04. Dezember 2020 / 08:32 Uhr

Wackelt jetzt Präsident Fritz Keller? Weiter Unruhe beim DFB vor Gipfel am Freitag

Wackelt jetzt Präsident Fritz Keller? Weiter Unruhe beim DFB vor Gipfel am Freitag

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
DFB-Präsident Fritz Keller steht vermehrt unter Druck.
DFB-Präsident Fritz Keller steht vermehrt unter Druck. © Getty Images (Montage)
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Der DFB kommt einfach nicht zur Ruhe – vor der Präsidiumssitzung am Freitag droht der Verband im kompletten Chaos zu versinken. Präsident Fritz Keller sitzt längst nicht mehr so fest im Sattel wie zu Beginn seiner Amtszeit.

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Eigentlich schien sich der brisanteste Punkt der Tagesordnung für die am Freitag stattfindende Präsidiumssitzung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) seit Montag erledigt zu haben. Da wurde nämlich in einer kurzen, aber intensiven Runde in der Verbandszentrale beschlossen, dass der Bundestrainer auch künftig weiterhin Joachim Löw heißt. Ruhe ist seitdem allerdings nicht eingekehrt im Frankfurter Stadtwald, im Gegenteil.

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Unabhängig davon, welches Echo die Entscheidung pro Löw bundesweit auslöste, brennt beim DFB kurz vor Weihnachten mal wieder – oder immer noch – mächtig die Hütte. Diesmal geht es um den Präsidenten selbst: Fritz Keller.

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Dessen Schlingerkurs in wichtigen Angelegenheiten wird kritisch beäugt – und das ist noch sehr vorsichtig formuliert. Egal, ob in der Steueraffäre, im Machtkampf mit Generalsekretär Friedrich Curtius oder nun in der Causa Löw – der Freiburger Winzer machte keine glückliche Figur. Erst hüh, dann hott. Mal kumpelhaft, mal herrisch. Auf jeden Fall sehr sprunghaft ist Kellers bisheriges Wirken in seiner gut 14-mo­na­ti­gen Amtszeit. Und mächtige Gegenspieler hat er obendrein.

Kellers Ansehen bei den DFB-Kollegen hat gelitten

Vizepräsident Rainer Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge wären wohl nicht unglücklich, wenn der DFB-Boss sich künftig wieder um seine Weinberge kümmern würde, auch bei Löw hat Kellers Ansehen in den letzten Wochen arg gelitten. Im November antwortete der Bundestrainer im SPORTBUZZER-Interview noch auf die Frage, wie sein Verhältnis zu Keller sei: "Gut, weil er ein Teamplayer ist. Im DFB wird er gemocht, er hat bei den Mitarbeitern Vertrauen und Freude zurückgebracht."


Tatsächlich gilt der Präsident als nett und freundlich, mitunter allerdings auch als aufbrausend und aktionistisch. So handelte er beispielsweise naiv, als er Löw nahelegte, dessen Vertragslaufzeit von Ende 2022 auf nach der EM 2021 zu verkürzen. Die blutige Nase, die er sich dadurch einfing, könnte erst der Anfang vom Ende gewesen sein.

Auch Curtius’ Kontrakt wollte Keller auflösen und dessen Posten mit seinem engsten Vertrauten und persönlichen Referenten bekleiden: Samy Hamama. Nach außen ist dieser Mann kaum sichtbar, gilt aber intern als "Präsidenten-" oder "Fehlerflüsterer", sagen seine Kritiker, die offenbar deutlich in der Mehrzahl sind.

Das sind die Vorgänger von DFB-Präsident Fritz Keller

Fritz Keller (links) ist der 13. Präsident in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes – Theo Zwanziger (zweiter von links), Wolfgang Niersbach
 (dritter von links) und Egidius Braun (rechts) gehören zu seinen Vorgängern. Zur Galerie
Fritz Keller (links) ist der 13. Präsident in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes – Theo Zwanziger (zweiter von links), Wolfgang Niersbach (dritter von links) und Egidius Braun (rechts) gehören zu seinen Vorgängern. ©

Das Wirken des ehemaligen Mitarbeiters des Weltverbandes FIFA ist ebenso umstritten wie eine weitere Personalie, die Keller zu verantworten hat: die der neuen Medienchefin Mirjam Behrle. Die im Oktober vom Reifenhersteller Goodyear gekommene Kommunikationsexpertin verfasste un­ter anderem die merkwürdige Pressemitteilung, in der Löw die "zeitliche und emotionale Distanz" nahegelegt wurde, die "eigene große Enttäuschung" nach dem 0:6-Debakel in Spanien zu verarbeiten, ohne dessen Namen zu nennen.

Kellers Reform-Kurs stockt immer wieder

Keller wollte viele Dinge verändern, den verstaubten und verkrusteten DFB vielleicht sogar revolutionieren. Doch er musste schnell merken, dass er dabei immer wieder an Grenzen stieß mit seinen Ideen und Konzepten – dass die Umsetzbarkeit in einem riesigen Kon­strukt mit über 500 Mitarbeitern deutlich länger dauert, als er es sich wünschen würde und es aus seinem Betrieb oder der Tätigkeit beim SC Freiburg gewohnt war.

"Ich habe mich nicht selbst ausgesucht für den DFB", sagte Keller an dem Abend, an dem er einige ausgewählte Journalisten auf die Sonnenterrasse seines Weinguts im Kaiserstuhl geladen hatte. Tatsächlich waren mithilfe der Schweizer Beratungsagentur Egon Zehnder ausgerechnet einige derjenigen zu dem Entschluss gelangt, dass Keller der richtige Mann sei, die ihn heute abservieren wollen: unter anderem Koch und Osnabrügge.