18. April 2020 / 11:52 Uhr

Die Knaller-Rettung nach einer unterirdischen VfL-Saison

Die Knaller-Rettung nach einer unterirdischen VfL-Saison

Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Der sitzt! Vieirinha (hinten rechts) entscheidet mit diesem Schuss die Relegation 2017.
Der sitzt! Vieirinha (hinten rechts) entscheidet mit diesem Schuss die Relegation 2017.
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75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie "Jeden Tag ein Tor" stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Heute geht's um ein Tor, das einer schoss, der nicht oft traf...

Ein kurzer Pass mit dem rechten Außenrist am rechten Strafraum-Eck nach außen, ein kurzer Blick zu Christian Träsch, der gerade auf jener rechten Seite gestartet war und den Ball in den Strafraum zum völlig frei stehenden Yunus Malli spielte. Der VfL-Spielmacher nahm den Ball an, ging rechts im Strafraum an Eintracht-Spieler Gustav Valsvik vorbei – und schloss aus spitzem Winkel mit rechts ab, scheiterte jedoch am herausstürzenden Braunschweiger Torhüter Jasmin Fejzic. Doch dessen Rettungstat landete genau bei Vieirinha, der am Strafraum auf solch einen zweiten Ball, wie er in der Fußballersprache gern mal genannt wird, gewartet hatte. Ein Knaller mit rechts, der halbhoch links einschlug – und dann gab‘s an diesem 29. Mai 2017 kein Halten mehr. Die VfL-Fans flippten aus, Vieirinha tat es ebenfalls. Und das nach einer unterirdischen Wolfsburger Bundesliga-Saison.

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Relegation – und dann noch gegen den Nachbarn Eintracht Braunschweig. Ein Drahtseilakt. Für die Nerven. Für die Region. Nach Dieter Hecking und Valérien Ismaël hatte der VfL mit Andries Jonker seit ein paar Wochen schon den dritten Trainer der Saison 2016/17. Der damals neue VfL-Sportdirektor Olaf Rebbe sah im ehemaligen Co-Trainer der Wolfsburger die beste Lösung für den VfL. Und zunächst schien die Idee auch nicht so schlecht zu sein, denn Jonker startete mit vier Spielen ohne Niederlage. Ohne diese kleine Serie (mit acht Punkten) wäre der VfL in Richtung direkter Abstieg geschlittert. Allerdings: Von den letzten acht Partien der Saison wurden nur noch zwei gewonnen – bei vier Niederlagen, von denen die letzte die bitterste war. Das 1:2 in Hamburg sorgte intern für erste Zweifel an Jonker - vor allem wegen der Einwechslung des taktisch überforderten Victor Osimhen, über dessen Seite der späte Siegtreffer des HSV gefallen war. Ohne diesen Treffer wäre dem VfL diese heiße Relegation gegen Braunschweig erspart geblieben.

Vieirinha für den VfL Wolfsburg und die portugiesische Nationalmannschaft

Abschied: Anfang Januar 2012 entschied sich Adelino André Vieira de Freitas (r.), genannt Vieirinha, für einen Wechsel von PAOK Saloniki zum VfL Wolfsburg. Zur Galerie
Abschied: Anfang Januar 2012 entschied sich Adelino André Vieira de Freitas (r.), genannt Vieirinha, für einen Wechsel von PAOK Saloniki zum VfL Wolfsburg. ©

Blieb sie aber nicht. Es wurde dramatisch – und es war eng. Nach dem 1:0-Sieg im Hinspiel war es Vieirinhas Knaller, der die Wolfsburger mit einem weiteren 1:0-Erfolg in der Bundesliga hielt. Und dem kleinen Portugiesen einen Platz in der Wolfsburger Fußball-Geschichte sicherte. Und das knapp fünfeinhalb Jahre, nachdem ihn der VfL im Winter 2012 von PAOK Saloniki für rund 3,5 Millionen Euro geholt hatte. Felix Magath, der damalige VfL-Trainer, der mit den Wolfsburgern 2009 Sensations-Meister geworden war, hatte den 1,72 Meter kleinen Offensiv-Dribbler als „Vollstrecker und Vorbereiter“ bezeichnet. „Mit diesen Qualitäten soll er unsere Torgefährlichkeit erhöhen.“ Doch schon nach einem Jahr wurde intern überlegt, ob man Vieirinha vielleicht ausleiht, weil er eben nicht zu überzeugen wusste. Doch der damalige VfL-Aufsichtsratschef Francisco Garcia Sanz empfahl der neuen sportlichen Führung, noch ein weiteres halbes Jahr die sportliche Entwicklung des heute 34-Jährigen zu beobachten. Es war die richtige Entscheidung, die die Manager Klaus Allofs und Trainer Dieter Hecking trafen, denn Vieirinha kam fortan auf mehr und mehr Spielzeit – bis ihn im September 2013 ein Kreuzbandriss stoppte.

