22. Mai 2019 / 19:16 Uhr

Die Fans und das Titel-Jubiläum des VfL Wolfsburg: "Man zehrt ein ganzes Leben davon"

Die Fans und das Titel-Jubiläum des VfL Wolfsburg: "Man zehrt ein ganzes Leben davon"

Nick Heitmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Michael „Michi“ Günterberg und Philip „Lupo“ Henkel
Michael „Michi“ Günterberg und Philip „Lupo“ Henkel © Gero Gerewitz
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Ist der VfL Wolfsburg durch die Meisterschaft 2009 ein anderer Verein geworden? Wir haben mit zwei Fans darüber gesprochen.   

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Lautstarke Unterstützung, Emotionen – die Nordkurve ist das Epizentrum der VW-Arena. Auch dank Fans wie dem 27-jährigen Michael „Michi“ Günterberg und Philip „Lupo“ Henkel (44). Während sich Henkel bei den Supporters Wolfsburg engagiert und den VfL einst überallhin begleitete – etwa als einer von nur vier Unentwegten im UI-Cup ins weißrussische Minsk – lässt sich Günterberg in seiner Leidenschaft für die Grün-Weißen weder im Stadion noch als Trainingskiebitz von einem vor elf Jahren eingesetzten Herzschrittmacher bremsen. Und beide beweisen, dass Vereinsliebe nicht blind machen muss. Dass sich Hingabe an eine Sache und Kritik an derselben nicht ausschließen. Wie im Fall der deutschen Meisterschaft 2009. Das Duo beklagt Fehler des Klubs nach dem Titelgewinn, die besondere Bedeutung desselben bleibe einem jedoch „als Fan immer im Gedächtnis“, so Günterberg.

Wie habt ihr den 23. Mai 2009, den Tag der Meisterschaft, erlebt?

Henkel: Vor dem Spiel gegen Werder Bremen habe ich geholfen, die Choreos vorzubereiten, es gab ja zwei – in der Süd- und in der Nordkurve. Und nach dem 5:1-Sieg bin ich dann wie alle anderen in die Stadt gezogen, wir haben vergeblich etwas Passendes zu trinken gesucht. An den Kiosken und Tankstellen gab’s aber nur noch Milch, der Rest war ausverkauft. Dann ging’s weiter zum Rathausplatz.

Günterberg: Dort war ich auch.

Und vorher?

Günterberg: Meine Eltern haben ihre Silberhochzeit gefeiert, deshalb durfte ich nicht ins Stadion.

Hast du ihnen mittlerweile verziehen?

Günterberg: Wenn wir nicht Meister geworden wären, hätte ich ihnen das nachgetragen (lacht). Im Stadion wäre es natürlich noch eine Stufe besser gewesen, aber die 100.000 Leute in der Stadt zu sehen, das war Gänsehaut pur.

Hatte einer von euch jemals damit gerechnet, dass der VfL irgendwann deutscher Meister wird?

Henkel: Nee, auf keinen Fall. In der Meistersaison wurde aber auch alles zurückgestellt, selbst als noch vor Saisonende klar war, dass Felix Magath nach Schalke wechseln wird. Da wären die Fans anderer Vereine wahrscheinlich auf ihn losgegangen, wir haben einen offenen Brief verfasst mit dem Tenor: Scheiß drauf, dass der Trainer weggeht, was zählt, ist die Meisterschaft. Wir sind schon immer anders mit solchen Situationen umgegangen, auch im Abstiegskampf. Nach dem Motto: Egal, wie schlecht die Spieler sind, wir unterstützen sie trotzdem, denn es macht ja noch weniger Sinn, sie mit Steinen zu beschmeißen oder Kreuze auf den Rasen zu stellen.

Ab wann habt ihr an den Titel geglaubt?

Henkel: Als das Bremen-Spiel abgepfiffen wurde.

Günterberg: Ich war schon nach dem 5:1 am 4. April 2009 gegen die Bayern felsenfest davon überzeugt, dass wir Meister werden. Ich war mir so sicher, ich hätte auch ins Wettbüro gehen können.

Henkel: Das durftest du doch gar nicht, oder?

Günterberg: Stimmt, ich war erst 17. Ich hab’s ja auch nicht gemacht.

