21. Juli 2020 / 08:04 Uhr

Die sechziger Jahre auf Flügeln: BSG Chemie als Meister und Pokalsieger

Die sechziger Jahre auf Flügeln: BSG Chemie als Meister und Pokalsieger

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Die Spieler der BSG Chemie Leipzig bejubeln das 1:0 von Bernd Bauchspieß gegen Jena vor 25.000 Zuschauern im Leutzscher Holz.
Die Spieler der BSG Chemie Leipzig bejubeln das 1:0 von Bernd Bauchspieß gegen Jena vor 25.000 Zuschauern im Leutzscher Holz. © Westend Presseagentur
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In diesem Jahr feiert eine der traditionsreichsten Spielstätten des Leipziger Fußballs ihren 100. Geburtstag – der Alfred-Kunze-Sportpark. Unzählige Spiele fanden seither dort statt und zogen die Massen in ihren Bann – erst die TuRa, dann Chemie, später der FC Sachsen und nun wieder die BSG Chemie. Wir stellen in einer mehrteiligen Reihe die spannendsten und denkwürdigsten Spiele vor.

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Leutzsch. Am Lindenauer Markt stauen sich die Straßenbahnen. Fußgänger-Kolonnen ziehen über die Einfallstraßen gen Leutzscher Stadion, der Autoverkehr kommt zum Erliegen. Unüberschaubare Menschenmassen ziehen hinaus in den Georg-Schwarz-Sportpark, wo am 11. August 1963 eine der größten Ungerechtigkeiten des DDR-Fußballs ihr Ende finden soll. Noch sind die Fußballfans skeptisch: Würde man wirklich so einfach ihre geliebte Chemie wieder auferstehen lassen? War da nicht irgendwo noch ein Haken? Schließlich hatte die DDR-Sportpolitik neun Jahre zuvor allzu leicht den großen und erfolgreichen Namen getilgt, hatte mit dem SC Lok und dem SC Rotation zwei neue Vereine aus dem Boden gestampft und die alte Chemie-Elf unter den neuen Farben schwarz-rot im Gohliser Stadion des Friedens spielen lassen.

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01.12.1984: Oberligaderby zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie Leipzig. Endstand 4:0. Im Bild: P. Schöne. Zur Galerie
01.12.1984: Oberligaderby zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie Leipzig. Endstand 4:0. Im Bild: P. Schöne. © LVZ

Die Auferstehung der BSG Chemie

Neun Jahre waren vergangen seit diesem großen Schmerz, vom dem Zigtausende nie verstanden hatten, warum er ihnen zugefügt worden war. Die Chemie-Industrie hätte nicht die erforderlichen Ressourcen zur Verfügung gehabt, um den Verein weiter zu stützen, hatte man in den SED-Postillen gelesen; aber Jeder wusste, dass das nicht stimmte. Zu eindeutig haben sich die Massen für den populären Verein im Leipziger Westen entschieden, zu klar positioniert gegen die offensichtlichen Versuche der Obrigkeit, „ihren“ Verein zu schädigen. Vielleicht ist den Funktionären unwohl ob der Massen, die zu Chemie strömen. Als die Armee-Elf Vorwärts sieben Spieler auf einmal abwirbt, kommen noch mehr Menschen ins Stadion. Auch Trainer Alfred Kunze ist in Ungnade gefallen und wurde bei der DHfK entlassen.

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Als neun Jahre nach der großen Umgestaltung ernüchtert festgestellt werden musste, dass Leipzigs Fußball viel schlechter als zuvor dastand, ging man an die nächste künstliche Veränderung. Die besten Spieler von SC Lok und SC Rotation wurden beim neuen Sportclub Leipzig konzentriert, die restlichen ließ man nun wieder bei der BSG Chemie spielen – im Georg-Schwarz-Sportpark. Für die Massen eine Sensation: endlich wieder Leutzsch, auf dem alten, ehrwürdigen Grasboden, wo einst die legendäre TuRa kickte? Das wollte man sich nicht entgehen lassen.

Der Kreis wird erstmals gebildet

Und so pilgerten an jenem Augusttag 20 000 erwartungsfrohe Fans nach Leutzsch hinunter, um die Wiedergeburt einer Legende gegen Wismut Aue mitzuerleben. Alfred Kunze hatte alle psychologischen Tricks angewandt, die er nur ausgraben konnte. Er hatte den Artikel aus der LVZ an die Tür genagelt, in dem behauptet wurde: „Das Interesse der Leipziger Fußballanhänger konzentriert sich natürlich auf den SC Leipzig.“ Er schickt seine Spieler mit den Worten: „Zeigt es allen, die euch als Versager hinstellen!“ auf den Platz. Auch der berühmte Kreis wird erstmals gebildet, damals noch in der Kabine, als sich alle an den Händen fassen und Alfred Kunze ruft: „Einer für alle!“, und die Spieler antworten: „Alle für einen!“

Behla visiert das Auer Tor an – „Binges“ Müller kommt zu spät.
Behla visiert das Auer Tor an – „Binges“ Müller kommt zu spät. © Westend-Presseagentur

Was dann folgt, ist bekannt. Chemie fegt Aue mit 2:0 vom Platz, Kapitän Manfred Walter erinnert sich: „Wir wurden förmlich nach vorn getrieben!“ Chemie wurde sensationell Meister, die Zuschauerzahlen explodierten förmlich, so dass wieder ausgewichen werden musste – dieses Mal ins Zentralstadion, wo 45 000 Menschen das Spiel gegen Vorwärts Berlin verfolgten. Die 60er Jahre beherrschte Chemie die Leipziger Fußballszenerie und sorgte für manchen Zuschauerauflauf. Sogar mitten in der Woche konnte manchmal der Sportpark die Massen kaum fassen. Als am 27. August 1969 Vizemeister Jena gastierte, drängten sich Mittwochabends 22 000 Fans im Stadion. Damals wurde noch einmal der vierte Platz erreicht, doch so langsam wirkten die Mechanismen, die durch die Sportpolitik eingerichtet worden waren. Es sollte langsam, aber sicher, abwärts gehen mit dem Stolz der Leipziger Fußballfans.