25. Januar 2020 / 12:01 Uhr

DHB-Boss Andreas Michelmann über sein EM-Fazit und die Trainer-Diskussion um Christian Prokop

DHB-Boss Andreas Michelmann über sein EM-Fazit und die Trainer-Diskussion um Christian Prokop

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
Andreas Michelmann ist seit 2015 Präsident des Deutschen Handballbundes (DHB).
Andreas Michelmann ist seit 2015 Präsident des Deutschen Handballbundes (DHB). © imago images / Annegret Hilse
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Seit 2015 steht Andreas Michelmann als Präsident dem DHB vor. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er über das Abschneiden der deutschen Mannschaft bei der EM und die Diskussionen um Trainer Christian Prokop. Zudem nahm er Stellung zu den Plänen rund um die Heim-EM im Jahr 2024.

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Deutschlands Handballer haben das EM-Halbfinale verpasst, sind aber nah dran an der Weltspitze. Andreas Michelmann, seit 2015 Präsident des Deutschen Handballbundes (DHB) und seit 1994 Oberbürgermeister der Stadt Aschersleben (Sachsen-Anhalt), im SPORTBUZZER-Interview über die XXL-EM, den brutalen Modus, das deutsche Abschneiden, die Diskussionen um Bundestrainer Christian Prokop, warum der DHB erst in Köpfe und dann Beton investiert und wie die Zukunft des Beachhandballs aussieht.

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Drei Länder, 24 Mannschaften – es ist die größte Handball-EM aller Zeiten. Ein Erfolgsmodell?

Ich fange mal mit den Mannschaften an. Alle Skeptiker, auch ich, sind eines Besseren belehrt worden. Denn diese EM hat nicht nur Ländern Chancen eröffnet, die sonst nicht dabei gewesen wären, sondern auch viel mehr Überraschungen präsentiert, als zu erwarten waren. Ich denke da gerade an Frankreich und Dänemark. Auf der anderen Seite ist eine Mannschaft wie Portugal ins Blickfeld gerückt, die vielleicht sonst nicht dabei gewesen wäre.



Geht das einher mit dem Modus?

Das kommt noch dazu. Dieser Modus ist brutaler, als er im ersten Moment aussieht, weil man sich schon in der Vorrunde extrem auf das Schlüsselspiel vorbereiten muss. Das haben alle Teams gemerkt, die diesen Rucksack von 0:2-Punkten mitgeschleppt haben. Keines der Teams hat es ins Halbfinale geschafft. Die Vorrunde ist extrem aufgewertet worden.

Kommen wir zu den drei Ländern...

Ökologisch und von der Belastung der Teams durch die Fliegerei, ist es zu viel. Wenn aber in der Ausrichtung mit 24 teilnehmenden Mannschaften künftig nicht nur große Handball-Nationen mit entsprechender Infrastruktur zum Zuge kommen sollen, wird man zwei, drei Nationen als gemeinsame Ausrichter zulassen müssen. Dann machen aber benachbarte Länder mehr Sinn. Sonst hatten wir drei hervorragende Gastgeber und Städte. In Sachen Unterkunft und Verpflegung war das exzellent. Das war das Beste, was ich seit langem erlebt habe, plus tolle Hallen.

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Was nimmt der DHB aus dieser EM mit für die eigene 2024?

Dass der Vorrunden-Modus, zwei Gruppen in einer Stadt, sich bewährt hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir dies auch so praktizieren. So kommt EM-Stimmung in die Städte. Danach zwei Hauptrunden-Städte und ein Finalrundenort.

Sind die Standorte schon fix?

Nein. Es ist allerdings bekannt, dass wir das Eröffnungsspiel in der überdachten und beheizbaren Düsseldorfer Fußball-Arena planen.

Zurück zur laufenden EM. Für das DHB-Team wird es Platz fünf oder sechs. Sind Sie zufrieden?

Zufrieden? Danach kommt selbstzufrieden und das Grab. Wir hatten uns das Ziel gesetzt, Medaille oder Halbfinale. Heißt: Wir haben das Ziel demnach nicht erreicht. Trotzdem: Wie das Turnier gelaufen ist, mit der Steigerung in der Hauptrunde, die der Mannschaft niemand zugetraut hat, können wir ein positives Fazit ziehen. Wir sind dicht dran an der Weltspitze.