Meister 2009: Die Foto-Erinnerungen der VfL-Fans

Als wir dazu aufgerufen haben, uns Bilder rund um die Meisterschaft des VfL Wolfsburg zu schicken, waren wir schon sehr zuversichtlich – wir ahnten, dass uns das eine oder andere schöne Bild mit Erinnerungen an den Mai 2009 erreichen würde. Am Ende hat uns die Resonanz dann aber doch überrascht - hier ist eine Auswahl zum Durchklicken. Zur Galerie
Als wir dazu aufgerufen haben, uns Bilder rund um die Meisterschaft des VfL Wolfsburg zu schicken, waren wir schon sehr zuversichtlich – wir ahnten, dass uns das eine oder andere schöne Bild mit Erinnerungen an den Mai 2009 erreichen würde. Am Ende hat uns die Resonanz dann aber doch überrascht - hier ist eine Auswahl zum Durchklicken. ©
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Fan war er zu diesem Zeitpunkt schon seit zwölf Jahren, die Anfänge sind – wie bei Henkel – eng verbunden mit einem Hauptdarsteller der jüngeren Wolfsburger Fußball-Historie. Im Fall von Günterberg hieß er Roy Präger, sein Lieblingsspieler, „er hat im Jahr des Bundesliga-Aufstiegs 1997 meinen Kindergarten besucht“. Henkel hatte sich schon Ende der 80er-Jahre die DFB-Pokal-Duelle gegen Bremen oder Hannover 96 angesehen, „ich war ein Topspiel-Gucker“, so der 44-Jährige. Peter Pander sorgte dafür, dass Henkel dann auch häufiger zu Ligaspielen ins VfL-Stadion am Elsterweg pilgerte. Als Pander, Wolfsburgs späterer Erfolgsmanager, von Brackstedt, wo er Spielertrainer gewesen war, zum VfL wechselte, lud er immer wieder Jugendmannschaften seines Ex-Klubs ein. Zu den Nachwuchskickern gehörte auch Henkel, „von da an bin ich regelmäßig hingegangen“.

Hängt die Gewichtung der Meisterschaft davon ab, wie lange man schon Fan des Vereins ist, wie viel man mit ihm mitgemacht hat?

Henkel: Ich glaube nicht. Man zehrt ein ganzes Leben von dem Erlebnis, zum ersten Mal deutscher Meister geworden zu sein, auch noch in 50 Jahren, egal wann man Fan geworden ist.

Günterberg: Gerade so eine Meisterschaft hat etwas Einmaliges, ob man nun seit zwei oder 20 Jahren Fan ist.

Der Meistertitel war auch eine Chance, das Image des Klubs aufzupolieren. Ist das gelungen?

Henkel: Für uns Fans ist der VfL Meister geworden, aber ich glaube, in der öffentlichen Wahrnehmung hatte der VfL damit ganz wenig bis gar nichts zu tun. Wenn man die überregionale Presse gelesen hat, ist nicht Wolfsburg Meister geworden, sondern Felix Magath. Der hat hier seine One-Man-Show abgezogen, und so wurde das öffentlich auch wahrgenommen.

Heike, eine der Protagonistinnen des Fan-Films „20 – Der Stress lohnt sich!“, moniert, dass der Anhänger nach dem Meistertitel nicht mehr so viel wert gewesen sei. Hat sie Recht damit?

Henkel: Da kann man ihr nur beipflichten. Dem Verein ging es darum, die Fanbasis zu erhöhen, nur die neuen Fans waren wichtig. Aber die hat man mit seltsamen Aktionen eher vergrault als gebunden.

Hast du ein Beispiel dafür?

Henkel: Um das Stadion in der Champions League vollzukriegen, gab es irgendwelche Rabatte. Diejenigen, die bereits eine Karte gekauft hatten, haben in die Röhre geschaut. Das ist denen natürlich sauer aufgestoßen. Wenn man ein gutes Produkt hat, muss man nichts verschenken, der VfL hat sich da unter Wert verkauft – und hat deshalb immer noch Probleme: Die Leute meckern über teure Tickets, obwohl sie im Liga-Vergleich schon günstig sind.

Kommt es vor, dass die Fan-Szene auf sogenannte Erfolgsfans, auf Zuschauer, die erst durch Titel angezogen wurden, herabblickt?

Henkel: Es ist auf jeden Fall so, dass von den Erfolgsfans beziehungsweise von denen, die angelockt wurden, viele einfach dem nächsten Erfolg hinterhergelaufen und nur wenige zu echten Fans geworden sind. Die Basis hat sich nicht signifikant erhöht.

