07. Juli 2020 / 10:15 Uhr

Die Geschichte der Fußball-EM: 2004 – Otto Rehhagel steigt in den Olymp auf

Die Geschichte der Fußball-EM: 2004 – Otto Rehhagel steigt in den Olymp auf

Udo Muras
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Otto Rehhagel führte Griechenland bei der EM 2004 zum sensationellen Titelgewinn.
Otto Rehhagel führte Griechenland bei der EM 2004 zum sensationellen Titelgewinn. © Getty
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Eigentlich sollte jetzt bei der Europameisterschaft der Ball rollen – es kam anders. Für ein bisschen EM-Gefühl blickt der SPORTBUZZER auf die 60-jährige Geschichte des Wettbewerbs zurück. In der Serie mit eingebettetem Podcast, in dem Reporterlegende Hartmut Scherzer zahlreiche Anekdoten verrät, geht es nun im zehnten Teil um Otto Rehhagel und sein Husarenstück mit Außenseiter Griechenland.

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Athen. Athen im Juli 2004. 50 000 Menschen warten in einem Stadion, in dem kein Fußball gespielt wird, rund fünf Stunden und rufen unentwegt: „Er ist verrückt, dieser Deutsche.“ Dann kommt er, und sie rasten aus. Alle!

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In Griechenlands Götterhimmel hat ein Sterblicher Platz genommen. Otto Rehhagel, der gelernte Anstreicher aus Essen, in Deutschland für allerlei Fußballwunder bekannt, aber um 2000 als Auslaufmodell abgestempelt, ist mit Außenseiter Griechenland Europameister geworden. Exakt 50 Jahre nach dem deutschen Fußballwunder von Bern. Deutsche Reporter sprechen ihn darauf an, und er antwortet in typischer Rehhagel-Manier: „Solche Geschichten schreibt nur der Fußball.“ Doch wie gelangte Griechenland auf den Fußball-Olymp?

Hier weitere Teile der EM-Serie lesen

Mit 62 Jahren übernahm Rehhagel die Auswahl Griechenlands und kassierte zum Einstand ein 1:5 gegen die Finnen. Rehhagel spielte mit Libero und Manndeckern, während überall auf der Welt die jungen Konzepttrainer das Prinzip der Raumdeckung etablierten und von sich verschiebenden Ketten fabulierten. Rehhagel war das egal. Er sagte: „Modern ist, wenn man gewinnt.“ Und so gewann er die letzten sechs EM-Qualifikationsspiele, selten schossen die Griechen dabei mehr als ein Tor und fuhren doch erstmals nach 1980 wieder zu einer EM. Rehhagel: „Ich wusste, was meine Spieler können, und habe ihnen einiges zugetraut.“

Rehhagel: "Ich habe die demokratische Diktatur eingeführt"

Den Titel nicht, bei den Wettbüros war „Hellas“ mit einer Quote von 1:40 auf Platz elf gelistet. Rehhagel fehlte es nicht an Demut: „Ich hatte höchsten Respekt vor der Aufgabe. Ich konnte die Sprache nicht, kannte die Strukturen kaum, die Mannschaft hatte noch nie ein Spiel bei einem großen Turnier gewonnen. Aber mein Assistent Ioannis Topalidis und ich haben drei Jahre hart gearbeitet.“ Der ehemalige Trainer des Landesligisten TSG Backnang war auch Dolmetscher, Chauffeur, Fremdenführer und Pressesprecher – und der Einzige neben Ehefrau Beate, auf den Rehhagel hörte. Ansonsten galt: „Die Griechen haben die Demokratie erfunden. Ich habe die demokratische Diktatur eingeführt.“

Noch mehr Hintergründe, Anekdoten & Co.: Hier geht es zum Podcast zur neuen SPORTBUZZER-Serie

Starallüren gab es keine in Rehhagels Kader, in dem mit dem Bremer Angelos Charisteas nur ein Bundesliga-Spieler stand. Der Stürmer hatte in Werders Meistersaison nur vier Tore erzielt. Rehhagel baute ihn auf: „Ich setz dich aufs Pferd, reiten musst du allein.“ Charisteas zahlte das Vertrauen zurück – mit drei Toren.

Zum Auftakt schlugen die Griechen Portugal mit 2:1. Die EM hatte im Eröffnungsspiel ihre erste Sensation. Die Sportzeitung „To Fos“ titelte: „Sie sind Götter!“ Der Premierminister gratulierte: „Sie haben jeden Griechen mit Stolz erfüllt.“ Heute vergessen ist, wie glücklich der spätere Champion die Vorrunde überstand. Nach einem 1:1 gegen Spanien und dem 1:2 gegen die Russen lagen die Griechen nach Punkten und der Tordifferenz mit Spanien gleichauf, aber 4:4-Tore waren laut Regelwerk besser als 2:2. So rutschten sie ins Viertelfinale.

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Dann fing Rehhagels Truppe auch noch an, Favoriten aus dem Weg zu räumen – nach Schema E wie Eckball: Im Viertelfinale köpfte Charisteas Titelverteidiger Frankreich raus, nach einer Ecke. Im Halbfinale wurden die Tschechen um die Ecke gebracht. Diesmal köpfte Libero Traianos Dellas, 197 Zentimeter lang, in der Verlängerung das Tor des Tages. Im Finale, wo es ein Wiedersehen mit den Portugiesen gab, war Charisteas zur Stelle. Ecke, Kopfball, Tor – mit diesem Prinzip gewann Griechenland drei Spiele in Folge und die EM, von der die Deutschen nach der Vorrunde abreisten. Sie suchten einen Bundestrainer – und riefen nach König Otto. Aber der Ehrenbürger von Athen blieb lieber Grieche.