26. Juni 2019 / 12:28 Uhr

Wo sind die Jungs vom Bolzplatz? So krempelt der DFB seine Nachwuchsarbeit um

Wo sind die Jungs vom Bolzplatz? So krempelt der DFB seine Nachwuchsarbeit um

Tim Lüddecke und Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Luca Waldschmidt gehört zurzeit zu den talentiertesten deutschen Nachwuchsspielern. Doch unterhalb der U21 gibt es wenige Spieler, die spielerisch begeistert. DFB-Direktor Oliver Bierhoff und Meikel Schönweitz wollen das ändern.
Luca Waldschmidt gehört zurzeit zu den talentiertesten deutschen Nachwuchsspielern. Doch unterhalb der U21 gibt es wenige Spieler, die spielerisch begeistert. DFB-Direktor Oliver Bierhoff und Meikel Schönweitz wollen das ändern. © Getty / Montage
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Trotz der Erfolge bei der U21-EM muss sich in der deutschen Jugendarbeit etwas ändern. Direktor Oliver Bierhoff und Nachwuchstrainer Meikel Schönweitz erklären, wie der DFB seine Nachwuchsstrategie nach und nach umbaut, um bald wieder in der absoluten Weltspitze mitspielen zu können.

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Die Menschen in Udine waren es lange Zeit nicht mehr gewohnt, dass ein deutscher Stürmer Tore in ihrem Stadio Friuli schießt. Mehr als 20 Jahre ist es her, dass ein Mann namens Oliver Bierhoff in seinen drei Jahren beim ansässigen Klub Udinese Calcio so viele Treffer (57 in 86 Spielen) erzielte, dass er als gerahmtes Bild neben all den anderen Vereinslegenden in den Katakomben hängt. Nach seinem Weggang im Jahr 1998 war Bierhoff nun mal wieder an die alte Wirkungsstätte zurückgekehrt, inzwischen als DFB-Direktor – und redete trotz des EM-Halbfinal-Einzugs der deutschen U21 – Gegner in Bologna ist am Donnerstag Rumänien (18 Uhr, ZDF) – auch über „kleine Richtungsänderungen im deutschen Fußball“.

Hier lesen: Das soll sich in der DFB-Jugendarbeit konkret ändern

Doch warum eigentlich? Die A-Nationalmannschaft hat aus dem WM-Vorrunden-Aus vor rund einem Jahr in Russland und dem anschließenden Abstieg in der Nations League offenbar viele richtige Schlüsse gezogen. Und auch jenes U21-Team steuert in Italien gerade weiterhin auf Kurs Titelverteidigung. Bedenkt man, dass mit Leroy Sané, Timo Werner, Thilo Kehrer, Julian Brandt und Kai Havertz theoretisch noch fünf A-Nationalspieler spielberechtigt gewesen wären, kann es so schlecht um den deutschen Nachwuchs nicht stehen. „Wir wollen auch keine Hysterie auslösen“, sagt Meikel Schönweitz, der beim DFB Cheftrainer aller Juniorenteams ist, „aber trotz des WM-Titels 2014 war es Zeit, das System etwas zu hinterfragen“.

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Vor zwei Jahren wurde die deutsche U21-Nationalmannschaft in Polen Europameister. Aber wer war eigentlich dabei – und was wurde aus den DFB-Spielern, die den Titel damals nach Deutschland geholt haben? Der SPORTBUZZER klärt auf. ©

Beim DFB sorgt man sich um die Mannschaften unterhalb der U21

Innerhalb des Verbands sorgt man sich vor allem um die Mannschaften und Jahrgänge, die nach der U21 kommen; die U19 schaffte es gar nicht erst, sich für die Europameisterschaft zu qualifizieren, die U17 strich bereits nach der EM-Vorrunde die Segel. Dabei spielen in diesen Teams doch die Nationalspieler von morgen. Auch sie bilden eine mögliche Zukunft des deutschen Fußballs, wenn man so will. Und fragt man Direktor Bierhoff danach, soll diese künftig (wieder) in der Weltspitze liegen, wie er im Interview mit dem SPORTBUZZER bekräftigte: „Wir müssen wieder die Selbstverständlichkeit und Geschlossenheit reinkriegen und natürlich Ergebnisse erzielen.“

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Erst im Mai gab es den ersten Spatenstich für die neue DFB-Akademie in Frankfurt, die 2021 fertiggestellt sein wird. Neue Konzepte wurden angeschoben, die mehr Freiheiten in der Ausbildung zulassen sollen. Dazu gehört die sogenannte Funiño-Reform, die zur kommenden Saison als Empfehlung an die Jugendtrainer eingeführt werden soll und bei der es darum geht, dass die fünf- bis neunjährigen Talente in kleinen Teams auf vier Tore spielen, ohne Torwart. „Was uns fehlt, ist eine gewisse Art von Bolzplatzfußball“, sagt U21-Coach Stefan Kuntz, „drei gegen drei, zwei gegen zwei, eins gegen eins“.

Die Spieler der deutschen Teams sollen mehr Kreativität entwickeln

Die Verantwortlichen im Verband erhoffen sich davon, dass die Spieler mehr Kreativität entwickeln – und die Nationalteams eines Tages von mehr Individualität profitieren. Als Bierhoff kürzlich von den Nachwuchstrainern gefordert hatte, ihm die drei Toptalente jedes Jahrgangs zu nennen, taten diese sich schwer. Das kam nicht gut bei ihm an. „Deshalb werden wir jetzt die positionsspezifische Ausbildung weiter vorantreiben“, so der 51-Jährige. „Wir haben durchgängig Probleme bei den Stoßstürmern und Außenverteidigern. Wir sind da in den letzten Jahren etwas stehengeblieben, sind da sehr systematisch vorgegangen, haben weniger Individualität gefördert.“

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Scouting und Ausbildung sollen für Nachschub auf diesen Positionen sorgen, die Vereine seien dafür sensibilisiert, so Junioren-Cheftrainer Schönweitz: „Andererseits müssen wir aufpassen, dass es in acht Jahren nicht nur diese Spielertypen gibt.“ Bei der U21 stehen mit Lukas Klostermann und Benjamin Henrichs zwei starke Außenverteidiger im Kader. Und der deutsche Angreifer, der wieder in Udine trifft, heißt Luca Waldschmidt. Er ist vom Spielertyp her einer der gesuchten Bolzplatzkicker – auch wenn er damit nicht dem Vorbild seines eher mit Wucht gesegneten Vorgängers Oliver Bierhoff entspricht.