13. Januar 2021 / 16:47 Uhr

"Die Kondition liegt auf der Straße": Experte Carsten Dick macht dem HSC Beine

"Die Kondition liegt auf der Straße": Experte Carsten Dick macht dem HSC Beine

Christoph Hage
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Richtig aufwärmen: Das brachte
 Carsten Dick (Mitte) den HSC-Kickern mit Poolnudeln bei – das Foto stammt aus dem vergangenen Sommer.
Richtig aufwärmen: Das brachte Carsten Dick (Mitte) den HSC-Kickern mit Poolnudeln bei – das Foto stammt aus dem vergangenen Sommer. © Dennis Michelmann
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Wenn sich einer im Sport und in der Sportwissenschaft auskennt, dann ist es Carsten Dick. Der Experte betreute schon zahlreiche Vereine und Sportler in Hannover und machte sie fit - unter anderem auch den HSC Hannover, der beim Tempointervalltraining sogar "erste Nahtoderfahrungen" machte. 

Wer sich mit Carsten Dick über sein Leben unterhalten möchte, sollte sich Zeit nehmen. Der 52-Jährige hat eine Menge zu erzählen. Über den Sport im Allgemeinen und die Sportwissenschaft im Speziellen. „Die Kondition liegt auf der Straße, du musst sie dir nur holen“, sagt er beispielsweise. Alles begann mit einem unschönen wie einschneidenden Erlebnis.

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„Ich hatte einen Unfall“, erzählt Dick. „1989, auf dem Weg zur Bundeswehrkaserne in Ahlen bin ich in ein mitten auf der Straße querstehendes Auto gefahren.“ Die Verletzungen waren zum Glück nicht lebensbedrohlich: „Ir­gend­wie bin ich über das Dach des Autos gekommen, mein Motorrad war nur noch Klump.“ Das veränderte seine Sicht auf das Leben. „Von da an wollte ich nur noch das machen, was mir Spaß macht.“ Wäre der Unfall nicht geschehen, würde er heute wahrscheinlich irgendetwas mit Architektur machen. Zwei Jahre später begann er stattdessen das Sportstudium in Paderborn.

Bilder vom Spiel der Regionalliga Nord zwischen dem TSV Havelse und HSC Hannover

Havelses Leon Damer (links) und Gürkan Öney vom HsC verfolgen den Ball. Zur Galerie
Havelses Leon Damer (links) und Gürkan Öney vom HsC verfolgen den Ball. ©

Voller Tatendrang

Ein Satz, der ihn ziemlich gut beschreibt: „Ich bin Münsteraner, Westfale, Vandale.“ Einer, der sich nicht über den Mund fahren lässt. Der sich um 1000 Baustellen auf einmal kümmert und voller Tatendrang steckt. Bis Dick 2002 seine Diplomarbeit mit dem Thema „Beweglichkeit und Dehnbarkeit“ abschloss, dauerte es 20 Semester.

Weil er sich in 25 Sportarten ausbilden ließ und nebenbei wie ein Verrückter arbeitete. Beispielsweise für das Rote Kreuz in der Unterbringungseinrichtung für Ausreisepflichtige in Büren. Noch so eine interessante Geschichte. Das Wörtchen Langeweile kennt er nicht: „Ich konnte es mir leisten und bin mit Plus aus dem Studium gekommen. Mich muss niemand zur Arbeit peitschen.“ Damals nicht und heute erst recht nicht.

Von den Wolfenbüttel Wildcats bis hin zu Felix Brych

Und weil er schon während des Studiums mehrere Mannschaften trainierte, fiel es Dick nicht schwer, an einem Standort mit 20 Bundesligisten in unterschiedlichen Sportarten Fuß zu fassen. „Ich habe immer irgendwelche Projekte für mich entdeckt“, sagt Dick. „Ich habe an der Uni mein eigenes Ding gemacht und wollte nie in einem Fitnessstudio versauern.“ Das würde wohl auch nicht passen.

2007 zog es Dick nach Hannover. Die Stadt, die mit einer ähnlichen Sportdichte ausgestattet ist. Von der Südstadt aus betreute er beispielsweise als Athletik- und Ernährungscoach die Wolfenbüttel Wildcats. Von den Bundesliga-Basketballerinnen bekam er einen Spitznamen, der ihm ein weiteres Standbein einbrachte. Weil er für die Getränke eigens Mineralwasser aus seiner Heimat anliefern ließ, nannten sie ihn Miraculix.


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„Die haben mich für bescheuert gehalten, weil ich ihnen gesagt habe, dass sie nie wieder Krämpfe haben werden“, sagt Dick. Aber der Niedersachse trinke eben ein anderes, ein mineralschwächeres Wasser als der Westfale. Seit 2008 ist Dick Berater bei der Ausbildung des deutschen Verbandes zum Mineralwassersommelier.

Die Wildcats waren beileibe nicht das einzige Team, das ihn engagierte. Die UBC Tigers begleitete er von der Regionalliga in die 2. Liga, im Frauenfußball kommt er auf 13 Vereine und 17 Mannschaften, Ruderer, Judokas, DFB-Schiedsrichter Felix Brych und Hansi Seestaller, 2005 deutscher Squash-Meister. „Ein gefallenes Talent, das es noch einmal wissen wollte und dreimal am Tag trainierte“, erzählt Dick. Man könnte ihm stundenlang zuhören.

"Ich war im Zug unterwegs und habe mir den HSC mal zur Brust genommen"

Beim HSC bewarb er sich Ende 2019 mit einer Excel-Datei. „Ich war im Zug unterwegs und habe mir den HSC mal zur Brust genommen“, sagt Dick. Die wenig überraschende Erkenntnis: Zwischen der 60. und 75. Minute kassierte der Regionalligaaufsteiger seine Gegentore. „Das habe ich ihnen unter die Nase gehalten. Ich kannte ja die Werte, die man in der 4. Liga braucht.“

Dreieinhalb Monate später hatten die Spieler beim Tempointervalltraining ihre „erste Nahtoderfahrung“ (Dick) gemacht. „Am Ende waren es 13 Spieler, die die anaerobe Geschwindigkeit von 15 Stundenkilometern über längere Zeit halten konnten“, sagt der 52-Jährige. „Dann kam der HSV zum ersten Spiel und hat sich verwundert die Augen gerieben.“ Immer öfter greift er dabei auf neue technische Möglichkeiten zurück.

Schnelligkeitstraining mit Poolnudeln

Und dann ist da ja noch die Geschichte mit den Poolnudeln. Dick und Studienkollege Udo Liebert waren auf der Suche nach Materialien für ein Schnelligkeitstraining. „Letzten Endes ist uns die Idee mit den Poolnudeln gekommen.“ Die werden in der Mitte durchgeschnitten und auf eine Länge von 40 Zentimetern gebracht.

Über seine Freundin Anja, eine frühere Nachbarin in der Südstadt, sagt der Sportwissenschaftler: „Ich musste lange mit ihr sprechen, bevor sie mit mir geredet hat.“ Sie hat ihm auch durch die Corona-Zeit geholfen. „Ich kriege nicht viel staatliche Hilfe, weil ich so viele Standbeine habe.“

Kommt 96 auch noch in Dicks Vita?

Aktuell betreut er die HSC-Jugend und -Frauen, trainiert den niedersächsischen Hockeynachwuchs und unzählige Sportler individuell. „Und ich verkaufe nach wie vor Wasser aus der Eifel, mache ein bisschen was an der Börse und in Immobilien.“ Und welche Mannschaft würde er gerne einmal betreuen? „96“, sagt Dick und lacht herzhaft. Aber das ist eine andere Geschichte.