09. Januar 2018 / 05:00 Uhr

Die Brüder Amiri im Interview: Wie schwer ist es wirklich, Bundesliga-Profi zu werden?

Die Brüder Amiri im Interview: Wie schwer ist es wirklich, Bundesliga-Profi zu werden?

Robert Hiersemann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Nadiem (l.) und Nauwid Amiri stehen auf dem Bolzplatz in ihrer Heimatstadt Ludwigshafen, wo sie als Kinder Fußball spielten.
Nadiem (l.) und Nauwid Amiri stehen auf dem Bolzplatz in ihrer Heimatstadt Ludwigshafen, wo sie als Kinder Fußball spielten. © Alfio Marino
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Schon in der Kindheit waren die beiden Amiri-Brüder extrem talentierte Fußballer. Doch wer war besser? Ganz schwer zu sagen! Am Ende schaffte es nur Nadiem bis in die Bundesliga. Sein Bruder Nauwid kickt heute einige Klassen darunter. Wie schwer ist es wirklich, Bundesliga-Profi zu werden? Ein Interview mit dem Brüder-Paar.

„Wenn ich groß bin, werde ich Bundesliga-Profi“, so lautet die Antwort Hunderttausender Kinder in Deutschland auf die Frage ihrer Eltern nach dem Berufswunsch. Doch nur die wenigsten schaffen das am Ende auch. Nadiem Amiri (21) ist einer von ihnen. Der deutsche U21-Europameister hat für die TSG Hoffenheim schon 79 Bundesliga-Spiele gemacht. Auch sein Bruder Nauwid (26) ist ein talentierter Fußballer. Doch bis in die Bundesliga schaffte er es nie. Weshalb bleibt dem einen die große Karriere verwehrt und der andere packt den Sprung? Eine Spurensuche.

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Ein Jugendtrainer, der als Entdecker der Brüder Boateng gefeiert wurde, sagte mal, dass er keinen Anteil an der Karriere der beiden Fußballer hat. Denn selbst eine Putzfrau hätte erkannt, dass Jerome und Kevin-Prince Bundesliga-Stars werden. War Nadiem Amiri auch so ein Supertalent?

Nauwid Amiri: Oh nein, Nadiem war kein Boateng (lacht). Er war zwar als kleiner Junge schon ein toller Fußballer, aber dass er es bis in die Bundesliga schafft, war für uns als Familie unvorstellbar. Die Bundesliga! Das war damals, als wir hier auf dem Bolzplatz spielten, eine andere Welt.

Nadiem Amiri: Erst in der B-Jugend, als ich von Mannheim nach Hoffenheim ins Nachwuchsleistungszentrum wechselte, ging es für mich ziemlich schnell voran. Auf einmal trainierte ich mit den Profis und kam schließlich auch dort auf meine ersten Einsätze.

Sie sind einer von nur fast 250 Deutschen in der Bundesliga. Wie haben Sie das geschafft?

Nadiem Amiri: Bei mir war es eine Mischung aus vielen Dingen. Ich hatte das Quäntchen Glück, den unbedingten Willen und die Disziplin. Und klar, auch das nötige Talent, ohne das man keine Chance hat, ganz oben zu landen.


Und das ist die Geheimrezeptur für eine Bundesliga-Karriere?

Nadiem Amiri: Das ist der eine Teil. Der zweite Teil besteht aus Verzicht. Ich gehe nicht in Discos, rauche nicht, trinke keinen Alkohol. Ich spielte früher als Kind auch nie Ballerspiele an der Konsole, die ablenken können. Ich habe keine Freundin. Ich ordne dem Fußball alles unter. Und ich glaube, ein bisschen so musst du drauf sein, um Bundesliga-Spieler zu werden.

Nauwid Amiri: Und du warst immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Der Sportbuzzer traf die Brüder Amiri in Ludwigshafen.