War das Ziel Medaille, zu hoch gegriffen – vor allem bei den verletzungsbedingten Ausfällen?

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Nein, bei dem Anspruch, den wir haben, finde ich das nicht. Außerdem ist es Teil unserer Kultur, sich hohe Ziele zu setzen, um dann sicher auch ein klein wenig die Enttäuschung zu provozieren, wenn das Ziel nicht erreicht wird.

Liegt es auch in unserer Kultur, Führungsfiguren, wie Bundestrainer Christian Prokop, dann in Frage zu stellen?

Wir sind sicher sehr schnell unzufrieden. Dann wollen wir mal nicht vergessen, dass einige ihr eigenes Süppchen kochen oder Schlachten von vorgestern schlagen. Aber: Kaum etwas hat zum Zusammenhalt zwischen Trainer und Mannschaft so beigetragen wie diese Attacken.

Heißt: Der Kreis zwischen Mannschaft, Trainer und Staff ist gefestigter denn je?

So ist das. Wenn du von außen angegriffen wirst, schließen sich die Reihen. Das haben Trainer, Mannschaft und Staff gut gelöst.

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Aber in der Außendarstellung ist da einiges nicht glücklich gelaufen?

Ich weiß, was Sie meinen (Die Äußerung von DHB-Vize Bob Hanning, der erklärte, dass man nach dem Österreich-Spiel wisse, was die Mannschaft mit dem Trainer mache, d. Red.). Die Äußerung war nicht so gemeint, wie sie ausgelegt wurde. Darüber ärgert sich Bob selbst am meisten, da er immer zu Christian gestanden hat. Christian und Bob haben sich längst ausgesprochen. Das war‘s.

Fühlt sich der Verband von den Medien ungerecht behandelt?

Ich bin jemand, der ziemlich spät über Medien klagt. Für mich sind die Medien wie Schiedsrichter. Mal sind sie neutral, mal für oder gegen dich. Aber Schiedsrichter ändern doch ihre Meinung nicht. In 25 Jahren Kommunalpolitik und vier Jahren Sportpolitik habe ich es nie nötig gehabt, mich über die Medien zu beklagen. Und das bleibt so.

Also: Der Trainer stand intern nie zur Diskussion?

Das wollten und das haben wir nicht diskutiert. Dass jeder, der in der Verantwortung steht, mal in Frage gestellt wird, ist ganz normal. Ein normaler Prozess ist, wenn etwas abgeschlossen ist, es dann auszuwerten.

Also gab es im Vorfeld der EM auch keinen Kontakt zu Alfred Gislason? Es wurde kolportiert, dass er im Fall der Fälle bereitstünde.

Für mich kann ich das hundertprozentig ausschließen.

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Trainer Christian Prokop hat sich auf 16 DHB-Spieler festgelegt, mit denen er in die Handball-EM 2020 starten wird. Der SPORTBUZZER stellt die Mannschaft vor. ©

Wurf in den eigenen Verband. Da liegen große Aufgaben vor Ihnen. Stichwort Strukturreform. Wie ist da der Stand der Dinge?

Die entscheidende Zwischenstufe ist im Oktober 2019 in Hamburg mit der Bundesratssitzung genommen worden. Da gab es ein klares Votum ohne Gegenstimmen zu der Grundrichtung, dass es um die Mitgliedergewinnung und den Leistungssport geht. Generell ist die Zahl der Mitglieder seit 2008 kontinuierlich gesunken. Da müssen wir investieren. Und: Bei Männern und Frauen wollen wir zurück in die Weltspitze. Und das schaffen wir langfristig und konstant nur mit Investitionen in den Nachwuchs-Leistungssport. Es gab auch ein eindeutiges Votum für die Struktur, dass wir von 24 Regionalverbänden auf zehn Förderregionen gehen wollen. Zur Klärung von weiteren Fragen wie zum Beispiel der Finanzierung haben wir Arbeitsgruppen eingesetzt.

Die Finanzierung der drei Millionen Euro, die der Verband braucht, vor allem die zehn Euro Jahresbeitrag sind aber noch strittig . . .

