31. Juli 2020 / 17:50 Uhr

Die Geburtsstunde der Kanu-Königin Birgit Fischer

Die Geburtsstunde der Kanu-Königin Birgit Fischer

Peter Stein
Märkische Allgemeine Zeitung
Deutschlands erfolgreichste Olympionikin 
Birgit Fischer mit 8x Gold und 4x Silber
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Deutschlands erfolgreichste Olympionikin  Birgit Fischer mit 8x Gold und 4x Silber . © Camera 4
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In der MAZ-Serie zum 40-jährigen Olympia-Jubiläum von Moskau 1980 kommt diesmal Ausnahme-Kanutin Birgit Fischer zu Wort. Hier gewann sie ihre erste von insgesamt acht Olympia-Goldmedaillen.

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Eine Jahrhundertsportlerin wie die Kanutin Birgit Fischer kam, sah und siegte. Doch als sie am 1. August 1980 in Moskau – also vor genau 40 Jahren – ihre erste olympische Goldmedaille gewann, konnte selbst sie nicht ahnen, was für eine Ausnahme-Karriere im Kanurennsport sie einmal hinlegen würde (siehe Info-Kasten).

„Dabei bin ich sozusagen im Boot großgeworden“, erzählt die 58-Jährige amüsiert. Ihr Vater war ihr erster Übungsleiter bei der Betriebssportgemeinschaft Stahl Brandenburg, Sektion Kanu, in ihrer Heimatstadt Brandenburg/Havel. „Wir waren vier Kinder in der Familie und haben alle gepaddelt“, erinnert sich Birgit Fischer, die mit sechs Jahren ihr erstes eigenes Boot bekam. „Harald Brosig war dann mein erster Trainer, der mich bis auf die Sportschule brachte.“ Mit 17 Jahren wurde sie bereits Junioren-Weltmeisterin und im Jahr drauf Olympiasiegerin im Kajak-Einer über 500 Meter. Dabei musste sie sich bei den internen Ausscheiden in der DDR gegen Roswitha Eberl durchsetzen, die immerhin 1978 und 1979 den WM-Titel geholt hatte. „Wir hatten in der DDR mindestens vier starke Kanutinnen, die wären alle Olympiasiegerin geworden. Wir haben uns gegenseitig gefordert.“ Aber es konnte ja nur eine teilnehmen. Das war fortan die Kanu-Queen vom Brandenburger Beetzsee.

Auf Anhieb die Beste

Gefragt nach ihren Erinnerungen an die Sommerspiele vor 40 Jahren gibt sie zu: „Ich weiß natürlich das Datum: 1.8.80, das vergisst man nicht. Damals gab es ja nur den Einer und den Zweier. Entsprechend hart wurde um die Plätze gekämpft. Im Winter waren wir im Skilager auf dem Belmeken in Bulgarien. Es lief alles gut, ich war die Beste und durfte dann auch zu Olympia.“

Nur als sie dann tatsächlich Gold gewann, gab es keinen überschwänglichen Jubel. „So bin ich nicht, ich freue mich mehr nach innen, ich schaue da eher ziemlich bedröppelt drein, so als hätte man mir mein Lieblingsspielzeug weggenommen.“ Ansonsten erinnert sie sich noch daran, dass im Olympischen Dorf Männer und Frauen getrennt in Hochhäusern untergebracht wurden, dort Elektrobusse fuhren und es eine tolle Disko gab mit super Lichteffekten. „Das war alles sehr modern, international, da konnte man gut abhängen oder auch tanzen.“ Neben der Russen-Disko und der Goldmedaille, die allesamt in einem Safe verwahrt sind, bleibt ihr als Erinnerungsstück noch ein Mischka-Bär aus Porzellan. Das Maskottchen hatte sie auch als Plüschtier, aber vor Jahren mit zig anderen Souvenirs und Sportutensilien für wohltätige Zwecke zugunsten eines SOS-Kinderdorfes versteigern lassen.

