19. Mai 2020 / 13:05 Uhr

DHfK-Teamarzt Hepp: „Vergleichbare Situation gab es für den Leistungssport bisher nicht“

DHfK-Teamarzt Hepp: „Vergleichbare Situation gab es für den Leistungssport bisher nicht“

Stephanie Riedel
Leipziger Volkszeitung
Hepp
DHfK-Mannschaftsarzt Pierre Hepp (re.) steht auch den Gästen der Grün-Weißen zur Seite. © imago images / Eibner
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Er ist der zurückhaltende Teilnehmer auf der Trainerbank und agiert im Hintergrund: Mannschaftsarzt Pierre Hepp begleitet und behandelt die Handballer des SC DHfK seit über zehn Jahren. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der Mediziner über den Wiedereinstieg ins Mannschaftstraining, ihren Leistungszustand und die abgebrochene Saison.

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Sie waren als ehrenamtlich tätiger Mannschaftsarzt beim SC DHfK einige Wochen arbeitslos. Hatten Sie Langeweile?

Ich bin im „Hauptberuf“ Unfallchirurg und Orthopäde und leite einen selbständigen Bereich für Sport- und spezielle Gelenkverletzungen am Universitätsklinikum Leipzig. Da wird einem nie langweilig. Als maximalversorgendes Krankenhaus kommt uns gerade in der Pandemie eine wichtige Rolle in der Region zu. Dazu trägt jeder Einzelne im Klinikum bei. Die Tätigkeitsschwerpunkte haben sich für viele verschoben – weniger ist es nicht geworden.

Sportlicher Einschnitt im Profisport vs. Gesundheit der Sportler. Ist der Abbruch der 54. Handball-Saison in ihren Augen richtig?

Ja. Ohne Wenn und Aber. In der Situation einer Pandemie geht es nicht nur um die Gesundheit der Sportler, sondern auch um den Schutz der Zuschauer und weit darüber hinaus um den Bevölkerungsschutz. So wie ich das einschätzen kann, war die Entscheidung alternativlos.

Home-Workouts und Fitness konnten kein Mannschaftraining ersetzen. Hat die Zwangspause den Leistungssportlern geschadet?

Die langfristigen Schäden können wir noch nicht abschätzen. Klar ist: Die vollzogene Vollbremsung ist für jeden Leistungssportler eine starke Belastung. Natürlich hat in der Isolation unter Einhaltung der allgemeingültigen Einschränkungen jeder sein individuelles Training gemacht. Das kann aber kein Mannschaftstraining ersetzen.

Steigt die Verletzungsgefahr der Profis, wenn über Monate kein Mannschaftstraining stattfindet?

Die Gefahr sehe ich. Eins-gegen-Eins-Situationen sehen für den Außenstehenden mitunter ruppig und unkontrolliert aus. In Wahrheit steht jahrelanges Training und koordinatives Können auf allerhöchstem Niveau dahinter. Und das muss natürlich regelmäßig geübt werden. Die Mannschaften werden Schritt für Schritt wieder an das ursprüngliche Niveau herangeführt werden müssen.

Vor zwei Wochen sind die DHfK-Handballer unter strengen Hygienevorkehrungen wieder ins Training mit der Mannschaft gestartet...

… Den Wiedereinstieg beobachten wir als Ärzte genau. Wir haben die zu Saisonbeginn anstehenden jährlichen medizinischen Tests mit körperlicher Untersuchung, Labortests und Herz- Kreislaufuntersuchungen vorgezogen. Das Trainerteam hat ein angepasstes Trainingskonzept mit handballspezifischen Elementen aber auch Inhalte zur Verletzungsprophylaxe auf dem Plan.

DURCHKLICKEN: Bilder vom Training in der Brüderhalle

Nach fast acht Wochen Pause absolvierten die Bundesliga-Handballer des SC DHfK Leipzig erstmals wieder ein Mannschaftstraining. 16 Uhr ging’s los, geübt wurde unter den gebotenen Abstands- und Hygieneregeln. Zur Galerie
Nach fast acht Wochen Pause absolvierten die Bundesliga-Handballer des SC DHfK Leipzig erstmals wieder ein Mannschaftstraining. 16 Uhr ging’s los, geübt wurde unter den gebotenen Abstands- und Hygieneregeln. ©

Summa summarum?

