20. Mai 2022 / 09:08 Uhr

Die stille Nacht von Sevilla: Wie Frankfurt-Fans ihre Titelfreude mit Hindernissen erlebten

Die stille Nacht von Sevilla: Wie Frankfurt-Fans ihre Titelfreude mit Hindernissen erlebten

Roman Gerth
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Fans von Eintracht Frankfurt waren in Scharen nach Sevilla gepilgert.
Die Fans von Eintracht Frankfurt waren in Scharen nach Sevilla gepilgert. © Getty Images
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Eintracht Frankfurt vollendet die Europa-Reise mit einem Drama und erklimmt den Thron im Lieblingswettbewerb. Der Anlauf war lang, das Europa-League-Finale dramatisch – und natürlich ließen die Fans ihren Emotionen nicht lange nach dem letzten Elfmeter freien Lauf. Ein Erfahrungsbericht.

Die Altstadt von Sevilla, rund 25 Gehminuten vom Estadio Ramon Sacnhez Pizjuan, sah zweieinhalb Stunden nach dem Ende des Europa-League-Endspiels beinahe ausgestorben aus. Die Straßenreinigung war in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag schon fleißig unterwegs und stellte überraschend schnell wieder den Zustand her, der vor dem grandiosen Triumph von Eintracht Frankfurt gegen die Glasgow Rangers herrschte. Kaum noch etwas deutete in den engen und verlassenen Gassen der andalusischen Stadt auf den dramatischen Titelgewinn der SGE hin, den sie erst kurz vor Mitternacht im Elfmeterschießen errungen hatte.

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Ein paar schottische Fans, in Trauerstimmung nach der Niederlage der Rangers, suchten an einigen Ecken etwas Schlaf oder ein paar ruhige Momente vor der Rückreise. Und die Frankfurter Anhänger? Liefen in Kleingruppen umher, suchten ein Taxi oder einen Platz für ihre Jubelparty. Doch beides war nahezu unmöglich zu finden.

Großer Jubel, ruhige Nacht: Eindrücke nach dem Europa-League-Sieg von Eintracht Frankfurt

Die Kneipen und Bars verriegelten kaum später als sonst, noch vor zwei Uhr, ihre Eingangstüren. Taxifahrer akzeptierten fast ausschließlich Touren zum Flughafen. Der Autor dieser Zeilen wurde erst nach mehr als einer Stunde über eine App fündig. Erst langes Warten auf einen europäischen Titel (der zweite nach 1980), dann langes Warten auf ein Taxi.

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Die Lage in Sevilla bei Nacht spiegelte die im Stadion herrschenden Umstände wider. Fans mussten schon früh im Spiel ohne Essen und vor allem ohne Getränke auskommen. Es gab an den Verkaufsständen kein Wasser, zur Verlängerung gingen dort sogar die Rollläden runter. Schlimmer noch: In der Not, bei rund 30 Grad bis am späten Abend, wollten die Zuschauer an den Wasserhähnen ein paar Schluck Wasser zapfen – bis die Leitungen abgestellt wurden. So berichteten es Hunderte Fans, im persönlichen Gespräch und ausführlich bei Twitter. Eines Höhepunkts im zweithöchsten Klubwettbewerb nicht würdig. Die UEFA ermittelt nun eigenen Angaben zufolge, wie es dazu kommen konnte. Allein: Viel ist dabei nicht zu erwarten.

Doch letztlich war die Ruhe nach dem Sturm nach dem Sieg der Eintracht auch aus anderen Gründen die logische Folge. Hinter Frankfurts Anhängerinnen und Anhängern lagen kräftezehrende Stunden, in vielen Fällen sogar Tage. Teils abenteuerliche Anreisen mit mehreren Umstiegen, langen Zwischenstopps von Sonderfliegern in Malaga oder gar mit dem Fahrrad (der SPORTBUZZER berichtete) nahmen sie auf sich, bis weit nach Abpfiff haben sie in der Arena des FC Sevilla alles für ihr Team gegeben und den Sieg gefeiert.

Auseinandersetzungen mit Polizei nicht ganz zu verhindern

Schon in der Nacht zum Mittwoch stimmten sich die angereisten Adlerträger in der Stadt ein, schlossen Freundschaften mit den zahlreichen Glasgowern. Insgesamt sollen rund 100.000 Schotten und 50.000 Frankfurter in Sevilla gewesen sein – selbst eine grobe Schätzung ist ob des großen Andrangs kaum möglich gewesen. Es bleib weitgehend ruhig, einige Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern oder mit der spanischen Polizei waren letztlich nicht zu verhindern. So etwa auf dem Weg zur Arena. Der Fanmarsch war mehr als eine halbe Stunde von Beamten auf Pferden gestoppt worden.

Ein besonderes Hindernis war dabei die glühende Hitze. Am Mittwoch waren die Anhänger bei heißen Temperaturen früh auf den Beinen, feierten im Fall der Eintracht am Prada de San Sebastian bei Festivalatmosphäre schon Stunden vor dem Spiel, badeten teilweise in den Brunnen des Parks. Alle, die keines der begehrten Tickets ergattert hatten, schauten den historischen Erfolg dort auf Großleinwänden. Mehrere Zehntausende jubelten einige Kilometer entfernt vom Stadion, als Torwart Kevin Trapp den Elfmeter von Aaron Ramsey parierte und kurz darauf Rafael Borré den entscheidenden Strafstoß wuchtig im Winkel unterbrachte.

Einige tapfere Eintracht-Fans harren am Mannschaftsbus aus

Einige tapfere Fans, die den Sieg auf den Rängen miterlebten, harrten noch lange vor dem Mannschaftsbus aus. Immerhin Kapitän Sebastian Rode, trotz der Platzwunde nach dem Tritt an den Kopf, und Filip Kostic kamen schließlich noch einmal zum Fotografieren und Autogramme schreiben. Im Bus brandete Jubel auf, als der Pokal an Bord kam.

Danach wurde es schnell still um das Estadio Ramon Sanchez Pizjuan. Im direkten Umfeld der Arena und auch in der Altstadt hatte die Müdigkeit doch irgendwann gesiegt am Ende einer Europa-Reise, auf die durch den Titel nun eine weitere aufregende Tour folgen kann – nächste Saison, in der Champions League.