19. Juni 2020 / 09:00 Uhr

Die Geschichte der Fußball-EM: Als Uli Hoeneß 1976 den Prototyp des missratenen Elfmeters schoss

Die Geschichte der Fußball-EM: Als Uli Hoeneß 1976 den Prototyp des missratenen Elfmeters schoss

Udo Muras
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Legendärer Fehlschuss: Uli Hoeneß verschoss im EM-Finale 1976 im ersten EM-Elfmeterschießen seinen Versuch. Deutschland verlor dadurch das Finale.
Legendärer Fehlschuss: Uli Hoeneß verschoss im EM-Finale 1976 im ersten EM-Elfmeterschießen seinen Versuch. Deutschland verlor dadurch das Finale. © Sven Simon/imago images
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Eigentlich sollte jetzt bei der Europameisterschaft der Ball rollen - es kam anders. Für ein bisschen EM-Gefühl blickt der SPORTBUZZER auf die 60-jährige Geschichte des Wettbewerbs zurück. In der Serie mit eingebettetem Podcast, in dem Reporter-Legende Hartmut Scherzer zahlreiche Anekdoten verrät, geht es nun im dritten Teil um das historische Elfmeterschießen der DFB-Elf 1976.

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Unsere Geschichte beginnt am Vorabend des Finales um die Europameisterschaft 1976, in das sich der Titelverteidiger aus der Bundesrepublik und Außenseiter CSSR nach dramatischen Halbfinals geschossen hatten. Beide Spiele mussten verlängert werden, zum Glück war nach 120 Minuten eine Entscheidung gefallen. Was aber, wenn im Finale keine fiele, fragten sich die Offiziellen am Vorabend des Endspiels. Für den Fall hätte es eigentlich am folgenden Dienstag wiederholt werden sollen. Aber das fand Bundestrainer Helmut Schön „mörderisch“, seine Spieler gingen nach der erst eine Woche zuvor beendeten Bundesligasaison schon so auf dem Zahnfleisch.

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So kam es auf Initiative von DFB-Präsident Hermann Neuberger kurzfristig zu dem Uefa-Beschluss, das Turnier im Elfmeterschießen zu entscheiden – falls es denn sein müsse. Geübt werden konnte es nicht mehr, die Spieler erfuhren davon erst in der Kabine direkt vor dem Spiel.

Und wie das Schicksal es manchmal will: Nach 120 packenden Minuten, in denen die Deutschen wie im Halbfinale gegen Jugoslawien (4:2) einen 0:2-Rückstand aufgeholt hatten, kam es zur Premiere. Doch wer sollte für das DFB-Team schießen? Co-Trainer Jupp Derwall machte sich auf die Suche. In einem Jahrbuch des Copress-Verlags sind die Antworten der Spieler dokumentiert:

Noch mehr Hintergründe, Anekdoten & Co.: Hier geht es zum Podcast zur neuen SPORTBUZZER-Serie

Bernard Dietz: „Nein, ich nicht. Ich fall auf der Stelle um. Ich bin kaputt.“
Franz Beckenbauer: „Oje, ich weiß nicht, ob ich mit meiner verletzten Schulter schießen kann.“
Uli Hoeneß: „Ich kann nicht. Ich bin völlig ausgepumpt.“
„Katsche“ Schwarzenbeck: „Ich habe neun Jahre keinen Elfmeter geschossen. Warum soll ich ausgerechnet heute?“

Torwart Sepp Maier meldet sich darauf freiwillig, sagte „Dann schieße eben ich.“ Es war die Eröffnung von diesem Dialog:
Beckenbauer: „Kommt nicht infrage. Du gehst ins Tor. Basta, ich schieße schon.“
Maier: „Dann schieße ich für den Uli.“
Hoeneß: „Lass mal Sepp. Ich schieße schon.“
Dieter Müller: „Ich hab nicht die Nerven dazu. Das ist doch erst mein zweites Länderspiel.“
Klubkamerad Heinz Flohe springt ihm zur Seite: „Ich fühle mich sicher.“ Nun waren es mit Rainer Bonhof, den keiner fragen musste, Hoeneß, Flohe und Beckenbauer vier. Da meldete sich Hannes Bongartz: „Okay, ich bin auch dabei.“

Die Karriere von Uli Hoeneß beim FC Bayern in Bildern

Uli Hoeneß und der FC Bayern - zwei Namen, die für viele Fans untrennbar miteinander verbunden sind. Das ist die Zeit des ehemaligen Nationalspielers seit seinem Amtsantritt als Bayern-Verantwortlicher in Bildern.
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Uli Hoeneß und der FC Bayern - zwei Namen, die für viele Fans untrennbar miteinander verbunden sind. Das ist die Zeit des ehemaligen Nationalspielers seit seinem Amtsantritt als Bayern-Verantwortlicher in Bildern. ©

 Wer den über die Jahrzehnte ­gewachsenen Ruf von den eiskalten deutschen Elfmeterschützen kennt, die seit 1976 nur noch ein solches Stechen – beim unbedeutenden Vierländerturnier 1988 gegen Schweden – verloren haben (bei sechs Siegen), muss sich wundern über die Anfänge in dieser Spezialdisziplin des DFB.

Als Hoeneß in den Belgrader Nachthimmel schoss

Die von Sepp Maier war es sowieso nie – leider auch in Belgrad. Masny, Nehoda, Ondrus und Jurkemik überwanden ihn. Bonhof, Flohe und Bongartz glichen dreimal aus. Dann kam Uli Hoeneß, damals 24, an die Reihe. Der Mann, der nur schoss „weil sich kein anderer fand und ich der Verantwortung nicht ausweichen wollte.“ Aber er war ihr nicht gewachsen. Hoeneß, der heute nicht mehr darüber sprechen will, erzählte den Reportern 1976: „Normalerweise achte ich auf den Torwart und schiebe den Ball in die Ecke. Weil ich jedoch so ausgelaugt war, wollte ich kein Risiko eingehen und den Ball mit voller Wucht ins Tor jagen.“

Wie wären die Chancen von Leroy Sané, Joshua Kimmich, Jonathan Tah und Co. auf eine EM-Teilnahme im Kader von Bundestrainer Joachim Löw gewesen? Der SPORTBUZZER gibt einen Überblick. Zur Galerie
Wie wären die Chancen von Leroy Sané, Joshua Kimmich, Jonathan Tah und Co. auf eine EM-Teilnahme im Kader von Bundestrainer Joachim Löw gewesen? Der SPORTBUZZER gibt einen Überblick. ©

Er schoss ihn ein bisschen zu wuchtig und zu hoch. Gar nicht so hoch, wie es im Rückblick gern erzählt wird, wenn gewitzelt wird, dass man den in den „Belgrader Nachthimmel“ geschossenen Ball immer noch suche. Natürlich schoss er ihn nicht aus dem Stadion, aber eben so offensichtlich unkonzentriert, dass sein Schuss seither als Prototyp des missratenen Elfmeters gilt. Anschließend lupfte der Tscheche Antonin Panenka den Ball zum 5:3 einfach in die Tormitte und es gab einen Europameister, mit dem keiner gerechnet hatte.

Die Deutschen ertranken ihren Frust in der Hotellobby, Hoeneß verkroch sich auf sein Zimmer. Am nächsten Morgen fragte er einen Reporter in dunkler Vorahnung: „Nun muss ich mich aber wohl nicht hundert Jahre mit Vorwürfen plagen?“ Heute weiß er: Es gibt Schlimmeres.