20. März 2019 / 08:23 Uhr

Mythos Zuschauerschwund bei DFB-Länderspielen: Was ist wirklich dran?

Mythos Zuschauerschwund bei DFB-Länderspielen: Was ist wirklich dran?

Eric Zimmer und Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Volles Haus wie in Gelsenkirchen oder leere Ränge wie in Leipzig. Was ist dran am vermeintlichen Zuschauerschwund in der Nationalmannschaft?
Volles Haus wie in Gelsenkirchen oder leere Ränge wie in Leipzig. Was ist dran am vermeintlichen Zuschauerschwund in der Nationalmannschaft? © imago/Montage
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Die Fans wollen die Nationalmannschaft nicht mehr sehen, so der Tenor nicht erst seit der WM 2018 – dabei ist der Zuschauerschnitt bei Länderspielen stabil, wie SPORTBUZZER-Recherchen belegen.

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„Die fetten Zuschauer-Jahre beim DFB sind vorbei.“ „Dem DFB fehlen Zuschauer.“ „Kaum Erfolg, wenig Zuschauer.“ Tritt die deutsche Nationalmannschaft zu einem Heimspiel an, klingen die Schlagzeilen jüngst ähnlich. Eine Übersättigung der Fans durch zu viele Spiele in zu vielen Klub- und Nationalmannschaftswettbewerben, zu viele Partien gegen „Fußballzwerge“ in WM- und EM-Qualifikationen sowie zu hohe Ticketpreise werden als Begründungen für schwindende Besucherzahlen in den Arenen aufgeführt.

Klar ist: Beim nächsten Heimauftritt des Teams von Bundestrainer Joachim Löw wird definitiv kein Zuschauerrekord geknackt – beim Test am Mittwoch (20.45 Uhr, RTL) gegen Serbien ist in der Arena in Wolfsburg Platz für 26.000 Besucher, bis Dienstag waren 24.000 Karten verkauft. Vor dem Spiel auf der kleinen Bühne der VW-Stadt: Was ist dran am Mythos Zuschauerschwund?

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Tor: #1 Manuel Neuer (FC Bayern München) Zur Galerie
Tor: #1 Manuel Neuer (FC Bayern München) ©
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„Wir haben in diesem Jahr nicht alles getan, dass die Stadien ausverkauft sind“, sagte DFB-Kapitän Manuel Neuer nach dem 3:0 im November vor 35.288 Zuschauern in Leipzig gegen Russland. Die Heimfahrt nach der WM-Vorrunde wenige Monate zuvor hatte aufs Gemüt geschlagen, im Stadion von RB war noch jede Menge Platz. Der Beweis für das Desinteresse der Deutschen an ihrem Fußballteam? Zeigen wird sich das erst in diesem Jahr.

Bierhoff: "Interesse ist noch immer sehr, sehr groß"

Vor und nach dem Debakel in Russland spielte Deutschland 2018 siebenmal im eigenen Land. Fünf Spiele waren ausverkauft (auch in großen Arenen wie in Berlin und München), im Schnitt kamen 46.290 Zuschauer. Das waren mehr als 2017 (im Schnitt 44.190 Zuschauer bei fünf Spielen). Mehr als vor und nach der Heim-WM 2006, die ein Stimmungshoch in Fußballdeutschland erzeugt hatte (41.400 Zuschauer in sieben Spielen – auch in kleineren Stadien wie Freiburg und Leverkusen). Und auch mehr als im WM-Titeljahr 2014 (45 792 in acht Spielen).

