30. Juli 2021 / 12:30 Uhr

Die Magie schwindet: Delitzscher Löffler sieht heutige Olympia-Athleten kritisch

Die Magie schwindet: Delitzscher Löffler sieht heutige Olympia-Athleten kritisch

Johannes David
Leipziger Volkszeitung
Löffler
Glasermeister Thomas Gärlich (54, links) übergibt Volker Löffler (77) das erste von 14 historischen Bleiglasfenstern. Der Maler Charles Crodel hatte diese 1949/50 für die Delitzscher Hospitalkirche gefertigt. © Mathias Schönknecht
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Volker Löffler aus Delitzsch war vor 57 Jahren mit der DDR-Staffel über 4x100 Meter bei Olympia in Tokio dabei. Der 79-Jährige erinnert sich an eine Fahrt im verschlossenen Bus, unerwartete Freiheiten, fehlendes Geld und die Segnungen eines Kofferradios. Die Spiele 2021 und die Einstellung mancher Sportler sieht er kritisch.

Delitzsch. Die Strecke gibt es natürlich auch 57 Jahre später noch. 4x100 Meter. Damals wie heute umhüllt die Sprintstaffel etwas Magisches. Manch anderer olympischer Zauber ist zwischen den Tokio-Spielen von 1964 und 2021 weggespült worden. Nicht nur, weil die Asche längst von der Bahn geweht und der Beton nun mit Tartan überzogen ist. Sportlich, politisch und wohl auch zwischenmenschlich ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. „Damals prallten zwei Weltsysteme aufeinander. Das kann man sich heute schwer vorstellen, aber der Westen war für uns ja nicht erreichbar“, sagt Volker Löffler, der seit über fünf Jahrzehnten in Delitzsch lebt und 1964 Schlussläufer der DDR-Staffel in Tokio war.

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Die eigentliche Geschichte aus seiner Sicht beginnt freilich bereits wenige Wochen vor den Spielen. Das DDR-Vierergespann musste ein Ausscheidungsrennen gegen das Quartett der Bundesrepublik, immerhin amtierender Olympiasieger, austragen – im (West-)Berliner Olympiastadion. „Wir sind in einem verschlossenen Bus durch die Katakomben direkt ins Stadion gefahren.“ Und dort bezwangen Peter Wallach, Rainer Berger, Heinz Erbstößer und Volker Löffler die BRD. „Eine Sensation.“

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Dank jener Sensation durften die Staffel überhaupt zu den Spielen. Den Berliner Staffelstab besitzt Löffler noch immer. Doch wenn er ihn gedanklich an die nächste Generation weiterreicht, kommen ihm Zweifel. Am 4. August steigen in Tokio die Vorläufe über die 4x100 m, tags darauf folgt der Endlauf. „Der wäre schon ein Erfolg für die deutsche Mannschaft. Eine Medaille ist utopisch“, glaubt Löffler.

Sportliche Enttäuschung wurde versüßt

Er und seine Kameraden scheiterten 1964 im Halbfinale, weil der zweite Wechsel in die Kategorie suboptimal fiel. „Und dann bin ich so schnell wie noch nie überholt worden.“ Bob Hayes hieß der Mann, der am DDR-Schlussläufer vorbeizog und später mit der US-Staffel Weltrekord lief. Da bekommt Walter Ulbrichts flügellahme Forderung „Überholen ohne einzuholen“ eine ganz neue Bedeutung.

Volker Löffler
Ein Team: Volker Löffler, Peter Wallach, Rainer Berger, Heinz Erbstößer (v.l.). © Privat

Die sportliche Enttäuschung wurde Löffler und Co neben der Bahn wieder versüßt. „Wir waren zwar nur sehr kurz im Wettkampf, aber dafür sehr lange vor Ort. Die Zeit haben wir ausgiebig genutzt“, erinnert sich Löffler. Gemeinsam mit seinen Teamkollegen war er auch außerhalb des olympischen Dorfs unterwegs. Sie besuchten unter anderem den Fernsehturm Tokios, für den Student des Bauwesens ein ganz besonderes Erlebnis.

