19. Februar 2021 / 07:37 Uhr

Die "nackten Zahlen" lügen (nicht): RB Leipzigs Defensive wird zu Recht gelobt

Die "nackten Zahlen" lügen (nicht): RB Leipzigs Defensive wird zu Recht gelobt

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Kameras sorgen dafür, dass kein Schritt der Profis auf dem Platz unentdeckt und ungezählt bleibt.
Kameras sorgen dafür, dass kein Schritt der Profis auf dem Platz unentdeckt und ungezählt bleibt. © Getty Images
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Kein Bundesliga-Team hat aktuell weniger Gegentore kassiert als RB Leipzig. Die Abwehr der Messestädter wird auch deshalb regelmäßig hochgelobt. Doch im Grunde ist die Anzahl der Gegentore ein recht oberflächlicher Wert. Genauere Aussagen lassen sich mit Hilfe der Expected Goals treffen.

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Leipzig. Für Statistik-Liebhaber ist der Fußball ein wahres Schlaraffenland. Dass Ballkontakte einzelner Spieler, Pässe und Schüsse, aufgenommen werden, ist schon lange gebräuchlich. Um diese Daten zu erheben, werden Kamerabilder automatisiert ausgewertet. Inzwischen geht die Daten-Erhebung aber weit darüber hinaus. Bundesligavereine lassen ihre Trainingseinheiten von Kameras aufzeichnen und zusätzlich ihre Spieler mit gechipten Westen trainieren. So können beispielsweise die Herzfrequenz, aber auch die genaue Positionierung der Akteure auf dem Feld haargenau mitverfolgt werden. Heraus kommen Unmengen an Werten und Zahlen. Die entscheidende Frage: Wie können diese sinnvoll genutzt werden? Welche Mannschaft hat besser gespielt, war der Sieg verdient, war Glück oder Pech dabei?

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Summe der Wahrscheinlichkeiten

Um herauszufinden, wie gut ein Team tatsächlich gespielt hat, ließe sich zunächst die Anzahl der Chancen betrachten. Doch kennt man die Anzahl der Torschüsse einer Mannschaft, weiß man trotzdem nicht, ob ein Ball den Kasten nur knapp verfehlt hat oder weit vorbei ging. Schon länger werden deshalb gesondert Schüsse aufs Tor gezählt. Der Pay-TV Sender Sky blendet am Ende seiner Übertragungen seit einiger Zeit einen Wert für eine weitergehende Einordnung ein: Expected Goals (xGoals), gewissermaßen die zu erwartenden Tore.

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Diese Statistik ist aussagekräftiger, weil sie die tatsächliche Qualität der Chancen abzubilden vermag. Sie errechnet sich aus der Summe der Wahrscheinlichkeiten auf einen Treffer. Bei jeder Chance werden Abstand und Winkel zum Tor, Positionierung der Verteidiger und des Torwarts, dazu die Bewegung des Schützen mit einberechnet. Daraus ergibt sich ein prozentualer Wert zwischen 0 und 1. Steht der Kicker direkt mittig vor dem leeren Tor und braucht nur noch einzuschieben, dürfte der Wert etwa bei 0,99 legen. Alle diese Werte werden aufaddiert und leiten zu den xGoals-Zahlen.



Nachholbedarf in der Offensive

Wie schlägt sich RB Leipzig also in dieser Saison nach 21 absolvierten Spielen? Antwort: Die Nagelsmann-Elf liegt weitgehend im Soll. Gemäß Statistik hätten die Messestädter 40,3 Tore erzielen sollen, 37 waren es tatsächlich bis hierhin. Defensiv haben sie bei 18,7 erwarteten Gegentoren 18 kassiert. Der Wert der besten Defensive der Liga wirkt insofern noch stärker, weil der VfL Wolfsburg als Team mit den zweitwenigsten Gegentreffern der Liga anstelle der 19 gegen sie erzielten Tore eigentlich 25,6 Tore hätte kassieren "müssen". Die RBler lassen folglich Gegner mit Abstand am seltensten zu guten Torchancen kommen.

Die Offensive könnte ihre Chancen dagegen etwas besser nutzen. In dieser Hinsicht ist der FC Bayern unerreicht, der aus Chancen für 46,76 Tore ganze 61 Tore tatsächlich erzielt hat, Plan-Übererfüllung quasi. Vielleicht auch kein Wunder, da sie mit Robert Lewandowski den aktuellen Weltfußballer im Sturm aufstellen können.

Leipzigs bester Angreifer der vergangengen Saison, Timo Werner, konnte dagegen von Alexander Sørloth bisher noch nicht ersetzt werden. Dieser war bisher auch statistisch gesehen nicht effektiv genug, 4,82 xGoals steht nur ein Treffer gegenüber. Immerhin: Dass der Norweger sein Torekonto noch hochschraubt, dürfte demnach nur eine Frage der Zeit sein.

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Defensive kompensiert offensive Verluste

Die offensive Verantwortung wird mittlerweile gleichmäßiger auf die Schultern mehrerer Spieler verteilt. Sørloth, Christopher Nkunku, Dani Olmo und Angeliño haben alle in Summe etwa ähnlich gute Tormöglichkeiten. Letzterer sticht allerdings noch einmal heraus. Er verbucht 4,3 xGoals (und tatsächlich auch vier Tore) in seiner persönlichen Statistik. Zudem werden bei keinem anderen RB-Akteur häufiger aus Torschussvorlagen tatsächliche Torvorlagen (5,33 xAssists). Nkunku ist es gegen Leverkusen übrigens gelungen, die Wahrscheinlichkeit auszutricksen: Er erzielte das Siegtor trotz einer lediglich sechsprozentigen Wahrscheinlichkeit (0,06 xGoals).

Gewissermaßen kompensiert Taktikfuchs Nagelsmann den Verlust von Toren dadurch, dass er das Team defensiver ausrichtet. Im Vergleich zur vergangenen Saison wird die Offensive nicht an die Leistungen anknüpfen können. Spielen sie exakt so weiter wie bisher, dürften am Ende etwa 60 Tore und 30 Gegentore in der Bilanz stehen (81:37 in der Vorsaison). Belastbar ist diese Prognose natürlich nicht wirklich. Überraschungen sind immer drin.

Wer Feuer für das Thema gefangen hat, dem ist das Buch "Der Matchplan" von Christoph Biermann zu empfehlen. Außerdem hat die ARD der Digitalisierung im Fußball jüngst (02.02.2021) ein Sportschau-Thema gewidmet.

Julius Schilling

Tipp: Die komplette SPORTBUZZER-Berichterstattung zur EM 2021 findest Du auch in der superschnellen EM-App von Toralarm. Und folge gerne @sportbuzzer auf Instagram!