Das ist der Zuschauerschnitt der Nationalmannschaft seit der WM 2006 im eigenen Land.
Das ist der Zuschauerschnitt der Nationalmannschaft seit der WM 2006 im eigenen Land. © SPORTBUZZER

DFB-Direktor Oliver Bierhoff sagte dem SPORTBUZZER: „Diese Statistik belegt meinen Eindruck, dass das Interesse an der Nationalmannschaft noch immer sehr, sehr groß ist und die Leute gern ins Stadion kommen. Wir haben beispielsweise auch vor der WM 2018 mehr Trikots verkauft als 2014. Ich hoffe natürlich, dass wir dieses Vertrauen künftig wieder zurückzahlen können und die Unterstützung der Fans erhalten können.“

DFB will "wieder einige Spiele in kleineren Stadien austragen"

3 .722.884 Fans zogen alle 80 Heimspiele der DFB-Elf zusammen ab dem WM-Jahr 2006 in die Stadien, im Schnitt macht das 46.536 Besucher. 2018 lag da voll im Trend. Bierhoff dazu: „Wir wollen den Weg, den wir nach der WM eingeschlagen haben, weiter fortsetzen und Nähe zu den Fans haben. Wir werden auch wieder einige Spiele in kleineren Stadien austragen, die hoffentlich ausverkauft sind.“ Von 80 Spielen ab dem WM-Jahr 2006 galt das für 47, nach Wolfsburg sind 2019 Mainz, Hamburg, Dortmund, Mönchengladbach und Frankfurt die Länderspielorte. Es fehlt: eine Stadt im Osten.

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2019 eingerechnet, hat sich der DFB ab 2006 siebenmal Gelsenkirchen ausgesucht, Platz zwei teilen sich Mönchengladbach, Hamburg und Dortmund mit je sechs Partien. Berlin ausgeklammert (fünf Spiele), ist Leipzig im Osten die klare Nummer eins mit vier Partien – allein Rostock (2006) taucht noch auf.

Hermann Winkler, Präsident des Sächsischen Fußball-Verbandes, hatte sich Ende 2018 im MDR für weitere Städte eingesetzt und nannte Dresden, Rostock, Magdeburg und Cottbus. „Es ist tatsächlich so, dass wir außer in Leipzig wenige Spiele im Osten absolviert haben, was aber auch mit den Rahmenbedingungen zu tun hat“, sagt Bierhoff. Aber „nach Leipzig kommen wir übrigens immer sehr gerne“.

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Berlin, Olympiastadion (74 649 Plätze) – WM 2006: Spielort (unter anderem Finale) – Austragungsort der Sommerspiele 1936 und Spielort der WM 1974 und 2006 sowie des Finales der Champions League 2015. Seit 1985 Spielort des DFB-Pokalfinales. Komplettsanierung von August 2000 bis Juli 2004. Zur Galerie
Berlin, Olympiastadion (74 649 Plätze) – WM 2006: Spielort (unter anderem Finale) – Austragungsort der Sommerspiele 1936 und Spielort der WM 1974 und 2006 sowie des Finales der Champions League 2015. Seit 1985 Spielort des DFB-Pokalfinales. Komplettsanierung von August 2000 bis Juli 2004. ©
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Was dem DFB Unbehagen bereiten dürfte, sind Teile der Fanszenen im Osten. So wurden nach der „Schande von Prag“ (unter anderem „Sieg Heil“-Rufe von den Rängen beim Länderspiel in Tschechien 2017) auch Hooligans aus Dresden identifiziert. Ob in Wolfsburg, Mainz oder Hamburg – auch wenn die DFB-Auswahl 2019 beweisen muss, dass sie das Vertrauen ihrer Fans hat: Ein Auftritt in Deutschland vor 5500 Fans, so geschehen 2013 in Boca Raton (USA) gegen Ecuador, dürfte ihr nicht blühen.

Woher hat der SPORTBUZZER die Zahlen?

Die Zuschauerzahlen stammen aus den Spielstatistiken auf dfb.de, einbezogen sind alle Heimspiele seit dem WM-Jahr 2006 (außer Turnierspielen). Für die Partien gegen die Slowakei 2016 und Georgien 2015 hat der Verband keine Zahlen aufgeführt. Sie wurden aus der Datenbank des „Kickers“ ergänzt. Für die Partie gegen Kamerun 2014 führt der DFB 51 250 Zuschauer auf – nach Abgleich mit weiteren Quellen wurde hier mit 41 250 gerechnet. Ob Spiele ausverkauft waren, entstammt den Daten vom DFB und dem „Kicker“. In die Statistik der Spielorte sind die Vergaben für 2019 eingeflossen.

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