Nadiem (l.) und Nauwid Amiri stehen auf dem Bolzplatz in ihrer Heimatstadt Ludwigshafen, wo sie als Kinder Fußball spielten. Zur Galerie
Nadiem (l.) und Nauwid Amiri stehen auf dem Bolzplatz in ihrer Heimatstadt Ludwigshafen, wo sie als Kinder Fußball spielten. ©

Wie ist das gemeint?

Nadiem Amiri: Viele Trainer größerer Vereine schauen sich regelmäßig die Spiele kleiner Klubs an, um gute Spieler zu scouten und abzuwerben. Das geht in den Jugendteams los. Wenn die Spiele meiner Jugendmannschaften beobachtet wurden, habe ich Leistung gezeigt. Denn wenn es darauf ankommt, musst du glänzen.

Wie wichtig sind die körperlichen Voraussetzungen für eine Profikarriere? Stichwort Geschwindigkeit.

Nadiem Amiri: Ich war nie der Schnellste in meinen Fußball-Mannschaften. Da gab es immer Bessere. Leroy Sané zum Beispiel, den ich aus den DFB-Auswahlteams kenne. Leroy ist übermenschlich schnell. Doch so ein Spieler war ich nie.

Langsame Spieler gibt es in der Bundesliga aber auch nicht.

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Nauwid Amiri: Das Grundtempo für die Bundesliga musst du einfach mitbringen, sonst wird es eng.

Nadiem Amiri: Wenn wir in der Schule früher die 100 Meter auf Zeit gerannt sind, war ich schon immer der Schnellste.

Viele Fußballer verletzen sich in ihrer Kindheit und geraten dadurch ins Hintertreffen. Wie war das bei Ihnen?

Nadiem Amiri: Das ist eines der Dinge, die ich unter der Kategorie Glück verbuchen würde. Ich war in meiner Kindheit nie verletzt. Bis heute war eine Innenbanddehnung meine schwerste Verletzung.

Ihr Bruder Nauwid war schnell, technisch stark und hatte auch keine Verletzungsprobleme. Trotzdem wurde aus ihm kein Bundesliga-Profi.

Nadiem Amiri: Er war und ist immer noch ein richtig guter Fußballer.

Nauwid, Sie haben in der A-Junioren-Bundesliga gespielt und im Herren-Bereich in der Regionalliga. Jetzt spielen Sie in der Verbandsliga bei Arminia Ludwigshafen. Was fehlte Ihnen für die Bundesliga?

Nauwid Amiri: Vielleicht hat mir der unbedingte Wille gefehlt, um Profi zu werden. Und mir fehlte sicher auch ein wenig das Glück.

Was meinen Sie mit „unbedingter Wille“?

Nauwid Amiri: Ein Beispiel dazu: Wenn ich früher als Jugendlicher nicht in der Startelf stand, wurde ich sauer. Professionell wäre es gewesen, in diesen Situationen die Ruhe zu behalten und im Training weiter Gas zu geben. Doch so war ich nicht, Nadiem hat das besser drauf.

Nadiem Amiri: Und manchmal hast du dich auch von anderen Dingen zu sehr ablenken lassen. Zum Beispiel von deiner Freundin. Für mich hingegen gab es immer nur den Fußball. Wenn du kein Ausnahmetalent bist, brauchst du den unbändigen Willen, nach vorne zu kommen.

Heißt, Talent hin oder her, am Ende schafft man es nur in die Bundesliga, wenn man verbissen darum kämpft?

Nauwid Amiri: Es ist diese Verbissenheit, die dafür sorgt, dass du immer besser werden willst. In der C-Jugend spielte ich gemeinsam mit André Schürrle (Profi von Borussia Dortmund; Anm. d. Red.) für den Ludwigshafener SC. André war verbissen und deshalb herausragend. Ich wusste damals schon, dass er es in die Bundesliga schaffen wird.

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Woran machten Sie das fest?

Nauwid Amiri: Nach jedem Training freuten wir Spieler uns darauf, nach Hause zu kommen, etwas zu essen und dann schlafen zu gehen. Nur André nicht. Der nahm sich nach den Einheiten zwei Bälle, ging noch mal auf den Hartplatz und schoss auf die Hütte. Ganz alleine, ohne Torwart. Er war so verbissen bei der Sache. So war ich nicht, vielleicht ist das der Unterschied zwischen uns.