„Ich hatte nicht den Eindruck, dass der Kontakt zu Westsportlern überwacht wurde“, erzählt Löffler. „Freiheiten hatte man, nur das Geld nicht.” Für ein Kofferradio reichte es immerhin. „Das war damals etwas Sensationelles.“ Nicht ganz so sensationell wie der Sieg im Ausscheidungsrennen gegen die BRD...


2016 in Tokio zu Besuch

Löffler beendete nur ein Jahr nach den Spielen von Tokio seine Leistungssportlaufbahn. „Ich war nicht so ehrgeizig, wollte mich auf den Beruf konzentrieren. Meine Frau hatte außerdem vorgelegt und ihr Medizinstudium 1965 abgeschlossen“, berichtet Löffler augenzwinkernd. 1967 zog er als Bauingenieur nach, promovierte später gar.

2016 besuchten seine Gattin und er erneut Tokio, die Spiele 2020 waren ebenfalls fest eingeplant. Allein, die Corona-Pandemie machte die Pläne zunichte. Olympia wurde um ein Jahr verschoben und findet nun ohne Zuschauer statt. „Das ist eine große Enttäuschung. Ich bedauere die Sportler“, meint der inzwischen 79-Jährige.

So unschön die Umstände sind, eine andere Begleiterscheinung treibt ihn viel mehr um: „Ich glaube, es wurden viele Dinge vergessen, die damals im Mittelpunkt standen. Bei uns war der olympische Gedanke noch verbreitet, also gemeinsam mit Sportlern der ganzen Welt zusammen zu kommen. Da sind auch Freundschaften entstanden“, erzählt Löffler. „Heute, durch das viele Geld, ist es eine ganz andere Art des Sports. Da denke ich vielleicht altmodisch. Die meisten heutigen Profis fahren da hin, machen ihren Sport und hauen wieder ab. Das ist einfach traurig.“

Mit gutem Beispiel voran

Traurig sei es auch derzeit um die deutsche Leichtathletik bestellt. „Wir waren einmal führend in der Welt, aber inzwischen steckt das Geld in anderen Sportarten, vor allem im Fußball. Selbst die Grundlagen stimmen nicht. Wie schön wäre es, wenn es in Delitzsch einmal pro Woche einen Termin gebe, wo sich Leute treffen, um gemeinsam das Sportabzeichen abzulegen. Aber nein, das wird alles sehr nachlässig behandelt.“

Ehemaligentreffen
Treffen ehemaliger Leichtathleten auf dem Sportplatz Charlottenhof: hier die 4x100-m-Staffel von 1964 mit Peter Vallach, Volker Löffler, Rainer Berger und Heinz Erbstößer (v.l.n.r.). © Archiv

Volker Löffler jedenfalls geht mit gutem Beispiel voran. Gerade hat er wieder das Sportabzeichen in Gold abgelegt (in Familie, „mit acht anderen Löfflern.“). Zweimal in der Woche geht er joggen, spielt noch in zwei Altherren-Mannschaften des Delitzscher TC Tennis. „Ich habe Tennis ja nie richtig gelernt, muss vieles durch körperliche Fitness ausgleichen. Trotzdem macht es mir großen Spaß, vor allem auch das Vereinsleben, danach zusammen sitzen, quatschen und ein Bier trinken.“ So lebt der olympische Gedanke immerhin im Kleinen weiter – und die Erinnerung an Tokio 1964 kann Volker Löffler sowieso niemand nehmen. „Als das olympische Feuer entzündet und der Eid gesprochen wurde, war ich sehr ergriffen. Dieser Moment wird nie aus dem Kopf verschwinden.“

Mindestens einmal im Jahr trifft er sich mit Erbstößer, Berger und Wallach noch immer, obwohl das Quartett weder eine Medaille holte, ja nicht einmal den Endlauf erreichte. Die von Löffler viel beschworene „Sportfreundschaft“ hat die Jahrzehnte überdauert, während die einstige olympische Idee mehr und mehr verschwimmt.