25. Juni 2020 / 09:00 Uhr

Die Geschichte der Fußball-EM: 1988 - Koeman und Co. gelingt die Revanche gegen Deutschland

Die Geschichte der Fußball-EM: 1988 - Koeman und Co. gelingt die Revanche gegen Deutschland

Udo Muras
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ronald Koeman (links), der das Trikot von Olaf Thon zweckentfremdet, und der Jubel der Europameister aus Holland - zwei bezeichnende Bilder der EM 1988.
Ronald Koeman (links), der das Trikot von Olaf Thon zweckentfremdet, und der Jubel der Europameister aus Holland - zwei bezeichnende Bilder der EM 1988. © imago images/Laci Perenyi/Sportfoto Rudel (Montage)
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Eigentlich sollte jetzt bei der Europameisterschaft der Ball rollen - es kam anders. Für ein bisschen EM-Gefühl blickt der SPORTBUZZER auf die 60-jährige Geschichte des Wettbewerbs zurück. In der Serie mit eingebettetem Podcast, in dem Reporter-Legende Hartmut Scherzer zahlreiche Anekdoten verrät, geht es nun im sechsten Teil um die aus EM 1988, in der Holland die Revanche gegen die DFB-Elf gelang.

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Der „Kaiser“ muss ein bisschen überlegen. Doch dann reisen die Gedanken flugs in den Sommer 1988, als Franz Beckenbauer (74) seine erste und einzige Europameisterschaft als Teamchef der Fußball-Nationalmannschaft erlebte. „Es war ein sehr, sehr gutes Turnier. Sehr gut besetzt, große Namen. Entsprechend war das Niveau, das eine Europameisterschaft haben sollte“, sagte er dem SPORTBUZZER.

Die Zahlen belegen, dass die EM auch bei den Fans ankam: Die achte Endrunde, ausgetragen in Deutschland, erbrachte eine Stadionauslastung von 95,5 Prozent bei 850 000 Zuschauern. Frankreich war seinen Rekord von 1984 damit wieder los. Seinen Titel auch, denn die Franzosen verpassten die Endrunde, die aus deutscher Sicht einen Schönheitsfehler hatte: den Sieger. Beckenbauer ärgert sich noch heute, wenn er an den 21. Juni 1988 denkt: „Wir hatten es nicht verdient, dieses Spiel zu verlieren.“

Holland war 1988 die große Wundertüte

In Hamburg kam es damals zum Treffen der im Fußball verfeindeten Nachbarn Deutschland und Niederlande. Das DFB-Team, das sich bei der WM zwei Jahre zuvor bis ins Finale gekämpft hatte, durfte man im Halbfinale erwarten. Holland 1988 hingegen war eine Wundertüte: Drei große Turniere hatte es seit 1980 verpasst. Doch nun hatte Trainer Rinus Michels, „der General“ genannt, eine Mannschaft voller Hochbegabter beisammen. Fünf Spieler kickten bei Europacupsieger PSV Eindhoven, Ruud Gullit und Marco van Basten beim AC Mailand, Europas erster Adresse in jenen Tagen.

Noch mehr Hintergründe, Anekdoten & Co.: Hier geht es zum Podcast zur neuen SPORTBUZZER-Serie

In der Vorrunde verlor Oranje gegen die Russen, schlug England und duselte sich mit einem späten Tor gegen Irland ins Halbfinale. Das hatten die Deutschen mit Siegen gegen Dänemark und Spanien sowie einem 1:1 gegen Italien erreicht. Auf den Heimvorteil konnte die DFB-Elf indes nicht setzen – 15 000 Holländer machten mehr Stimmung als 43 000 Deutsche. Dabei hätten die Gäste lieber in München gespielt, seit 1974 dürstete es sie nach Revanche für das verlorene WM-Finale. In München fand auch das EM-Endspiel statt. Oranje wollte die Scharte am selben Ort auswetzen.

Nun eben Hamburg. Die Atmosphäre war aufgeladen. Gullit erzählte von einem deutschen Anrufer, der ihn um 1 Uhr früh aus dem Schlaf geklingelt habe, um zu erfragen, wo er vor Mailand gespielt habe. Weitere Schikanen: „Sie haben uns auf Umwegen durch die Stadt gefahren. Der Trainingsplatz war belegt und hatte Löcher – und wir hatten nicht das Hotel, das wir wollten.“ Michels ärgerte sich über Beckenbauer, der Pierre Littbarski eine „Magenverstimmung“ andichtete, um Frank Mill aufzustellen. Dass „Litti“ eingewechselt wurde, „kann ich nur sehr schwer begreifen“, knurrte Michels danach.

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Ansonsten war er bester Laune. Denn die Holländer bekamen ihre Revanche. Der Spielverlauf erinnerte an München 1974 – nur spiegelverkehrt. Damals fielen alle Tore vor der Pause, nun danach. Beide Teams verwandelten Elfmeter – und die führende Mannschaft verlor, weil der Goalgetter des Gegners zuschlug. Van Bastens langes Bein, mit dem er den Ball vor Jürgen Kohler erwischte und im Kasten versenkte, wird Siegern und Verlierern in Erinnerung bleiben. Ebenso wie eine Szene nach Abpfiff, als sich Ronald ­Koe­man mit dem getauschten Trikot von Olaf Thon symbolisch den Hintern abwischte. Scham? Nein: „Ich weiß zwar, dass ich es nicht hätte tun sollen. Aber zu sagen, dass ich es bereue? Nein, wirklich nicht.“

*„Es ist so, als ob wir den Krieg noch gewonnen hätten“ *

Es war der Tag der Rache. Als Beckenbauer zum Gratulieren in die holländische Kabine kam, wurde er mit Schmähgesängen begrüßt. In Amsterdam sangen sie: „1940 kamen sie, 1988 kamen wir, holadihi, holadiho.“ Ein Mann schluchzte:

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Und dann gewannen sie sogar noch die EM (2:0 im Finale gegen die UdSSR), aber das wichtigere Spiel fand vier Tage zuvor statt.

Mitarbeit: Raimund Hinko.