayern ansieht, fällt es schwer zu glauben, dass sich im Fußball irgendetwas ändert oder gar die viel zitierte Demut Einzug hält…

Es werden sich aufgrund der finanziellen Auswirkungen zwangsläufig Dinge ändern. Beim DFB genauso wie bei allen Fußballvereinen in Deutschland. Die fehlenden Einnahmen werden dazu führen, dass der Gürtel enger geschnallt werden muss. Das kann man gut oder schlecht finden – es ist Fakt. Auch beim DFB haben wir viele Ausgaben gestoppt. Ob es am Ende tatsächlich zu einer neuen Haltung, zu mehr Demut führt, liegt auch in der Verantwortung jedes einzelnen Klubs. Es geht eben nicht immer nur um höher, weiter, schneller – sondern jetzt auch um nachhaltiger.

DFB-Präsident Fritz Keller sagte kürzlich, Profis seien „Neureiche, die mit Geld um sich werfen“…

Fritz Keller spricht als DFB-Präsident für über sieben Millionen Mitglieder und hat eine Stimmung beschrieben, die in den letzten Jahren zu vielen Diskussionen geführt hat. Die Coronakrise ist da wie ein Brandbeschleuniger eingeschlagen. In dieser Phase Dinge auch sehr kritisch zu hinterfragen, zählt sicher zu den Aufgaben eines DFB-Präsidenten. Wir sitzen nicht im Elfenbeinturm, sondern sehen, was die Menschen bewegt. Genauso wie nochmal kritisch darauf zu blicken, wie viel Vertrauen wir durch den Auftritt 2018 in Russland verspielt haben.

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Wollte Keller eine Reaktion provozieren, die ja auch prompt kam? Karl-Heinz Rummenigge konterte, der DFB solle erstmal vor seiner eigenen Türe kehren, mit dem großen Besen.

Ich schätze beide sehr und weiß, dass sie über die Dinge gesprochen haben. Es ist eher eine Diskussion in der beide Seiten das Wohl des Fußballs im Sinn haben. Und beide auch Freunde der deutlichen Sprache sind.

Keller hat in seinem 5-Punkte-Plan unter anderem eine Gehaltsobergrenze ins Gespräch gebracht, Rummenigge hat diese Idee für unrealistisch befunden – ist der Plan nicht etwas naiv?

Es ist ein Fakt, dass die Zeiten, in denen es nur um mehr, mehr, mehr ging, vorbei sind. Daher bin ich wie Fritz Keller der Überzeugung, dass eine Krise die Energie freisetzen kann, diese Diskussionen mit mehr Intensität und Unterstützung zu führen – viele sind ihm übrigens bereits beigesprungen. Dass es viele rechtliche Hürden gibt, ist jedem klar. Dennoch ist es enorm wichtig, überhaupt das Bewusstsein dafür zu schaffen. Genau diesen Impuls muss man als DFB-Präsident in dieser Situation setzen.

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Wie beurteilen Sie die Arbeit von Herrn Keller bislang allgemein?

Fritz Keller tut dem DFB unheimlich gut mit seiner Art, Dinge zu hinterfragen und authentisch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umzugehen. Mit seiner Bereitschaft, neue Wege zu gehen und diesen Verband transparent, glaubwürdig und nachhaltig aufzustellen. Er hat dabei auch erkannt, dass wir seit 2016 schon eine Menge unternommen, aber erst einen Teil des Weges zurückgelegt haben. Er kam nicht aus der gewachsenen DFB-Struktur heraus und hat dadurch so etwas wie den Blick von außen. Das bringt uns weiter.

Wenn man aufräumt, findet man allerdings auch häufig noch unschöne Sachen unterm Schrank. Nehmen Sie in Kauf, dass immer wieder alte Probleme an die Öffentlichkeit kommen, die nicht gerade zur Glaubwürdigkeit des Verbandes beitragen?

Für diesen Weg haben wir uns schon 2016 konsequent entschieden. Wir sind am Ende der ersten Halbzeit, könnte man sagen. Ich denke, dass es etwa zehn Jahre dauert, um so eine Glaubwürdigkeitskrise zu überwinden und das Vertrauen zurückzugewinnen.

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Wo steht der DFB aktuell?

Wir sind noch immer mitten in einem gigantischen Umbruch, der überfällig war. Dazu gehört auch der Neubau der DFB-Zentrale mit seiner Akademie und die Ausgliederung des kommerziellen Geschäftsbetriebes in die DFB GmbH bis 2021. Wir möchten auch unter modernen Sportverbänden Weltmeister sein.

Corona spielt da nicht gerade in die Karten, es droht zum Jahresende ein Verlust von bis zu 55 Millionen Euro. Wo wird beim DFB konkret gespart?