Boykott-Frust in der Mitropa ersäuft

Moskau war die Geburtsstunde einer Kanu-Legende. Mit acht Goldmedaillen bei sechs Olympischen Spielen ist sie bis heute Deutschlands erfolgreichste Olympia-Teilnehmerin. Es hätten noch mehr sein können. Denn der Boykott 1984 des Ostblocks traf auch Birgit Fischer. „Ich habe aus der Zeitung davon erfahren, wollte gerade mit dem Zug von Potsdam nach Hause nach Brandenburg fahren. Da habe ich mich in die Mitropa-Gaststätte am Bahnhof Pirschheide gesetzt und mir erst einmal ein paar Bier gegönnt. Das war bitter. Aber für Sportler, wie meinen Bruder Frank (selbst mehrfacher Kanu-Weltmeister/d.Red.), die nur diese eine olympische Chance hatten, war das viel schlimmer.“ Nur am Rande: Birgit Fischer siegte bei den Ersatzspielen – die stärksten Kanutinnen kamen damals ohnehin aus dem Ostblock – im K1 und K2.

Comeback nach Babypause

Nach der Geburt von Sohn Ole 1986 kehrte sie zurück und musste sich 1988 im Olympia-Finale im Einer ihrer bulgarischen Dauerrivalin Wanja Geschewa knapp geschlagen geben. „Ich war nicht topfit, hatte mich an der Schulter verletzt, aber das soll keine Entschuldigung sein“, sagt die Brandenburgerin, für die danach „mit Ansage“ Schluss war.

Dann fiel die Mauer, sie saß mit der drei Wochen alten Tochter Ulla ungläubig vor dem Fernseher, nicht nur die große, sondern auch ihre kleine Welt veränderte sich mit einem (Paddel-)Schlag. 1991 fuhr sie als Touristin zur Kanu-WM nach Paris und erklärte mehr beiläufig: „Hier hätte ich auch noch mitpaddeln können.“ Das habe Peter Frenkel, der Geher-Olympiasieger von 1972 und nunmehrige Fotograf, aufgeschnappt und daraufhin ihr Comeback-Ansinnen öffentlich gemacht. „So stand ich unter Zugzwang“, meint sie.

Zweites Comeback nach dem Mauerfall

Aber den Armeesportklub gab es für die Ex-Majorin der Nationalen Volksarmee nicht mehr, der Nachfolgeverein OSC Potsdam hatte kein Geld für sie, so ging sie zu einem finanzkräftigen Verein nach Mannheim. Und beim Bundestrainer im Deutschen Kanu-Verband musste sich auch eine Birgit Fischer, die damals Schmidt hieß, erst einmal hinten anstellen. „Ich hatte da keine Privilegien, wusste aber, das Paddeln verlernt man nicht. Und bei den Sichtungsrennen war ich ziemlich schnell wieder die Erste.“ Bei Olympia 1992 in Barcelona holte sie erneut Gold im Einer. Bei den Spielen 1996 und 2000 folgten Gold Nummer fünf bis sieben. Dann war wieder Schluss, sie zog nach Bollmannsruh. Nach drei Jahren Pause erneut das Comeback. „Mir hat es einfach Spaß gemacht, im Rennboot zu sitzen“, sagt sie über ihren Antrieb. Der krönende Abschluss mit Goldmedaille Nummer acht war bei Olympia 2004 mit dem Kajakvierer.

Und das Ehrenmitglied des WSV Stahl Brandenburg wollte 2012 mit 50 Jahren tatsächlich noch einmal zurück. Aber gesundheitliche Probleme zwangen sie dazu, dieses Comeback zu beenden. Nach wie vor betreibt Birgit Fischer, die ihr Haus in Bollmannsruh verkaufen und in ihre Geburtsstadt Brandenburg ziehen will, wo sie auch Ehrenbürgerin ist, ihre Paddelschule „Kanu-Fisch“.