08. Juni 2016 / 09:05 Uhr

"Die erhobenen Vorwürfe und Aussagen sind unwahr"

"Die erhobenen Vorwürfe und Aussagen sind unwahr"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Auseinandersetzungen nach dem Landespokalfinale in Luckenwalde zwischen Anhänger des SVB und der Polizei.
Auseinandersetzungen nach dem Landespokalfinale in Luckenwalde zwischen Anhänger des SVB und der Polizei. © Jan Kuppert
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Landespokal: Nach den Ausschreitungen beim Landespokalfinale sprechen nun die Fans des SV Babelsberg 03.

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Was auch eine Woche nach den Vorfällen geblieben ist, sind Fassungslosigkeit, Unverständnis und auch Wut. „Die von der Polizei in der Öffentlichkeit erhobenen Vorwürfe und Aussagen sind unwahr. Es gab keinen Angriff von 100 Anhängern des SV Babelsberg 03 auf die Polizisten, es wurden von den Fans keine strafbaren Handlungen ausgeführt. Dies lässt sich durch TV- und Fotoaufnahmen eindeutig auch belegen“, fassen Lutz und Christian die Vorfälle aus Sicht des SVB-Fanbeirats nach dem Landespokalfinalspiel zwischen dem FSV Luckenwalde und Babelsberg 03 (1:3) zusammen. Beide hatten das Spiel live vor Ort verfolgt und waren von den Ereignissen nach dem Spiel selbst direkt betroffen. 

Hier der LIVEblog vom Pokafinale zum Nachlesen: Babelsberg 03 gewinnt den Landespokal.

15 Kinder wurden verletzt

Seit einer guten Woche ist der Fanbeirat des Babelsberger Regionalligisten mit der Aufarbeitung der Geschehnisse befasst, kümmern sich dessen Mitglieder um Hilfestellung für verletzte und traumatisierte Besucher der Partie. „147 verletzte Personen haben sich bislang bei uns gemeldet. Es ist davon auszugehen, dass es weitere Betroffene gibt, die sich jedoch aus verschiedenen Gründen bislang nicht an uns gewendet haben. Die von der Polizei veröffentlichte Zahl von 14 Leichtverletzten ist damit ad absurdum geführt“, so Lutz. „Allein 15 Kinder wurden durch das unkontrollierbare Versprühen von Pfefferspray auf der gesamten Gegengerade verletzt.“

Vor allem die Schwere der Verletzungen und deren Bandbreite erschreckt den SVB-Fanbeirat: „Neben unzähligen Augen- und Atemwegsreizungen gab es eine bewusstlose Person, die reanimiert werden musste, zahlreiche Personen kollabierten aufgrund der Auswirkungen des Pfeffersprayeinsatzes. Es gab Schnittverletzungen, Platzwunden bis hin zu einem Lendenwirbelbruch.“ Ursache dafür war „der Einsatz massiver Gewalt vor Ort durch die Polizei“, so die Fanbeiratsmitglieder. „Es gab ein im Vorfeld ausführlich besprochenes Einsatzkonzept. Dieses wurde am Spieltag übergangen, aus Gründen, die für uns bislang nicht nachvollziehbar ist. Fragwürdig ist dabei auch die Rolle der Einsatzleiterin beim Spiel vor Ort, die bei den Sicherheits-Vorbesprechungen im Vorfeld nicht einmal anwesend war.“

Babelsberger Mannschaft von Polizei abgedrängt

Auch sportlich gesehen erlebten Fans und Mannschaft des SVB in Luckenwalde einen emotionalen Nachmittag. „Du fährst monatelang für die Mannschaft durchs Land, um sie zu unterstützen. In den letzten vier Monaten ging es sportlich im Grunde um nichts mehr. Zum Saisonabschluss hast du dann dieses Landespokalfinale, bei dem es noch einmal um richtig viel geht, für den Verein, die Mannschaft und auch die Fans. Da ist doch klar, dass du diesen wichtigen Sieg mit der Mannschaft feiern willst. Wie man in der ARD-Livekonferenz im Fernsehen gesehen hat, war das in anderen Stadien auch möglich. Nichts anderes wollten die Nulldrei-Fans in Luckenwalde“, erklärt Christian, seit 17 Jahren Anhänger des SVB und in der Nordkurve zu Hause. „Die Mannschaft kam ja auch zu unserem Fanblock, wurde dann aber schnell und rüde von der Polizei abgedrängt. Aus unserer Sicht ohne Grund und Anlass.“

Direkt nach Abpfiff des Spiels sei die Lage „ruhig gewesen. Ein paar Leute saßen auf dem Zaun, um zu jubeln. Es gab keinerlei Anzeichen der Babelsberger Fans Richtung gegnerischer Fans. Als einige Fans vom Zaun sprangen um mit der Mannschaft zu feiern, wendete die Polizei sofort Gewalt an, zog die Leute vom Zaun.Dabei kam es zu einer bewusstlosen Person. Anschließend ist die Situation eskaliert, da Zuschauer dieser Person zu Hilfe kommenwollten, während die Polizisten selbst nicht halfen. Als die Polizei dagegen hielt, strömten weitere Personen der zunehmend größeren Zahl von Verletzten zu Hilfe und erlebten direkt die Anwendung von Zwangsmitteln durch die Polizei“, schildert Christian, der direkt im betroffenen Nulldrei-Fanblock stand, die Vorfälle.

