21. April 2021 / 19:08 Uhr

„Die Zwei-Klassen-Gesellschaft, die wir schon haben, wird weiter ausgebaut“

„Die Zwei-Klassen-Gesellschaft, die wir schon haben, wird weiter ausgebaut“

Peter Konrad
Peiner Allgemeine Zeitung
Sechs Premier-League-Clubs wollten bei der Super League mitspielen, andere protestierten gegen die Pläne – wie hier die Mannschaft aus Brighton vor dem Spiel gegen Chelsea, das am Dienstagabend 0:0 endete.
Sechs Premier-League-Clubs wollten bei der Super League mitspielen, andere protestierten gegen die Pläne – wie hier die Mannschaft aus Brighton vor dem Spiel gegen Chelsea, das am Dienstagabend 0:0 endete. © NEIL HALL/dpa
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Geld bestimmt die (Fußball-)Welt. Die am Mittwoch geplatzte Super-League-Blase war der jüngste Auswuchs dieser Entwicklung. Die PAZ sammelte dazu Meinungen Peiner Fußball-Verantwortlicher ein.

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Weltmeisterschaft in Katar, Reform der Champions League, Planung einer Super League: Die Kommerzialisierung des Fußballs schreitet bei der Suche nach neuen Geldquellen immer weiter voran. In den vergangenen Monaten hatten die Fans darauf gehofft und gedrängt, dass sich die Verantwortlichen besinnen und ein Umdenken einsetzt. Doch das erwies sich als Illusion, vielmehr haben ausschließlich finanzielle Interessen Vorrang. Immerhin scheiterte am Mittwoch die Super League, weil immer mehr Clubs nach massiven Fan-Protesten und auch UEFA-Drohungen einen Rückzieher machten. Aber die UEFA drohte vor allem aus eigenem Interesse: Sie hat beschlossen, die Champions League umzugestalten. Heißt: Es gibt mehr Spiele und noch mehr Einnahmen für die Klubs – und diese Geldmaschine wird nach Ansicht vieler Kritiker das ohnehin schon große Gefälle in den nationalen Ligen noch steigern. Was Peiner Fußballer von den Plänen der Top-Klubs und der UEFA halten, erläutern sie im Gespräch mit der PAZ.

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Michael Brennecke (Fußball-Obmann beim VfB Peine): „Eine Super League hätte ich unglaublich gefunden, weil sie alles kaputtmachen würde. Es wäre eine reine Elite-Liga – und das hätte mit dem, was den Fußball über Jahrzehnte ausgemacht hat, überhaupt nichts mehr zu tun. Und wenn nur noch die Besten der Besten gegeneinander spielen, ist das auf Dauer auch nicht interessant. Das ist so, als ob man immer Schokolade isst. Sollte sich der Fußball tatsächlich in diese Richtung entwickeln, würde ich mir das auf gar keinen Fall mehr anschauen. Aber auch in der Champions League geht es letztlich nur noch ums Geld, kleinere Vereine spielen keine Rolle mehr. Es wird zwar immer viel von Solidarität geredet, aber die Realität ist leider eine andere. Das sieht man ja auch an den Plänen der UEFA. Den Vereinen, die schon viel Geld haben, werden demnächst noch mehr Einnahmen ermöglicht. Es profitieren also nur einige wenige Klubs, so dass es sich auch da um einen elitären Kreis handelt. Mit Volkssport hat das alles nicht mehr viel zu tun.“

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Leonid Grigorjan (Spieler und Obmann bei Fortuna Oberg): „Ich kenne mich bei beiden Themen kaum aus – und es interessiert mich auch nicht wirklich. Denn ich schaue nur wenig Fußball im Fernsehen, ab und zu gucke ich mir Dortmund an. Auch Champions League sehe ich mir grundsätzlich nur ganz wenig an. Aber so, wie der Profi-Fußball in den vergangenen Jahren kommerzialisiert wurde, war es ja zu abzusehen, dass solche Pläne irgendwann aufkommen. Schließlich geht es inzwischen einzig und allein nur noch um die wirtschaftliche Lage und darum, Gelder zu generieren – leider.“

Tobias Dreyer (Trainer von Rot-Weiß Schwicheldt): „Ich finde, dass es keine zwei Meinungen zur Super League geben kann. Die wäre eine Katastrophe, weil es nur um die Kohle geht und vor allem, weil keine sportliche Qualifikation nötig gewesen wäre. Das geht doch gegen den Fußballsport, wenn da 12 oder 15 Teams dauerhaft dabei sind. Und bei Teams wie Arsenal London und den Tottenham Hotspur sind die ganz großen Erfolge auch schon länger her. Dann könnte man auch gleich noch meinen Lieblingsklub Werder Bremen anfragen, die in den 90er-Jahren sehr gut waren. Ich finde, dass die Champions League ein schöner Wettbewerb ist, den ich mir gerne anschaue – und dafür hätte es jetzt auch gar keine Reform gebraucht.“

Marc Hölemann (Obmann von Arminia Vechelde): Das viele Geld im Fußball ist dem Wandel der Zeit geschuldet. Viel schlimmer ist, dass die Super League wohl die nationalen Ligen zerstört hätte. Da bin ich froh, dass der BVB und die Bayern das gut gelöst haben, da nicht mitzumachen. Obwohl Karl-Heinz Rummenigge vor einigen Jahren selber die Idee der Super League geäußert hatte, ist er nun der große Gegensprecher. Das finde ich ganz gut. Auch die englischen Klubs haben ja nun gemerkt, was da los ist. Anscheinend waren die Spieler und Coaches kaum eingeweiht, was mir schon ziemlich verrückt vorkommt.“

Jerome Kuhlmann (Trainer des SV Viktoria Woltwiesche): „Als Fußball-Romantiker kann ich mich weder mit der Super League noch mit der Reform der Champions League anfreunden, denn bei beiden Plänen geht es nur ums Geld. Ich frage mich auch, wie man sich als Amateur-Fußballer mit solchen Geschichten überhaupt noch identifizieren soll. Denn die Zwei-Klassen-Gesellschaft, die wir ja sowieso schon haben, wird weiter ausgebaut – die Großen werden immer größer und die Kleinen immer kleiner. Das bedeutet, dass kleinere Vereine immer geringere Chancen haben, an europäischen Wettbewerben teilzunehmen. Ich bedauere diese Entwicklung sehr, aber sie wird sich sicherlich nicht aufhalten lassen. Es ist allerdings auch ein bedrohliches Szenario, denn wie interessant ist es dann noch für einige Vereine, in der Bundesliga zu spielen, wenn woanders die wirtschaftlichen Bedingungen viel besser sind. Dass das Geld leider oftmals die entscheidende Rolle spielt, kann man auch ein bisschen im Amateurbereich sehen. Es gibt etliche Spieler, die wechseln den Verein, weil es dort 50 Euro mehr gibt. Mein Vater, der 70 ist, kann das überhaupt nicht nachvollziehen, dass es in der Kreis- oder Bezirksliga Geld gibt. Aber inzwischen ist das halt so. Für die Außendarstellung des Fußballs ist das jedoch überhaupt nicht gut – sowohl im Profi- als auch im Amateurbereich.“