03. März 2017 / 19:11 Uhr

Der Fall Kevin Großkreutz: Tränen-Aus eines Fußballfans

Der Fall Kevin Großkreutz: Tränen-Aus eines Fußballfans

Marco Fenske
RedaktionsNetzwerk Deutschland
RND-Sportchef Marco Fenske über das Aus von Kevin Großkreutz beim VfB Stuttgart.
RND-Sportchef Marco Fenske über das Aus von Kevin Großkreutz beim VfB Stuttgart. © imago
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Nach jüngsten Eskapaden haben sich Stuttgart und Kevin Großkreutz getrennt. Unser Reporter hat den Weltmeister drei Jahre lang begleitet. Eine Annäherung.

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Am Ende kommen ihm die Tränen. „Ich möchte mich bei meiner Familie entschuldigen, dass sie sich solche Sorgen machen musste“, sagt Kevin Großkreutz mit zitternder Stimme, „lasst mich und meine Familie jetzt einfach mal in Ruhe. Ich möchte mit dem Profifußball erst mal nichts mehr zu tun haben."

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Es ist das (vorläufige) tragische Karriereende eines Fußballfans, der es auf den Profirasen geschafft, aber  zwischen diesen beiden Welten nie einen Platz gefunden hat.  

Das Aus für Großkreutz beim VfB Stuttgart? Alternativlos angesichts der jüngsten Eskapaden – Großkreutz war mit drei Jugendspielern des Klubs trotz Verletzung nachts um die Häuser gezogen und in eine Schlägerei geraten. Die sofortige Auflösung seines Vertrags sei „einvernehmlich“. Sein Auftritt gestern: emotional, bewegend und, ja, groß. Weil sich Großkreutz stellt, was die Sache an sich nicht besser macht.



Kevin Großkreutz: „Ich entschuldige mich bei allen“

Auch in der Vergangenheit war er häufig negativ aufgefallen: Dönerwurf, Pinkelaffäre – und man fragt sich: Was ist das eigentlich für einer, dieser Großkreutz?

Wer verstehen will, was diesen Mann antreibt und warum er ist, wie er ist, der muss dorthin gehen, wo alles begann. Die Geschichte des Kevin Großkreutz, das ist die Geschichte eines Fußballers, der zwar deutscher Meister und Weltmeister geworden ist, doch im Herzen immer nur eines war: ein Fußballfan. 

Wirbel schon vor dem ersten Training

2009 wechselt er von Ahlen zum BVB – und sorgt schon für Wirbel, bevor er überhaupt das erste Training absolviert hat. „Ich hasse Schalke wie die Pest“, sagt er in einem Interview, wie Fans nun mal so reden. Immer wieder wird er von den Bossen zur Räson gerufen, die Haltbarkeit ist überschaubar: „Wenn mein Sohn Schalke-Fan wird, kommt er ins Heim.“ 2011, die erste Meisterschaft: Seine Mannschaftskollegen feiern mit der Vereinsführung bereits beim Italiener, da ist Großkreutz noch in der Innenstadt. Statt mit seinen Mitspielern stößt er lieber mit seinen Freunden an, den Fans von der Südtribüne.  Vor wichtigen Spielen singt er sogar ihre Lieder, nimmt sie mit dem Handy auf und verschickt sie an seine Mitspieler. Großkreutz, der Fan im Fußballtrikot.

Der Tränen-Abschied! "Will mit Fußball nichts mehr zu tun haben"

Nach den Spielen hat er zu Beginn seiner Karriere weit mehr als 100 Nachrichten auf seinem Handy. Von Fans, die auf der Südtribüne stehen. Alle haben seine Nummer. Gemeinsam mit ihnen ist er zwischen Weihnachten und Neujahr mal nach Schottland geflogen, um ein Spiel von Glasgow zu schauen. Abends in der Kneipe wird er auf Schultern getragen.

Kevin Großkreutz will Medienberichten zufolge Galatasaray Istanbul wieder verlassen.
Schmerzvoll: Der Abschied aus Dortmund fiel Großkreutz nicht leicht. © Maja Hitij

Seinen Eltern kauft Kevin eine Doppelhaushälfte, auf den Unterarm lässt er sich den Namen seines Bruders Lenny tätowieren; Familie ist ihm wichtig. Sein Papa Martin ist selbst BVB-Fan, und geht der BVB auf Champions-League-Reise, fliegt er mit. Für Fans organisiert Familie Großkreutz sogar Charterflüge.

Alle Hinweise seiner Vorgesetzten, er sei nun mal ein Profifußballer und kein Fan, bringen nichts. 

Mit seinem Aus beim BVB kommt es  2015 zum Knick. Über Galatasaray Istanbul kommt er 2016 zum VfB Stuttgart. Ein Neuanfang. Vielleicht die letzte Chance? Die Fans lieben ihn vom ersten Tag an. Er ändert sein Motto, mit dem er Beiträge in sozialen Medien kommentiert von „isso“ (ist so)  in „ischso“ – in Anlehnung an den schwäbischen Dialekt. Für seine Fanfreunde in Dortmund eröffnet er eine Fankneipe, die den Namen „Mit Schmackes“ trägt. Nebenher spielt er Fußball, und das sehr, sehr gut. Es ist also irgendwie alles wie zu Beginn der Karriere des 28-Jährigen – bis zu jener verhängnisvollen Nacht, in der er in eine Schlägerei gerät. Er, der Fußballstar, der jetzt keiner mehr ist.

Dem VfB Stuttgart wünscht Großkreutz gestern viel Erfolg im Aufstiegskampf. Er hoffe, „dass ich da dann hoffentlich eingeladen werde und mit den Jungs den Aufstieg feiern kann“.

Als Freund. Als Fan.

Weiterlesen: Absturz eines Weltmeisters: Großkreutz und sein Privatleben

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