Schaut man sich die TV-Übertragungen der Bundesliga-Spiele an, sieht es immer so leicht aus. Annehmen, abspielen, verschieben. Wie schwer ist es, in der Bundesliga mitzuhalten?

Nadiem Amiri: Zu meinem ersten Bundesliga-Spiel kam ich 2015 gegen Wolfsburg. Ich war extrem aufgeregt. Als ich auf das Feld kam, wusste ich nicht, wie ich mich verhalten soll. Bundesliga-Spieler sind so perfekt. Der Ball kommt fast immer an, es gibt so gut wie nie eine Lücke in der Verteidigung. Profis wissen schon vor der Ballannahme, was sie als Nächstes machen.

Nauwid, wie lange haben Sie gehofft, den Sprung zum Profi zu packen?

Nauwid Amiri: Bis ich 22 Jahre alt wurde. Bis dahin spielte ich in der Regionalliga für Waldhof Mannheim. Als ich dort nicht regelmäßig zum Einsatz kam, wurde mir klar, dass ich es nicht schaffen würde.

Eine bittere Erkenntnis.

Nauwid Amiri: Ich war sehr traurig, als ich merkte, dass das mit dem Profi-Traum nicht klappt. Aber so wie mir geht es Tausenden Fußballern in Deutschland. Ganz oben kommt nur ein Bruchteil an.

Nadiem, versetzen Sie sich mal in die Situation Ihres Bruders. Ein Leben ohne Profifußball. Denkbar?

Nadiem Amiri: Ich will mir das gar nicht vorstellen. Denn ich hatte nur einen Plan A in meinem Leben, und der lautete, Fußball-Profi zu werden. Einzugestehen, dass ich das nicht schaffe, hätte mich extrem runtergezogen.

Nauwid, die Spiele von Nadiem schauen Sie sich meist live im Stadion an. Wie fühlen Sie sich dabei?

Nauwid Amiri: Ich bin total stolz auf meinen Bruder. Aber manchmal ertappe ich mich schon dabei, wie ich mich frage: Mensch, wie hat es dieser oder jener Spieler denn bis in die Bundesliga geschafft?

Nachgefragt beim Amiri-Kenner: „Nadiem war geduldiger“

Kenan Kocak trainiert Zweitligist SV Sandhausen und war schon Coach von Nauwid Amiri - dessen Bruder Nadiem kennt er auch gut.
Kenan Kocak trainiert Zweitligist SV Sandhausen und war schon Coach von Nauwid Amiri - dessen Bruder Nadiem kennt er auch gut. © Imago

Kenan Kocak (37) ist der aktuelle Cheftrainer beim Zweitligisten SV Sandhausen. Von 2013 bis 2016 war er Trainer von Viertligist Waldhof Mannheim. Dort trainierte er Nauwid Amiri. Und gleichzeitig beobachtete er natürlich ganz genau, wie sich dessen Bruder Nadiem im Waldhof-Nachwuchs und später bei der TSG Hoffenheim entwickelte. Die exklusive Einschätzung des Amiri-Kenners zur Leistungsstärke der beiden Brüder:

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„Das fußballerische Talent von Nauwid und Nadiem hat sich kaum unterschieden. Nadiem war nicht unbedingt der bessere Fußballer, aber er war geduldiger. Nauwid ist extrem talentiert, er hätte den Sprung in den Profi-Fußball geschafft, wäre er nicht so ungeduldig gewesen. Wenn Nauwid bei mir mal auf der Bank saß, ist für ihn die Welt zusammengebrochen. Nadiem ist da anders. Er akzeptiert solche Situationen und schöpft daraus sogar neue Kraft. Auch Nauwid wollte Profi werden, am besten ganz schnell. Aber er konnte um sich herum nicht diese Mauer schaffen, die Nadiem sich baute. Nadiem blockt alle schwierigen äußeren Einflüsse ab, um sich komplett auf den Fußball zu konzentrieren.“