05. Mai 2020 / 08:02 Uhr

DFB-Nachwuchschef Schönweitz über die Arbeit in Krisenzeiten, die Leistungsdelle und Talent Havertz

DFB-Nachwuchschef Schönweitz über die Arbeit in Krisenzeiten, die Leistungsdelle und Talent Havertz

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
DFB-Nachwuchschef Meikel Schönweitz stellt sich den Fragen im SPORTBUZZER-Interview.
DFB-Nachwuchschef Meikel Schönweitz stellt sich den Fragen im SPORTBUZZER-Interview. © Getty Images
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Die Arbeit in den U-Teams des DFB ruht auch in Zeiten von Corona nicht. Nachwuchschef Meikel Schönweitz spricht im SPORTBUZZER-Interview über aktuelle Projekte, die Leistungsdelle im deutschen Nachwuchs und Ausnahmetalent Kai Havertz, den er in jungen Jahren trainierte. 

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Am Montag entschied die Fifa, dass trotz der verschobenen Olympischen Spiele auch 2021 der dann über die Altersgrenze gelangte Jahrgang 1997 am Fußballturnier teilnehmen darf. Auch der DFB hatte zuvor ein Schreiben mit diesem Anliegen beim DOSC und IOC hinterlegt. Ein Großteil der Spieler, die Deutschland die Turnierteilnahme gesichert haben, wird also auch in Tokio auflaufen. Doch wie hält der Verband aktuell überhaupt Kontakt mit seinen Schützlingen? Meikel Schönweitz, Cheftrainer der U-Nationalmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes, klärt auf.

SPORTBUZZER: Herr Schönweitz, was ist Ihre Kernaufgabe als Cheftrainer des DFB-Nachwuchses?

Meikel Schönweitz (40): Wir haben 21 Trainer in unseren sieben U-Teams: sieben Cheftrainer und 14 Co-Trainer. Das ist meine Mannschaft, als deren Trainer ich mich sehe. Ich stelle die Truppe zusammen, gebe inhaltliche, strategische Vorgaben und versuche dabei, die individuellen Stärken der Trainer zum Vorschein zu bringen.

Wie funktioniert das aktuell, da alle Maßnahmen der U-Teams bis Jahresende eingestellt wurden?

Wir haben für die Zeit einen Projektplan aufgestellt, dem wir nun intensiver als sonst nachgehen können. Jeder Trainer ist Treiber eines Projekts. Montags starten wir mit einer virtuellen Trainertagung in die Woche. Was den Arbeitsaufwand angeht, sind wir trotz Corona bei rund 90 Prozent. Auch der Kontakt zu den Spielern besteht weiterhin.

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Inwiefern?

Zusätzlich zu den Trainingsplänen ihrer Vereine bieten wir Zusatzoptionen an. Das kann ein Podcast von unserem Psychologen Hans-Dieter Hermann sein, oder ein Video von Jan-Ingwer Callsen-Bracker (Ex-Profi, der den neuen Bereich „Neurozentriertes Training“ beim DFB verantwortet, d. Red.). Das kann aber auch individuell in den einzelnen Teams und bei einzelnen Spielern sein.

Grundsätzlich hat der DFB für die nächsten Jahre eine Leistungsdelle im Nachwuchs ausgemacht. Können Sie das präzisieren?

Die hat schon begonnen. Was die individuelle Qualität angeht, sind uns andere Nationen voraus – die Franzosen, die Engländer, aber auch kleinere Nationen bilden Topindividualisten aus. Wir dürfen jetzt aber nicht nur lamentieren oder nur noch schwarzmalen, sondern müssen dagegenhalten. In unserem System muss an einigen Schrauben gedreht werden, deswegen sind wir so eifrig bei dem "Projekt Zukunft", weil wir viele Sachen erkannt haben. Wenn man in Deutschland etwas verändern will, muss man unheimlich viele Leute überzeugen, das System ist hochkomplex und es herrschen viele Einflussfaktoren.

"Die Neuers, Reus’ und die Kroos’ findet man nicht überall"

Wie lange könnte das deutsche A-Team theoretisch ohne frische Talente auskommen?

Man kann immer mal einen Zyklus von drei, vier Jahren überstehen. Mehr wäre allerdings ein bisschen happig. Man hat heutzutage ja nur wenige Spieler, die weit über 30 noch auf dem Toplevel spielen können. Die Neuers, Reus’ und die Kroos’ findet man nicht überall.

Welche Rolle spielt Spielpraxis in jungen Jahren?

Das ist das A und O. Wenn ich nur viel trainiere, werde ich besser im Trainieren – aber nicht im Spielen. Dieser Nachteil ist im internationalen Vergleich schon da, in der aktuellen U21 haben die wenigsten Akteure Spielpraxis in der Bundesliga.

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Wer ist bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio im National Stadion mit dabei? Der <b>SPORTBUZZER</b> schätzt unter anderem die Teilnahme-Chancen von Lars Stindl (von links), Thomas Müller und Sandro Wagner ein. Zur Galerie
Wer ist bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio im National Stadion mit dabei? Der SPORTBUZZER schätzt unter anderem die Teilnahme-Chancen von Lars Stindl (von links), Thomas Müller und Sandro Wagner ein. ©

Inwiefern macht dann ein Wechsel Sinn, wie ihn Alexander Nübel von Schalke zu Bayern vollziehen wird?
Ich bin da nicht in den Gedankengängen drin. Grundsätzlich bin ich immer dafür, in dem Alter auf dem höchsten Niveau zu spielen.

Warnende Beispiele gibt es ja immer wieder.
Ich erinnere mich da an Jan Kirchhoff. Nach einer guten Saison in Mainz kam auf einmal das Angebot von den Bayern. Ich war damals Jugendtrainer beim FSV, und wäre er geblieben, da waren wir uns alle einig, wäre er Nationalspieler geworden. Man muss ein solches Angebot von zwei Seiten sehen. Auf der einen Seite gab es die sportliche Perspektive in Mainz, ein möglicher Stammplatz, allerdings ohne Garantie auf Gesundheit und Eintreffen der Prognosen. Auf der anderen Seite ein lukratives Angebot eines Spitzenvereins, das ein gewisses Maß an finanzieller Sicherheit und natürlich auch eine persönliche Herausforderung mit sich bringt. Ich bin immer ein Freund davon, die sportlichen Belange in den Vordergrund zu stellen. Nur in den seltensten Fällen war es bisher hilfreich, so früh in einen ganz großen Klub zu wechseln, wenn man noch nicht zumindest zwei Jahre auf höchstem Niveau gespielt hat – wie beispielsweise Kai Havertz.

Havertz bereit für einen Wechsel? "Er kann keinen Fehler machen"

Ihn haben Sie als Trainer von der U16 bis zur U20 beim DFB begleitet. Haben Sie je ein größeres Talent gesehen?

Was das Gesamtpaket betrifft: nein. Es gab sehr viele Fußballer, die zwar von einem sensationellen Talent geprägt waren, Kai hat allerdings auch den Kopf dazu. Die nötige Härte sowie die Intelligenz, seine Fähigkeiten dann auch umzusetzen.

Ist Havertz bereit für einen Topklub?

Ich glaube, er kann keinen Fehler machen. In Leverkusen kann er, sofern sich der Klub qualifiziert, auf höchstem Niveau in der Champions League spielen. Aber wenn er zu einem anderen Klub geht, traue ich ihm es auch voll und ganz zu, dass er sich durchsetzt.