So bekommen wir ein genaues Bild über den Leistungszustand der Sportler. Eine vergleichbare Situation gab es für den Leistungssport bisher nicht. Wir werden da sehr aufmerksam hinschauen müssen.

Die Liga wird auf 20 Mannschaften aufgestockt. Für Philipp Weber steht zudem die Olympia-Teilnahme an. Wird das ein Belastungsproblem?

Dauerbelastung ist beim Handball seit jeher ein Problem. Die Aufstockung wird das sicherlich verschärfen. Die Gestaltung des Spielplans wird eine Herausforderung. Die Trainer werden ihre Trainingspläne anpassen müssen und hoffentlich der Regeneration einen höheren Stellenwert einräumen.

Handball ist ein harter Mannschaftssport: Stockt Ihnen manchmal der Atem, wenn die Jungs während einer Partie über die Platte fliegen?

Nach all den Jahren habe ich eher einen professionellen Blick auf die Dinge und kann relativ schnell einschätzen, ob die Situation für den Spieler brenzlig ist, oder ob der Spieler schnell wieder einsatzfähig ist.

Sie begleiten den SC DHfK seit über zehn Jahren. Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft des Vereins?

Ich sehe da zunächst einen enormen Zusammenhalt und viel Solidarität. Der lange Atem wird für die Zukunft entscheidend sein. Da sind noch viele Fragen offen. Das betrifft im Übrigen alle Hallensportvereine und Veranstaltungen in Hallen. Ich persönlich hoffe auf einen Schulterschluss der Sportverbände, Hallenbetreiber, medizinischer Experten, Gesundheitsämter und natürlich der Politik.

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Welche Gänsehautmomente sind Ihnen aus den letzten zehn Jahren geblieben?

Das sind viele: Die Aufstiegsspiele in die zweite und erste Liga. Die Teilnahme am FinalFour in Hamburg nach dem Viertelfinalsieg gegen die TSG Hannover-Burgdorf 2017 und nicht zu vergessen die Siege gegen die großen der Liga: Flensburg, Kiel, Rhein-Neckar-Löwen, Magdeburg, Füchse Berlin. Am meisten vermisse ich die Heimspiele in der Arena. Das fühlt sich im Moment an wie ein großes Familientreffen, das auf ungewisse Zeit ausgesetzt ist.

Sie sind Arzt, forschen, lehren, betreuen Dissertationen, halten Vorträge etc. Der Terminkalender ist ordentlich gefüllt. Wie bewerkstelligen Sie das?

Ich habe überwiegend Spaß an den Dingen, die ich mache. Außerdem motivieren mich die einzigartigen Möglichkeiten, die ein Universitätsklinikum bietet. Die Behandlung von Patienten auf allerhöchstem Niveau, die Interdisziplinarität, der Kontakt zu den Studierenden, die Beantwortung wissenschaftlicher Fragestellungen – um nur einige Triebfedern zu nennen.

Was nehmen Sie aus der Interdisziplinarität Medizin und Sport mit?

Aus dem Mannschaftssport für die Medizin: den Teamgeist und die Disziplin, die Bestleistungen ermöglichen. Das Streben nach dem Optimum. Aber auch aus Niederlagen lernen und nach Niederlagen wieder aufzustehen – das sind Eigenschaften, die Vorbildfunktion für viele gesellschaftliche Bereiche haben.

Woher kommt die Affinität zum Sport? Haben Sie selbst Handball gespielt?

Handball habe ich nie gespielt – aber das Universitätsklinikum hat inzwischen schon eine lange Tradition in der Betreuung von Ballsportarten. Begonnen haben wir Ende der 90-iger Jahre mit der Betreuung des HC Leipzig. Inzwischen sind wir überregionaler Ansprechpartner für sportspezifische Verletzungen der unterschiedlichsten Disziplinen.

Würden Sie jemals Handball spielen?

 Ja – aber nicht im Tor!

Wo liegen IHre sportlichen Vorlieben?

Im Moment: Laufen (im Auenwald), Rennradfahren (um die Leipziger Seen).