16. Juni 2020 / 09:32 Uhr

Die Geschichte der Fußball-EM: 1972 - Beckenbauer und Netzer: Mit "Ramba-Zamba-Fußball" zum Titel

Die Geschichte der Fußball-EM: 1972 - Beckenbauer und Netzer: Mit "Ramba-Zamba-Fußball" zum Titel

Udo Muras
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Sie überstrahlten 1972 alles: Franz Beckenbauer und Günter Netzer.
Sie überstrahlten 1972 alles: Franz Beckenbauer und Günter Netzer. © imago images/WEREK
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Eigentlich sollte jetzt bei der Europameisterschaft der Ball rollen - es kam anders. Für ein bisschen EM-Gefühl blickt der SPORTBUZZER auf die 60-jährige Geschichte des Wettbewerbs zurück. In der Serie mit eingebettetem Podcast, in dem Reporter-Legende Hartmut Scherzer zahlreiche Anekdoten verrät, geht es nun im zweiten Teil um den ersten EM-Triumph der  DFB-Elf 1972.

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Unmittelbar vor dem größten Erfolg seiner Karriere wurde es Günter Netzer mulmig. Schon seit einer halben Stunde wusste er, dass er an diesem 18. Juni 1972 Fußball-Europameister werden würde. Nun hatte er noch einen Wunsch: mit heiler Haut vom Platz zu kommen. Denn am Spielfeldrand standen sie zu Tausenden mit schwarz-rot-goldenen Fahnen und auch mit solchen, die man nur riechen konnte. Bereit, den Rasen zu stürmen. Da vereinbarten Netzer und Franz Beckenbauer, sich den Ball in den letzten Minuten nur noch nahe der Absperrung zuzuspielen, wo die Siegerehrung stattfinden sollte. Ganz klappte das nicht, doch sie haben es überlebt, die grenzenlose Euphorie beim ersten Europameisterschaftsgewinn im Schatten des Atomiums von Brüssel.

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Viele sprechen noch heute von der besten deutschen Elf überhaupt. Frankreichs Sportblatt L’Equipe schwärmte nach dem 3:0 gegen die UdSSR vom „Fußball 2000“. Netzer stand mit 27 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Auch weil der Kölner Wolfgang Overath nach einer Leistenoperation fehlte. Zwei Genies, die rein sportlich nicht miteinander konnten. „Overath war der bessere Mannschaftsspieler. Ich brauchte immer den Schutz des Vertrauten und war am besten, wenn möglichst viele Gladbacher in der Elf standen“, sagt Netzer heute.

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Da konnte er sich 1972 nicht beklagen. Bundestrainer Helmut Schön baute sein Team aus den Stars von Bayern München und Borussia Mönchengladbach zusammen. Netzer: „Das hat er schlau gemacht. Es war eine Blockbildung aus den beiden besten Mannschaften, zwischen denen es keine Gräben gab, nur eine gesunde Rivalität.“ So legte Gladbachs Spielmacher Münchens Torjäger Gerd Müller in Belgien zwei Tore auf: „Der Gerd war für mich ein Partner wie im Verein der Jupp Heynckes.“

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Die Feldherren Beckenbauer und Netzer ergänzten sich fantastisch im Wechselspiel. So ließ sich Netzer zurückfallen, wenn der Fußball-Kaiser seine Abwehr verließ. Die Bild-Zeitung erfand den Begriff „Ramba-Zamba-Fußball“ nach dem Viertelfinale von Wembley. Beim 3:1 in London bestritt Deutschland vielleicht – Netzer ganz gewiss – sein bestes Länderspiel. „Wir waren in Wembley der Perfektion sehr nahe“, schwärmt er im Gespräch mit dem SPORTBUZZER. Dabei hatte er vor der Partie zu Beckenbauer gesagt: „Wenn wir keine fünf Tore kriegen, haben wir ein gutes Ergebnis erreicht.“

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Die Qualifikation, in der die Auswahl der DDR scheiterte, überstand die DFB-Elf bereits ungeschlagen. Netzer: „Wir haben ein äußerst herausragendes Jahr gespielt, haben immer harmoniert – das macht es im Nachhinein noch wertvoller.“ Nach der Hürde England wurde die Endrunde mit vier Teams zur Formalität. Gastgeber Belgien, das fünf Wochen vorher von seiner Rolle erfuhr und in Windeseile seine Stadien sanierte, wurde 2:1 geschlagen. Zwei Müller-Tore führten ins Endspiel gegen die UdSSR. Nach 58 Minuten hieß es dort 3:0, zwischen zwei Müller-Toren durfte sogar Gladbachs Herbert Wimmer einnetzen. Netzer: „Das Finale war derartig klar und beherrschend, da wirkte bei den Russen noch das 1:4 von München nach.“ Das Testspiel, mit dem das Olympiastadion eingeweiht worden war und auf das sich Netzer hier bezieht, lag drei Wochen zurück.

Der Europameister setzte Maßstäbe, das Turnier nicht. Nur das Finale war ausverkauft, weshalb der DFB im Hotel einen regen Tickethandel betrieb. Die Halbfinals fanden zeitgleich statt, sodass sich für Russland gegen Ungarn nur 1659 Menschen interessierten. Es gab nach dem Finale kein offizielles Bankett, Netzer ließ sich von einem Freund abholen. „Und abends war ich schon wieder in meiner Disco in Mönchengladbach.“ Nicht der schlechteste Platz, um den ersten EM-Titel zu feiern.