20. Juni 2020 / 09:00 Uhr

Die Geschichte der Fußball-EM: 1980 – Triumph dank Hrubesch und päpstlichen Beistands

Die Geschichte der Fußball-EM: 1980 – Triumph dank Hrubesch und päpstlichen Beistands

Udo Muras
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Kopfball-Ungeheuer Horst Hrubesch führte Deutschland 1980 zum EM-Titel.
"Kopfball-Ungeheuer" Horst Hrubesch führte Deutschland 1980 zum EM-Titel. © imago images/Laci Perenyi
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Eigentlich sollte jetzt bei der Europameisterschaft der Ball rollen – es kam anders. Für ein bisschen EM-Gefühl blickt der SPORTBUZZER auf die 60-jährige Geschichte des Wettbewerbs zurück. In der Serie mit eingebettetem Podcast, in dem Reporter-Legende Hartmut Scherzer zahlreiche Anekdoten verrät, geht es nun im vierten Teil um den zweiten EM-Triumph der  DFB-Elf 1980.

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Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte seine Rede gehalten. Die Helden des Abends waren zum gemütlichen Teil übergegangen. Einige sangen. Uli Stielike intonierte “Heidi, deine Welt sind die Berge“ und Kaiserslauterns Hans-Peter Briegel, “die Walz aus der Pfalz“, demonstrierte Heimatverbundenheit. Er grölte den Hit: “Wir sind die Tramps von der Pfalz“. Erwachsene Männer, denen im Moment ihres größten Triumphs nichts peinlich sein musste. Ihnen verzieh man alles an jenem 22. Juni 1980.

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Mit zweistündiger Verspätung tapste ein blonder Hüne mit verschwitzten Haaren und dreckigem Trikot in die feine Gesellschaft. Eher hatten die Reporter Horst Hrubesch nicht entlassen aus dem Olympiastadion von Rom, wo “der Lange“ vom Hamburger SV die Bundesrepublik gegen Belgien (2:1) zum Europameistertitel geköpft hatte. “Alle hatten ihre piekfeinen Anzüge an und ich mittendrin im Trikot!“, erinnerte er sich.

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DFB-Team gelingt Wiederauferstehung nach der WM-Schande gegen Österreich

Typen wie Spätstarter Hrubesch, der mit 24 in die Bundesliga und mit 28 in die Nationalelf kam, sorgten dafür, dass der Schatten von Córdoba verflog. Zwei Jahre nach dem WM-Aus des Titelverteidigers durch ein 2:3 gegen Österreich feierte die Nationalelf Wiederauferstehung.

Durch die Qualifikation war die Auswahl des Bundestrainers Jupp Derwall ungeschlagen, aber mit blauen Flecken (0:0 auf Malta) gekommen. 31 Spieler hatte er ausprobiert. Nach Sepp Maiers Autounfall 1979 testete er drei Torhüter. Toni Schumacher vom 1. FC Köln machte das Rennen.

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Aus der Not machte Derwall eine Jugend. Karlheinz Förster (21), Hans-Peter Briegel (24), die Spielmacher Bernd Schuster (20) und Hansi Müller (22) sowie Klaus Allofs (23) und Karl-Heinz Rummenigge (24) waren hungrig, das Klima war prima. Müller sagte nun gegenüber dem SPORTBUZZER: “Wenn ich von der Nationalmannschaft nach Hause kam, haben mich meine Freunde gefragt: ‚Und? Hast du wieder ein paar Witze mitgebracht?‘ Es gab kein großes Konkurrenzdenken, kein Gegeneinander. Für die meisten von uns war es das erste Turnier, wir wollten den Adler mit Erfolg tragen.“

Es war das jüngste DFB-Team bei einem Turnier seit der WM 1934 (24, 38 Jahre) und das jüngste der EM, die erstmals mit acht Teams in zwei Gruppen ausgetragen wurde.

Papst Johannes Paul II. segnete Hrubesch vor dem Finale

Hrubesch passte nicht ins Bild der jungen Wilden, doch unerfahren war auch er. Erst im März 1980 kam er zu seinem Debüt. Bis dahin standen drei B-Länderspiele in seiner Vita, in Jugendzeiten reichte es nur zur Kreisauswahl Unna-Kamen-Hamm. Aber Hrubesch hatte allen etwas voraus: Er war das “Kopfball-Ungeheuer“! Seinen Ruf bestätigte der 1,88-Meter-Mann in der 89. Minute des Finals bei Rummenigges Ecke, als er sein zweites Tor des Abends erzielte. Vorher will Rummenigge es einem Fotografen angekündigt haben. “Stell deine Linse auf den Hrubesch scharf, der macht jetzt das Kopfballtor!“

Wie wären die Chancen von Leroy Sané, Joshua Kimmich, Jonathan Tah und Co. auf eine EM-Teilnahme im Kader von Bundestrainer Joachim Löw gewesen? Der SPORTBUZZER gibt einen Überblick. Zur Galerie
Wie wären die Chancen von Leroy Sané, Joshua Kimmich, Jonathan Tah und Co. auf eine EM-Teilnahme im Kader von Bundestrainer Joachim Löw gewesen? Der SPORTBUZZER gibt einen Überblick. ©

Dann war da die Geschichte mit dem Papst. Hrubesch nutzte die Freizeit, um Audienzen im Vatikan beizuwohnen. Als Johannes Paul II. mit zwei Fingern die Menge segnete, raunte ein Journalist Hrubesch zu: “Du Horst, der Papst meint, du schießt im nächsten Spiel zwei Tore.“ Es klappte erst im übernächsten – umso wichtiger. Auch davon durfte der Mann im Trikot auf dem Siegerbankett erzählen.