30. April 2021 / 17:29 Uhr

Vor DFB-Pokal-Halbfinale: Alle vier Coaches unter 40 Jahre - "Laptop-Trainer" auf dem Vormarsch?

Vor DFB-Pokal-Halbfinale: Alle vier Coaches unter 40 Jahre - "Laptop-Trainer" auf dem Vormarsch?

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Alle vier Trainer im DFB-Pokal-Halbfinale sind jünger als 40 Jahre.
Alle vier Trainer im DFB-Pokal-Halbfinale sind jünger als 40 Jahre. © IMAGO / Christian Schroedter / Revierfoto / Nico Paetzel (Montage)
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Mit Florian Kohfeldt, Julian Nagelsmann, Edin Terzic und Ole Werner stehen vier Trainer im DFB-Pokal-Halbfinale, die allesamt unter 40 Jahre alt sind. Das Quartett taugt als Sinnbild der neuen Trainer-Generation. Mehmet Scholl verschmähte diese einst als "Laptop-Trainer", Jürgen Klopp hat viel für sie übrig. 

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Die Halbfinal-Partien im DFB-Pokal stehen an diesem Wochenende an: Werder Bremen kämpft am Freitag gegen RB Leipzig um den Einzug ins Finale, Borussia Dortmund am Samstag gegen Holstein Kiel. Die Kieler hatten in der zweiten Runde den FC Bayern aus dem Wettbewerb gekegelt - im Elfmeterschießen. Ein Blick auf die Trainer der vier Halbfinalisten zeigt: Durchgesetzt hat sich ein bestimmter Typus. Denn so unterschiedlich Florian Kohfeldt (Werder), Julian Nagelsmann (RB), Edin Terzic (BVB) und Ole Werner (Kiel) sein mögen, zwei Dinge haben sie gemeinsam: Sie sind alle jünger als 40 Jahre und keinem von ihnen war die große Spielerkarriere vergönnt.

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2015 wetterte der Ex-Bayern-Profi Mehmet Scholl im Spiegel über die junge Trainergeneration: "Je mehr ich die Kandidaten beobachtet habe, die mit Bestnoten abschließen, die dieses typische Kursbester-Gesicht haben und die Kursinhalte aufgesogen haben, desto mehr sträubten sich bei mir die Nackenhaare." Der 36-fache Nationalspieler fuhr fort: "Bei denen ist Taktik oberstes Gebot, das sind Laptop-Trainer." Scholl war damals Mitte 40 und ARD-Experte. Er war bereits Fußballlehrer und hatte seine Karriere als Nachwuchstrainer beim FC Bayern wegen Interessenskonflikten ruhen lassen.

Wie viel "Laptop-Trainer" steckt in Nagelsmann, Kohfeldt und Co.?

Scholl bekam viel Zuspruch, aber auch viel Kritik für seine Äußerungen – und erwirkte eine Grundsatzdebatte in Fußball-Deutschland, die aus der heutigen Perspektive noch spannender ist als damals. Wer sind diese "Laptop-Trainer", die Scholl damals zur Weißglut trieben? Vier Mitglieder der Generation, auf die Scholl vielleicht anspielte, stehen beim Pokal-Halbfinale an der Seitenlinie.



Kohfeldt, nur einen Steinwurf von Bremen entfernt in Delmenhorst aufgewachsen, ist trotz seiner erst 38 Lebensjahre bereits knapp 20 Jahre bei Werder. Im Übergang vom Jugend- in den Herrenbereich wechselte der ehemalige Torwart zur dritten Mannschaft des SVW. Er knüpfte Kontakte im Verein, zunächst zu seinem Trainer, dem ehemaligen Profi Viktor Skripnik. Nebenbei fing er ein Studium der Sport- und Gesundheitswissenschaften in Bremen an. An eine Karriere als Spieler in der Bundesliga habe er laut eigener Aussage nie geglaubt, er wollte Trainer werden. Bei Werder sammelte Kohfeldt zunächst Erfahrungen als Jugendtrainer, ehe er sich für höhere Aufgaben empfahl. 2015 folgte der Abschluss der DFB-Fußballlehrerausbildung als Jahrgangsbester. Eine Biografie, die Scholls Wutrede nicht besser entsprechen könnte.

Julian Nagelsmann hegte als Spieler mehr Ambitionen. Er durchlief die Jugendmannschaften des FC Augsburg und von 1860 München. Nach jeweils einem Jahr bei den zweiten Mannschaften der beiden Vereine war dann aber schnell Schluss: Akute Arthrose-Gefahr nach einem Meniskus- und Knorpelschaden. 2008 das Karriereende mit 20 Jahren. Nagelsmann, der in der Jugend als Führungsspieler und Kapitän seiner Teams in Erscheinung getreten war, gelang der direkte Einstieg ins Trainergeschäft. Für den damaligen Augsburg-Coach Thomas Tuchel (heute beim FC Chelsea) sichtete der damals 20-jährige noch in der Saison seines Karriereendes die gegnerischen Teams. 2015 klopfte schon einmal der FC Bayern an, Nagelsmann sollte Trainer der U17 der Münchner werden – er lehnte ab, verwies auf sein Engagement bei der TSG Hoffenheim und seine laufende Ausbildung zum Fußballlehrer. Jetzt, als Cheftrainer, hat der Wechsel geklappt: Für eine Rekordablöse eisen die Bayern Nagelsmann ab Sommer aus Leipzig los.

