18. Januar 2022 / 19:15 Uhr

Wieso das Endspiel im DFB-Pokal jedes Jahr in Berlin stattfindet

Wieso das Endspiel im DFB-Pokal jedes Jahr in Berlin stattfindet

Ronald Tenbusch
Märkische Allgemeine Zeitung
Fußball, DFB-Pokalfinale 1984/1985, FC Uerdingen 05 - FC Bayern München Berliner Olympiastadion während des Pokalfinales 1985
Seit 1985 findet das Finale im DFB-Pokal alljährlich im Berliner Olympiastadion statt. © imago images/Günter Schneider
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"Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin" - ein Schlachtruf, der unzertrennlich mit dem DFB-Pokalfinale verbunden ist. Eigentlich wird das Endspiel aber erst seit 1985 stets in der Hauptstadt gespielt. Über die genauen Gründe wird gestritten, ganz unpolitisch war die Entscheidung in jedem Falle nicht.

Das DFB-Pokalfinale gehört zu Berlin wie Currywurst und Ampelmännchen. Doch warum ist es eigentlich so, dass das Endspiel im nationalen Cup-Wettbewerb alljährlich in Berlin stattfindet? Um das zu beantworten, benötigt es einen Blick in die Geschichtsbücher. Denn die entscheidenden Geschehnisse liegen bereits knapp vier Jahrzehnte zurück.

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Ursprünglich war der erstmals 1935 ausgespielte Wettbewerb ein Wanderpokal. Und auch der Standort des Endspiels wurde munter durchgewechselt. Das änderte sich 1985, als vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) bekannt gegeben wurde, dass fortan stets die Hauptstadt Finalort sein werde. Genauer gesagt das Berliner Olympiastadion. Diese Entscheidung hatte jedoch eine Vorgeschichte, die laut Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam zumindest in großen Teilen auch überliefert ist.

Die Bundesrepublik Deutschland hatte sich für die Austragung der Fußball-Europameisterschaft 1988 beworben und beste Aussichten, vom europäischen Fußballverband Uefa den Zuschlag zu bekommen. Um den Erfolg nicht zu gefährden, musste der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger aber einen umstrittenen Kompromiss eingehen. West-Berlin wurde im EM-Plan als Spielort übergangen, um die osteuropäischen Mitglieder im Uefa-Exekutivkomitee nicht zu verärgern, die die kapitalistische Inselstadt im kommunistischen Territorium weder anerkennen noch besuchen wollten.

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Diese Haltung Neubergers sorgte jedoch für einen Aufschrei in der Presse und der Politik der BRD. Selbst Bundeskanzler Helmut Kohl und sein Außenministerium schalteten sich ein. Sollte die EM 1988 tatsächlich ohne Berlin geplant werden, dann würde die Bundesregierung "die Vergabe der Fußball-EM 1988 an den DFB nicht für wünschenswert halten", hieß es in einem Schreiben, das den Regierungen der jeweiligen Exekutivkomitee-Mitglieder vor der Abstimmung zugesendet wurde.

Die Berliner Volksseele kochte

Doch der Sport wollte sich von der Politik nicht die Richtung diktieren lassen. Der DFB blieb bei seinem Verzicht auf West-Berlin als Austragungsort und die Uefa blieb bei ihrem Votum für West-Deutschland als EM-Gastgeber. Die Berliner fühlten sich verraten, die Volksseele kochte. Nun kam der DFB-Pokal ins Spiel. Denn just in diese Tage fiel die Entscheidung des DFB, das Endspiel zukünftig alljährlich im Berliner Olympiastadion auszutragen. Ein Kompensation? DFB-Präsident Neuberger selbst wies dies stets von sich.

Der damalige Präsident des Berliner Fußballverbandes (BFV) Uwe Hammer hat da ebenfalls seine Zweifel: „Ich hatte schon in den Jahren zuvor immer wieder gemeinsam mit Neuberger überlegt, wie man eine attraktive Veranstaltung nach West-Berlin holen könnte. Ein Länderspiel ging nicht, die sind häufig mittwochs, und die Beteiligten wären wegen der Insellage am selben Abend nicht mehr weggekommen. Das war unrealistisch, deshalb wollten wir immer eine Veranstaltung am Wochenende machen – und so kam Neuberger auf das Pokalfinale", sagte Hammer dem Tagesspiegel, im Gespräch mit dem rbb wollte er aber auch nicht ausschließen, dass die Nicht-Berücksichtigung von West-Berlin bei der Bewerbung für die EM 1988 eine Rolle gespielt haben könnte

 DFB Pokalsieger Uerdingen - Wolfgang Funkel re. und Friedhelm Funkel Mitte jubeln mit dem Pokal, daneben  Wolfgang Schäfer
Mit der Paarung Bayer Uerdingen gegen FC Bayern München (2:1) fand 1985 das erste DFB-Pokal-Finale in Berlin seit Ende des Zweiten Weltkriegs statt. © imago images/Kicker/Eissner, Liedel

Zunächst waren die West-Berliner mit dem Kompensations-Geschenk aber überhaupt nicht zufrieden. Der Ärger auf Neuberger war so groß, dass dieser sich beim ersten Pokalfinale nach der Entscheidung 1985 zwischen Bayer Uerdingen und dem FC Bayern München (2:1) nicht blicken ließ. Angeblich hatte der Sicherheitschef des Olympiastadions Übergriffe auf den DFB-Präsidenten befürchtet.

Es dauerte einige Jahre, ehe sich die Hauptstadt mit dem Saisonhöhepunkt im Olympiastadion anfreundete. Mittlerweile ist es jedoch zu einem Ereignis geworden, das man nicht mehr abgeben wollen würde. So sah es auch Uwe Hammer: „Die EM war ein einmaliges Ereignis. Der Pokal ist ein bleibender Faktor. Die Stimmung, die wir heute haben, die Begeisterung und der Ruf: Wir fahren nach Berlin – davon konnten wir 1985 nur träumen. Heute ist es Wirklichkeit."