Günterberg: Man hat diese Erfolgsfans schon bemerkt, die haben sich Dauerkarten geholt, um dann in der Champions League Manchester United zu sehen. Sie sind – wie es heutzutage auch oft noch ist – nur zu den Topspielen gegangen und haben die Karte ansonsten verfallen lassen.

Henkel: Das war genau die gleiche Oberflächlichkeit, die man auch dem VfL vorwerfen muss, weil er diese Art von Fans nach der Meisterschaft nicht emotional gepackt hat.

34 Spieltage 2008/09 zum Durchklicken: Der VfL-Weg zum Titel

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Die Saison von Spiel zu Spiel ©

Anhänger wie Günterberg und Henkel gehen mit ihrem Klub durch dick und dünn. „Gerade Negativ-Erlebnisse haben den Kern noch mehr zusammengeschweißt“, sagt Henkel. Die Leidensfähigkeit der VfL-Fans wurde schon häufiger geprüft, ihre Geduld ebenso. Letztere beweist das Duo auch an diesem Tag. Günterberg und Henkel posieren und lächeln, bis AZ/WAZ-Fotograf Gero Gerewitz die passenden Motive im Kasten hat. Am Ort des Fotoshootings, dem Unterrang der Nordkurve, ist Günterberg Stammgast, im Block 5. „Ich stehe hier zum ersten Mal“, verrät Henkel. Seine Arena-Heimat ist Block 6 im Oberrang. Von dort verfolgte er auch 2016 das sensationelle 2:0 gegen Real Madrid.

Ähnlich wie nach der Meisterschaft ging’s auch nach dem Pokaltriumph 2015 und der starken Champions-League-Saison mit dem Hinspielsieg gegen Real Madrid wieder bergab. Was hätte der Verein anders machen müssen?

Henkel: Ehrliche Arbeit. Klar ist doch: Immer, wenn die Mannschaften gearbeitet haben, gab’s auch Erfolge, so sind sie aufgestiegen, so haben sie die Klasse gehalten. Und immer wenn der Verein diesen Faden verloren und Hacke-Spitze-eins-zwei-drei versucht hat, kamen weniger Zuschauer, in der Tabelle ging’s abwärts. Deshalb passt der jetzige Claim, der ja von den Fans stammt.

Günterberg: Arbeit, Fußball, Leidenschaft.

Henkel: Genau. Wir Fans haben ihn nach der Saison 2016/17 mit den Relegationsspielen gegen Eintracht Braunschweig immer wieder vorgeschlagen, und er kam gut an. Erst war das der Saison-Claim, seit dieser Spielzeit ist es der Haupt-Claim des VfL Wolfsburg.

Ihr seht also positive Ansätze?

Henkel: Mit Sportdirektor Marcel Schäfer, Manager Jörg Schmadtke und Trainer Bruno Labbadia gibt es in dieser Saison drei Leute, die den Mitarbeitern einen Rahmen vorgeben: So wollen wir sein. So wollen wir Fußball spielen. So wollen wir mit den Fans umgehen. Wer da nicht mitzieht, hat schlechtere Karten. Das ist schon mal ein Anfang.

Günterberg: Ob sich das fest im Verein verankert hat, wird man in zehn, 15 Jahren sehen. Wichtig ist, dass man auf Dauer fortführt, was hier gerade aufgebaut wird.

Henkel: Es soll ja irgendwann ein Leitfaden niedergeschrieben werden, und wer den mitträgt, sei es nun Abteilungsleiter, Fanbeauftragter oder Starspieler, ist willkommen, ansonsten können sie nach Hause gehen. Das wäre das Optimum, so arbeitet ja auch jedes andere Unternehmen. Die VfL-Fans, seitdem ich aktiv bin, hatten immer diesen Faden.

Dürfen Wolfsburgs Anhänger irgendwann eine zweite deutsche Meisterschaft bejubeln?

Günterberg: Mein Gefühl ist, dass es noch mal passieren wird, wenn der VfL und VW es wirklich wollen. Hätten wir 2015 konstanter gespielt, wäre es da schon machbar gewesen. Ich glaube nämlich, dass diese Mannschaft besser war als die 2009er.

Henkel: Mit den Möglichkeiten, die wir hier haben, müssen wir immer unter den ersten Sechs sein – und das schließt ja Platz eins mit ein. Wenn’s gut läuft und man so viel Glück mit Schiedsrichter-Entscheidungen hat wie 2009 – da gab’s einige Tore, die jetzt mit Videobeweis niemals gezählt hätten – dann ist der Titel drin. ■

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