07. Juli 2020 / 07:34 Uhr

Die Lage im Ostfußball: "Fürs Leidtun kann sich Dynamo Dresden nichts kaufen"

Die Lage im Ostfußball: "Fürs Leidtun kann sich Dynamo Dresden nichts kaufen"

Rainer Kelch
Leipziger Volkszeitung
In Chemnitz, Dresden und Jena steht nach dem Ende der Saison der Abstieg.
In Chemnitz, Dresden und Jena steht nach dem Ende der Saison der Abstieg. © dpa / imago images
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Abstiege, Insolvenzen, verpasste Aufstiege: Der Ostfußball kam in der abgelaufenen Saison ordentlich unter die Räder. In der MDR-Talkrunde "Fakt ist!" diskutierten Wissenschaftler, Manager und Politiker  über die aktuellen Probleme und mögliche Lösungen.

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Erfurt. Es ist eine eindrucksvolle Illustration, die gleich zu Beginn der MDR-Sendung "Fakt ist!" aus Erfurt am Montagabend gezeigt wird: erst eine Deutschland-Karte mit den Erst- und Zweitligisten im Fußball, dann eine, die die wirtschaftsstarken Gebiete hervorhebt. Sie sind fast deckungsgleich.

Geschlossene Ligen statt Abstiegsgespenst?

Doch ist es so einfach, dass dem Fußball-Osten nur das Geld fehlt? Darüber diskutierten Carl Zeiss Jenas Geschäftsführer Chris Förster mit Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht und Prof. Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln. Aktueller Anlass war das Ende der Drittliga-Saison am Wochenende, die für die ostdeutschen Vereine mehr als bescheiden ausging: Keiner stieg auf und der Chemnitzer FC, dessen Notvorstand Steffen Georgi ebenfalls anwesend war, musste letztlich absteigen. Dazu verfehlte Lok Leipzig den Aufstieg in die 3. Liga und Dynamo Dresden den Klassenerhalt in der 2. Bundesliga. Außerdem stecken neben dem CFC auch Rot-Weiß Erfurt und Wacker Nordhausen in Insolvenzverfahren.

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Ein Scheitern auf breiter Linie also, für das Stahlknecht aber nicht nur die allgemein fehlende Wirtschaftskraft im Osten, sondern auch konkrete Managementfehler bei den Klubs verantwortlich machte. Der Wissenschaftler Breuer verwies zusetzlich auf ähnliche Probleme im Westen und erklärte, dass ein wirtschaftliches Grundproblem im deutschen Fußball der dauernd drohende Abstieg sei. Seine Lösung: geschlossene Ligen wie in den USA.

Positivbeispiele Aue und Union

Dazwischen wurde DFB-Präsident Fritz Keller zugeschaltet, der von seinen Erfahrungen als Präsident des SC Freiburg berichtete. "Wir haben in guten Zeiten immer ein bisschen Geld unters Kopfkissen gelegt", erzählte der Winzer. Als positives Beispiel im Osten wurde daraufhin Erzgebirge Aue genannt, das souverän die Klasse in der 2. Liga hielt - für Breuer der SC Freiburg Ostdeutschlands.

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Nur leider fehlen solche Leuchttürme ansonsten in den neuen Ländern auf weiter Flur, weshalb einige frühere DDR-Oberliga-Stars wie "Dixie" Dörner schon eine Aussetzung der Abstiegsregel infolge der Corona-Pause forderten - vor allem mit Blick auf Dynamo Dresden, das zwischendurch in Quarantäne musste. DFB-Präsi Keller erklärte dazu, dass ihm Dynamo sehr leid tue und er die Gefühle gut nachempfinden könne, weil er mit Freiburg schon vier Mal abgestiegen sei. "Fürs Leidtun kann sich Dynamo auch nichts kaufen", entgegnete Chris Förster darauf.

Einen neutralen Blick hatte Hendrik Schiphorst von der Vermarktungsagentur Sportfive. Er sah kein genuines Ost-West-Problem, denn Städte wie Dortmund und Dresden wären wirtschaftlich im Prinzip vergleichbar. Dazu komme mit Union Berlin ein weiteres Beispiel, wie man aus geringen Möglichkeiten viel machen kann. Dagegen spielte RB Leipzig, das die Fahne des Ostens am höchsten hängt, nur am Rande eine Rolle. Schließlich gilt RB nicht als der typische Ost-Klub, zudem wurde vor allem die Entwicklung der DDR-Oberligavereine in den letzten drei Jahrzehnten beleuchtet.

Dem Beispiel Union Berlin – so hieß es – könnten Dynamo, Lok und Co. ja in den kommenden Jahren nacheifern. So endete die Runde mit einem positivem Ausblick. Oder wie man im Fußball sagen würde: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.