Wir als Verband bevorzugen das Lizenzmodell, das sich an den französischen Verband anlehnt. Das ist transparent. Dort zahlt jeder, der aktiv mit dem Handball zu tun hat – also Spieler, Schiedsrichter, Zeitnehmer, Trainer etc. – an seinen Kreis, den Landesverband und den französischen Handballverband. Aber der Betrag geht eben gesammelt an die Dachorganisation und diese verteilt das Geld an die einzelnen Ebenen. Und die Aktiven bekommen dafür im Gegenzug ihre Lizenz. Jeder weiß, an wen er was bezahlt hat. Die Franzosen bekommen so acht Millionen Euro zusammen, weil jeder an den französischen Handballverband 15 Euro bezahlt. Bei uns ist es so: Keiner weiß derzeit genau, was er an wen bezahlt. Bei uns im Verband kommen aber nur pro Handballer 87 Cent im Jahr an, das sind insgesamt ungefähr 650.000 Euro. Aber, da die Mehrheit, das Lizenz-Modell ablehnt, macht es keinen Sinn, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen.

Eine Alternative, die vorgeschlagen wurde, ist der sogenannte Sportgroschen. Also ein Aufschlag auf die Tickets der 1. und 2. Bundesliga.

Wenn wir wollen, dass die Bundesligaklubs erfolgreich sind und gleichzeitig eine Nachwuchs-Arbeit machen, von der auch unsere Nationalmannschaft profitiert, dann können wir die Klubs nicht ohne Ende melken. Im Moment sieht es nach einem Mischmodell aus.

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Wie sieht die zeitliche Schiene aus?

Im März ist die Vorstellung der Ergebnisse der Arbeitsgruppen geplant, im Mai soll es im Bundesrat beschlossen werden. Und ab Januar 2021 soll diese Stufe der Reform in Kraft treten.

Das wäre Stufe eins. Wie geht es danach weiter?

Damit wäre der Prozess eingeleitet, den ich als Investition in die Köpfe bezeichne, also das Einstellen von Personal für die Mitgliedergewinnung und die Einstellung von Trainern für die Nachwuchsarbeit. Neu hinzugekommen ist, dass wir für die Schiedsrichter auch professionelle Strukturen schaffen müssen. Dann kommt Punkt zwei, Investition in Beton.

Also der Bau eines Haus des Handballs, einer neuen DHB-Zentrale mit Trainingszentrum für die Nationalteams . . .

Das habe ich von der aktuellen Diskussion um die Strukturreform ganz bewusst abgekoppelt. Sonst heißt es sofort: Die wollen sich mit dem Geld ja nur ihr Haus des Handballs finanzieren. Aber das ist die nächste Stufe, deshalb werden wir auch eins zu eins nachweisen, dass wir das Geld, das wir jetzt einnehmen, genau für die genannten Punkte Leistungssport und Mitgliedergewinnung verwenden.

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Zum Reformkonzept gehört auch die Investition in den Beachhandball. Wie ist da der Stand?

Beachhandball ist Teil unserer Leistungssport-Reform. Wir sind da schon in Vorleistung gegangen, haben jetzt vier Auswahlteams, auch erste Erfolge: Die Jungs sind Europameister, die Mädels EM-Dritte, bei den Erwachsenen können wir mithalten. Alles läuft darauf hinaus, dass Beachhandball 2024 olympisch wird. In punkto Förderung haben wir uns entschieden, die Standorte da zu wählen, wo Beachhallen sind – also Hamburg im Norden, Witten im Westen, im Süden München oder Stuttgart und im Osten Aschersleben oder Halle. Ziel ist, die Frequenz der Lehrgänge für die Auswahlteams zu erhöhen. Ich bin überzeugt, wenn Beachhandball olympisch wird, dann wird es da auch Spezialisten geben. Volleyball ist da eine ganz gute Orientierung.

Wann soll die Reform insgesamt abgeschlossen sein?

2030 halte ich für realistisch.

Sie sind bis Mitte 2021 gewählt. Verknüpfen Sie den Erfolg der Strukturreform mit ihrem Amt?

Ich verknüpfe nichts mit gar nichts. Außerdem wirkt das für mich erpresserisch. Es gehört für mich dazu, Kämpfe auszutragen.

Tipp: Die komplette SPORTBUZZER-Berichterstattung zur EM 2021 findest Du auch in der superschnellen EM-App von Toralarm. Und folge gerne @sportbuzzer auf Instagram!