"Gefahr einer ausbrechenden Panik"

„Selbst die eigenen Ordnungskräfte des Vereins wurden durch den Pfeffersprayeinsatz in Mitleidenschaft gezogen.“ In Folge des Polizeieinsatzes, der sich schließlich auch auf den Eingang des Stadions ausdehnte, wurde schließlich ein „Massenanfall von Verletzten und Erkrankten“ (MANV) ausgerufen. „ Solch einen MANV hat es unserer Information nach bislang im deutschen Fußball nicht gegeben. Das verdeutlicht die Schwere und auch die Dramatik der Vorfälle im Stadion sowie die unglaubliche Brutalität, mit der dort vorgegangen wurde, was zu dieser Vielzahl an Verletzten und völlig unbeteiligten Betroffenen führte“, berichtet Lutz.Das offizielle Ausrufen eines MANV ordnet nicht nur die Dimension und Schwere der Situation vor Ort ein, sondern hat zeitnah auch organisatorische Ausmaße. „Alle verfügbaren Rettungskräfte sind dazu verpflichtet, Verletzten und Betroffenen umgehend Hilfestellung zu leisten. In diesem Zusammenhang fragen wir uns daher auch, warum die für die Polizeikräfte vor Ort befindlichen Rettungswagen nicht zur Verfügung gestellt wurden“, herrscht Unverständnis beim Fanbeirat. 

Zu hinterfragen ist rund um die Ereignisse des Endspiels auch die Linie des Fußballlandesverbandes Brandenburg. Für den hatte die störungsfreie Durchführung der Siegerehrung höchste Priorität. Diese Vorgabe gilt im Nachhinein als eine Begründung für den durchgeführten Polizeieinsatz. „Dass Fans mit ihrer Mannschaft auf dem Platz einen Sieg feiern, ist überall möglich; sei es bei den Relegationsspielen der Zwickauer oder sogar in der Bundesliga. Wieso ist es bei diesem Spiel auf Ansage des FLB nicht möglich?“.

Den Fanbeirat treiben weitere Fragen um: „Der FLB ist auch für die Abnahme des Stadions als Spielstätte verantwortlich. Wie kann es sein, dass Fluchttüren am Gästefanblock verschlossen und nicht durch Sicherheitspersonal zum Öffnen abgedeckt waren? Zuschauer und selbst Sanitäter sahen sich gezwungen, diese Tore einzutreten, um erste Hilfe zu leiten. Im Nachhinein wird dies als Sachbeschädigung dargestellt. Vielmehr entsprach die Spielstätte in dieser Hinsicht den Sicherheitsanforderungen doch gar nicht. Es bestand auch aufgrund der fehlenden Fluchtmöglichkeiten vor Ort die Gefahr einer ausbrechenden Panik.“

Der SVB sichtet seit Tagen vorliegendes TV- und Fotomaterial. Gleichzeitig rufen der Fanbeirat sowie das Fanprojekt nach wie vor betroffene Zuschauer dazu auf, sich bei ihnen zu melden: „Wir geben traumatisierten und verletzten Betroffenen jede mögliche Hilfe und Unterstützung. Zugleich ist es wichtig, die Tragweite dieser Vorfälle richtig zu erfassen, um die Dimension des Ganzen zu dokumentieren. Nur so kann im Nachgang eine richtige Auswertung und damit verbundene Konsequenzen erfolgen.“ Und auf diese dringt der Fanbeirat des SVB. „Das muss ausgewertet werden, damit so etwas nie wieder passiert. Dieser Polizeieinsatz muss klar als unrechtmäßig eingestuft werden, hier sind wir uns auch mit der Vereinsführung einig.“

Die "unglaubliche Brutalität" bleibt hängen

Ein ausdrückliches Dankeschön geht vom Fanbeirat unterdessen an die vor Ort im Einsatz befindlichen Sanitäter sowie die Cateringfirma im Stadion: „Der verantwortliche Einsatzleiter der Rettungskräfte hat in dieser alles andere als einfachen Situation den Mut und das Verantwortungsbewusstsein gehabt, den Massenanfall von Verletzten auszurufen. Die Cateringfirma hat ohne zu Zögern Wasser ausgereicht, um den Verletzten zu helfen. Das ist nicht selbstverständlich, das haben wir schon ganz anderes erlebt.“

Gern hätten die SVB-Fans mit ihrer Mannschaft den – sportlich verdienten und für den Verein eminent wichtigen – Sieg gefeiert.  Schließlich geht Nulldrei in der Saison 2016/17 nun im DFB-Pokal ins Rennen. Was jedoch tatsächlich hängen bleibt von diesem Spiel ist „die unglaubliche Brutalität, mit der vor Ort auch gegen weitab vom Fanblock befindliche Personen vorgegangen wurde. Ein Lügengebäude über den Auslöser des Einsatzes, das bislang – trotz widerlegender TV- und Fotoaufnahmen – nicht richtiggestellt wurde. Eine Gewaltorgie, die einfach kein Ende gefunden hat und in der seitens der Polizei Straftaten, von unterlassener Hilfeleistung bis hin zu Körperverletzungen, begangen wurde.“ Klar ist – den Fanbeirat des SV Babelsberg 03 werden die Ereignisse rund um dieses Spiel ebenso wie den Verein selbst noch länger beschäftigen.

Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Babelsberger Fans

Beim Landespokalfinale gerieten die Polizei und Fans des SV Babelsberg 03 aneinander. Zur Galerie
Beim Landespokalfinale gerieten die Polizei und Fans des SV Babelsberg 03 aneinander. © Jan Kuppert
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