Jeden Tag ein Tor: Siggi Reich 1995 gegen Köln

Jeden Tag ein Tor: Christian Gentner 2010 gegen Kazan

Jeden Tag ein Tor: Cedrick Makiadi gegen den 1. FC Kaierslautern

Jeden Tag ein Tor: Alfred Heider gegen den Heider SV

Jeden Tag ein Tor: Marijan Kovacevic gegen den MSV Duisburg

Hecking hatte den ehemaligen Nationalspieler später vom Rechtsaußen zum Rechtsverteidiger umgeschult. Vieirinha hatte zwar als Rechtsaußen oftmals für viel Dampf gesorgt, aber ohne jegliche Effizienz. Die neue Rolle hinten rechts war ein Segen, in der Saison 2014/15 spielte er überragend, es folgte eine Weltklasse-Leistung im Pokalfinale, zu der Deutschlands Superstar Toni Kroos (Real Madrid) via Twitter ("Weltklasse") gratulierte.

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12 Meilensteine aus 75 Jahren VfL Wolfsburg

Zum Durchklicken: 12 Meilensteine aus 75 Jahren VfL Wolfsburg Zur Galerie
Zum Durchklicken: 12 Meilensteine aus 75 Jahren VfL Wolfsburg ©

Allerdings: In der Saison nach dem Pokalgewinn lief es nicht mehr rund – bei ihm nicht und beim VfL ebenfalls nicht, einzig in der Champions League (der VfL scheiterte erst im Viertelfinale an Real Madrid) machte Wolfsburg Spaß. Vieirinha wiederum hatte seinen Stammplatz verloren - und stand wieder einmal vor dem Absprung. Bereits im Sommer 2016, in dem er mit Portugal Europameister geworden war, hatte es Gerüchte über einen möglichen Abschied gegeben. Auch im Winter war das Thema wieder hochgekocht, doch der kleine Portugiese blieb. Im Sommer 2017, drei Monate nach dem Relegations-Drama und 163 Pflichtspielen für den VfL, ging er dann doch. Es folgte die Rückkehr zu PAOK. Viele Tore schoss er für Wolfsburg nicht (insgesamt sieben), dafür aber ein ganz, ganz wichtiges – dieses in Braunschweig. „Für mich war es eines der wichtigsten Tore, weil es der Mannschaft geholfen hat, in der Bundesliga zu bleiben.“

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Vieirinha, der mit einer Griechin verheiratet ist, spielt nun wieder für Saloniki, wurde dort Kapitän und Publikumsliebling. Nicht nur das: Nach 34 Jahren hatte er sich mit PAOK im Sommer 2019 erstmals wieder die griechische Meisterschaft geangelt, die Fans waren aus dem Häuschen. Für Vieirinha wiederum glich dieser Moment einer Achterbahnfahrt. Eine Woche vor dem entscheidenden 5:0-Sieg gegen Levadiakos hatte er sich das Kreuzband gerissen. Trotzdem wurde er kurz vorm Ende der Partie eingewechselt, durfte die Meisterschaft auf dem Platz erleben – beim ehemaligen Derby-Helden des VfL flossen Tränen.
Ein halbes Jahr später dann das emotionale Comeback nach der OP: Sein Klub twitterte dazu eine kleine Videosequenz mit dem Hashtag #theleader - der Anführer. Als er aufs Feld kam, gab's Riesenapplaus. So wie an diesem Abend im Mai 2017 im Eintracht-Stadion an der Hamburger Straße, nachdem er so herrlich getroffen hatte.

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