Spieler, Gärtner, Trainer – Ole Werners Weg zur Pokal-Überraschung

Ole Werner bezwang die Bayern mit "seinen" Kielern. In einem hart umkämpften Duell im dichten Schneetreiben setzten sich die Kieler im Januar im Elfmeterschießen gegen Manuel Neuer und Co. durch. "Ole Werner haben wir uns selbst als Trainer aufgebaut, der war hier Spieler und Jugendtrainer, ist 32 Jahre alt und hat noch alles vor sich", betonte Holstein-Boss Wolfgang Schwenker am Freitag. "Wenn ich jetzt er wäre, dann wüsste ich zu schätzen, wie man bei Holstein Kiel arbeiten und sich entwickeln kann." Genau das weiß der in der Nähe von Kiel geborene Werner. Als Spieler gelang ihm der Sprung vom Nachwuchs der "Störche" in die erste Mannschaft. Die Karriere endete jedoch nach nur zwei Jahren – einem bei Kiel, einem weiteren beim Amateurverein TSV Kropp. Dann der Perspektivwechsel: Weil er seine Unterlagen fürs Studium zu spät eingereicht hatte, ging Werner für ein Überbrückungsjahr nach Australien. Auch danach sollte es mit dem Studium nicht so richtig was werden – Werner landete als Trainer im Jugendbereich der Störche. Profi-Trainer wurde er 2019, während er parallel den DFB-Lehrgang zum Fußballlehrer absolvierte.

Edin Terzic ist von den Zahlen her der unerfahrenste der vier Halbfinal-Coaches. In Dortmund wurde der 38-Jährige im Dezember Nachfolger von Lucien Favre - eine Interimslösung. Im Februar teilte der BVB mit, dass im Sommer Marco Rose von Borussia Mönchengladbach übernehmen wird. Dass Terzic dann wie vom Klub geplant auf die Co-Trainer-Position zurückkehrt, ist aber nicht sicher. Schließlich hat er in den vergangenen Wochen gezeigt, dass er auch unter Druck im Profigeschäft liefern kann. Der 188-fache Ober- und Regionalliga-Spieler fing schon als aktiver Spieler an, als Scout und Jugendtrainer für die Schwarz-Gelben zu arbeiten. Mehrere Jahre assistierte Terzic dem heutigen Leverkusen-Trainer Hannes Wolf in verschiedenen Nachwuchsmannschaften des BVB, bis der ehemalige Nationaltrainer Kroatiens, Slaven Bilic, lockte. An dessen Seite feierte Terzic als Co-Trainer Erfolge mit Besiktas Istanbul in der Europa League. Er folgte Bilic auch zu West Ham United. Nach dem Aus in London und mehreren Monaten ohne Klub kehrte der Sauerländer 2018 zurück nach Dortmund.

Klopp: "Das ist kein Zuckerschlecken!"

Zurück zu Mehmet Scholl und dem "Laptop-Trainer"-Etikett: Immer wieder störte Scholl sich in der jüngeren Vergangenheit an der Sprache der neuen Trainergeneration. So monierte der frühere Fußball-Popstar nach Terzics erster Bundesliga-Niederlage mit dem BVB, man könne dessen Begründung ("Wir haben den Ball nicht gut bewegt und uns selbst nicht gut bewegt"), nicht nachvollziehen.

Deutlich positiver bewertet Liverpool-Trainer Jürgen Klopp die aktuelle Trainer-Entwicklung. 2018 erklärte er dem ZDF: "Die ganzen jungen Trainer, die gerade hochkommen, haben alle eine Top-Ausbildung genossen. Im Gegensatz zu früher haben die schon jahrelang eine Fußballmannschaft trainiert. Die sind nicht über Nacht in den Job gekommen." Mit Blick auf Scholl merkte Klopp an, dass "die Ex-Profis heute bereit" sein müssten, "diesen Weg auch zu gehen, auf einem gesunden Niveau anzufangen und den Job zu lernen – denn man muss ihn lernen, weil er mit dem Beruf des Fußballprofis nichts zu tun hat." Es gehe darum, eine Mannschaft zu leiten, nicht in ihr zu spielen. "Alles, was wir und die Burschen machen, wird jeden Tag kontrolliert. Das ist kein Zuckerschlecken."