Unser Schatzmeister hat hier das "Worst-Case"-Szenario geschildert. Wir haben unsere Finanzen beim Außerordentlichen Bundestag im Mai komplett offengelegt, zuletzt auch die durch den Vergütungsausschuss festgesetzten Aufwandsentschädigungen. Sollten wir in diesem Jahr noch Länderspiele austragen, möglicherweise sogar mit Zuschauern, wird das Defizit deutlich unter 55 Millionen Euro liegen.

Womit die eigentliche Frage noch nicht beantwortet wäre…

Wir haben bereits zu Beginn der Corona-Krise nahezu alle nicht zwingend erforderlichen Ausgaben gestoppt. Ich bin stolz darauf, dass sehr viele Mitarbeiter mit freiwilligen Leistungen auf uns zugekommen sind – auch die sportliche Leitung. Das zeigt mir, dass sich bei uns alle mit dem Haus identifizieren und trotz mancher Krisen stolz darauf sind, beim DFB zu arbeiten.

Haben Sie auch auf Gehalt verzichtet?

Selbstverständlich. Auch die Nationalspieler haben sofort einen Teil ihrer wirtschaftlichen Beteiligungen an den Sponsoringeinnahmen gespendet. Das zeigt auch, dass die Spieler sehr viel näher an der gesellschaftlichen Realität sind, als viele Kritiker denken.

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Wie groß ist ihre Hoffnung, dass bei den Länderspielen wieder Zuschauer anwesend sein werden?

Stand jetzt groß! Wir sind in sehr guten Gesprächen mit den politischen Verantwortlichen und es ist meine Erwartung, ein Konzept zu entwickeln, das es uns ermöglicht, im Herbst wieder vor Fans zu spielen. Natürlich nicht vor vollen Rängen und natürlich unter der Voraussetzung, dass es keine zweite Welle geben wird.

Die Spielorte sind noch nicht bekannt. Nach unseren Informationen sollen Leipzig und Köln einen Doppelpack bekommen...

Das kann ich bestätigen. Unsere Planungen sehen aktuell vor, dass wir die Heimspiele der Nations League im September in Stuttgart, im Oktober in Köln und im November in Leipzig spielen. Darüber hinaus wollen wir in Köln und Leipzig auch die beiden ausgefallenen Testspiele aus der ersten Jahreshälfte nachholen.

Als die Abstellungsperioden rauskamen, gab es aus der Liga sofort Empörung aufgrund der Überbelastung. Nachvollziehbar?

Wir sitzen alle im selben Boot: DFB, DFL, FIFA, UEFA, ECA, Vereine. Und wir müssen alle gegenseitig Rücksicht nehmen. Ich hätte beispielweise nicht damit gerechnet, dass die Verschiebung der EM so geräuschlos durchgewunken wird, da das Verhältnis zwischen UEFA und FIFA schon besser war. Dass in die jetzige Diskussion auch die Gesundheit der Spieler eingebracht wird, ist total nachvollziehbar. Gleichzeitig muss ich darauf hinweisen, dass auch der DFB von den Einnahmen der Länderspiele abhängig ist. Ich bin zuversichtlich, dass wir gemeinsam eine gute Lösung finden.

Können Sie ausschließen, dass bei den Länderspielen eine B- oder C- Elf an den Start gehen wird?

Wir wollen mit der A-Mannschaft spielen, ganz klar. Jogi Löw und sein Trainerteam haben im nächsten Sommer eine Europameisterschaft zu spielen. Da ist es doch selbstverständlich, dass er die besten Spieler um sich haben will. Da kann ich die Fans beruhigen.

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Ist es für nächste Saison nicht unabdingbar, dass es eine einheitliche Regelung bezüglich der Rückkehr der Fans geben muss, um Wettbewerbsverzerrung auszuschließen?

Das wird eine der angesprochenen Herausforderungen für die neue Saison sein, diese Frage gerecht zu lösen und bei den Vereinen festzulegen, wer überhaupt ins Stadion darf. Eine Blaupause wird es dafür nicht geben. Da sind Demut und Flexibilität in der Krise weiterhin gefordert und wir brauchen eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz für diese Lösungen.

Konnten Sie dennoch mit einem Klub wie Dynamo Dresden mitfühlen, der sich benachteiligt fühlte und dies offensiv kundgetan hat? Oder war das die Kröte, die man schlucken muss?

Was wäre die Alternative gewesen? Einen Saisonabbruch hätten vermutlich viele Vereine nicht überlebt. Ich habe Verständnis für die Situationen, die bei einigen Klubs entstanden sind – aber sie sind durch sportlichen Wettbewerb entstanden. Das ist ein Riesenunterschied. Unsere Aufgabe war es, dass sportlich über Auf- und Abstieg entschieden wird – das haben wir geschafft.

Können Sie versichern, dass man nicht anders mit einem Fall umgegangen wäre, wenn es einen prominenteren Verein als Dynamo getroffen hätte?

Das kann ich, absolut.