19. November 2021 / 19:27 Uhr

DFL contra Kartellamt: Diskussion um 50+1 kann den Profifußball-Standort Wolfsburg gefährden

DFL contra Kartellamt: Diskussion um 50+1 kann den Profifußball-Standort Wolfsburg gefährden

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Mehr als ein Trikotsponsor: Die VfL-Wolfsburg-GmbH ist eine 100prozentige VW-Tochter.
Mehr als ein Trikotsponsor: Die VfL-Wolfsburg-GmbH ist eine 100prozentige VW-Tochter.
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Das Bundeskartellamt hat beanstandet, dass VW die Mehrheit an der Profi-Fußball-GmbH des VfL Wolfsburg hält - und damit eine Diskussion angestoßen, bei der es für den Bundesliga-Standort Wolfsburg ans Eingemachte gehen kann. Die DFL springt dem VfL (und auch Leverkusen und Hoffenheim) zur Seite.

Denkt man die Sache zu Ende, wird es den VfL Wolfsburg als Fußball-Bundesligisten in der jetzigen Form nicht mehr geben. Weil er als Tochter des VW-Konzerns eine Ausnahmestellung unter den Profi-Klubs innehat. Weil das nach einer vorläufigen Auffassung des Kartellamts gegen Kartellecht verstoßen könnte. Und weil niemand weiß, ob sich die DFL erfolgreich dagegen wehren kann, wenn das Kartellamt hartnäckig bleibt.

Der Reihe nach: Als vor 22 Jahren erlaubt wurde, dass Kapitalgesellschaften - etwa eine GmbH - am Profi-Spielbetrieb teilnehmen dürfen, wurde festgelegt, dass diese Kapitalgesellschaften mehrheitlich einem Verein gehören. Das ist die 50+1-Regelung. Es wurden aber Ausnahmen geschaffen: Wenn Geldgeber oder Sponsoren schon mindestens 20 Jahre aktiv den Verein fördern und das weiterhin tun, können sie die Mehrheit erwerben. Und das ist in Wolfsburg (VW), in Leverkusen (Bayer) und Hoffenheim (Dietmar Hopp) der Fall.

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Unabhängig von diesen Ausnahmeregelungen läuft seit Jahren die Diskussion, ob man 50+1 nicht einfach abschaffen sollte - um mehr Investoren und damit mehr Geld anzulocken. Und immer wieder tauchte die Frage auf: Wenn jemand gegen die 50+1-Regel klagt, hätte er dann Aussicht auf Erfolg? Um auf dieses Problem vorbereitet zu sein, hat die DFL das Bundeskartellamt um eine Einschätzung gebeten. Und die sah so aus: 50+1 ist im Grunde okay - aber die Ausnahmeregelungen für Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim sind es möglicherweise nicht. Kartellsamt-Chef Andreas Mundt befürchte laut Spiegel, dass dadurch "die eigenen sportpolitischen Zielsetzungen, die die DFL mit der 50+1-Regel verfolgt, konterkariert werden", der VfL Wolfsburg und die anderen beiden Klubs würden sich zu sehr vom Stammverein abkoppeln.

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Obwohl es auch Profis-Klubs gibt, die das Ende der Ausnahmeregelungen für Wolfsburg und Co. sehr begrüßen würden, hat sich die DFL nun eindeutig positioniert - und die Ausnahmeregelungen in einer Stellungnahme an das Kartellamt verteidigt. In ihrem 16-seitigen Papier dazu argumentiert die DFL unter anderem so: Dass sich sehr viele unterschiedliche Teams in den vergangenen 20 Jahren für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert haben, zeige doch, dass die Sonderstellung von VfL, Bayer und Hoffenheim die Ausgeglichenheit nicht gefährden. Gegenargument des Kartellamts: Die drei „bevorteilten“ Klubs sind noch nie abgestiegen - was allerdings ein vergleichsweise schwaches Argument ist, denn Hoffenheim und Wolfsburg entkamen in den letzten Jahren nur haarscharf und mittels Relegation dem Abstieg.

Wie geht's weiter? Der für Wolfsburg ungünstigste Fall - das Kartellamt beharrt auf seiner Position und darauf, dass die Ausnahmen abgeschafft werden - ist unwahrscheinlich. Denn dann würden der VfL, Hoffenheim und Leverkusen vermutlich einen Rechtsstreit anzetteln, um ihre seit Jahren geltende Ausnahmeregelung behalten zu dürfen - und ein solcher Rechtsstreit könnte sogar die 50+1-Regelung generell ins Wanken bringen, kann darum Jahre dauern und ist von niemandem gewollt. Dass sich vor allem Wolfsburg gegen ein Ende der Ausnahmeregelung wehren würde, ist nachvollziehbar: Denn der VfL e.V. wäre strukturell und finanziell kaum in der Lage, die Mehrheit an der VfL-GmbH von VW zurückzukaufen - und der Profifußball-Standort Wolfsburg wäre in seiner Existenz bedroht.

Wahrscheinlicher ist darum eine Lösung, die die DFL bereits in ihrem Schreiben ans Kartellamt angedeutet hat: Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim dürfen weitermachen wie bisher, zukünftig aber wird es solche Ausnahmeregelungen für andere Klubs nicht mehr geben. Als Ausgleich für ihren vermeintlichen Vorteil könnten der VfL, Bayer 04 und die TSG 1899 auf einen Teil der TV-Einnahmen verzichten - in der Hoffnung, dass dadurch die Bedenken des Kartellamts zerstreut werden.


Der VfL, der seine Sicht der Dinge bereits schriftlich beim Kartellamt hinterlegt hat, hält sich mit öffentlichen Äußerungen zu dem Thema verständlicherweise noch zurück - um die Diskussion nicht unnötig zu befeuern. Generell, so Geschäftsführer Dr. Tim Schumacher auf SPORTBUZZER-Nachfrage, gehe man trotz der Bedenken des Kartellamts "davon aus, dass die aktuelle und seit Jahren bewährte Regelung von 50+1 einschließlich der Förderausnahmen kartellrechtskonform ist." Denn: "Dies ist ein ausgewogener und angemessener Ausgleich zwischen den Interessen der Wahrung der Vereinsstruktur und den Interessen von langfristigen Investoren."