25. November 2020 / 19:22 Uhr

Nachruf auf Diego Maradona: Der ewige Goldjunge

Nachruf auf Diego Maradona: Der ewige Goldjunge

Oliver Wurm und Alex Raack
RedaktionsNetzwerk Deutschland
1986 führte Diego Maradona die argentinische Nationalmannschaft zum WM-Titel.
1986 führte Diego Maradona die argentinische Nationalmannschaft zum WM-Titel. © imago images / Laci Perenyi
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Diego Maradona ist tot. Autor Oliver Wurm, der der Fußball-Legende zum 60.Geburtstag vor knapp vier Wochen ein gesamtes Magazin widmete, erinnert in einem Nachruf an ein bewegtes Leben mit vielen Höhen und Tiefen.

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Vielleicht war Pelé der bessere Mannschaftssportler. Vielleicht hatte Alfredo Di Stéfano noch mehr Talent. Und vielleicht hat Johan Cruyff noch mehr für die Entwicklung des Fußballspiels getan. Aber niemand vereint das Spektakel, die Triumphe und die Dramen des Fußballs so sehr wie Diego Ar­mando Maradona. Am Mittwoch verstarb der argentinische Nationalheld im Alter von 60 Jahren an einem Herzinfarkt.

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Seine Geschichte ist so unglaublich, wie es eigentlich nur ein Fußballspiel sein kann. Sie beginnt in Villa Fiorito, einem Armenstadtteil von Buenos Aires, wo der kleine Diego in die Welt geworfen wird. Eine Welt ohne Perspektive für einen Jungen aus sozialer Unterschicht. Doch dieser Junge hatte eine Begabung. Mochte er sich auch im Dreck des Gettos wälzen – mit einem Ball am Fuß öffneten sich für ihn die Pforten ins Paradies.

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Sein Talent, verbunden mit dem selbst in den späteren, drogenverseuchten Jahren fast schon manischem Ehrgeiz, machte Maradona zum besten Fußballer seiner Generation. Und katapultierte ihn in Sphären, die kein Mensch unbeschadet überstehen kann. Wie soll ein junger Mann damit klarkommen, dass ganze Fußballstadien vor Euphorie zu explodieren scheinen, nur weil man besser als jeder andere gegen den Ball treten kann?

Schon im Herbst 1981 – lange vor Barcelona, Neapel und der Hand Gottes – kam dem damals 20-Jährigen erstmals der Gedanke, die Schuhe wieder an den Nagel zu hängen. Schluss zu machen mit dem Wahnsinn, dem Exzess und einem einfachen Sport, der so viel komplizierter geworden war als einst auf den staubigen Plätzen von Villa Fiorito. In seiner Biografie sehnt sich Diego nach der Einfachheit des Spiels: "Mein damaliger Traum war total verrückt: ein Match mit Kindern zu machen. Mit Kindern als Gegner, mit Kindern auf der Tribüne, mit Kindern als Torhüter, mit Kindern als Polizisten. Nur mit Kindern. Mit Unschuldigen. Ich hielt den Druck nicht mehr aus. Ehrlich gesagt, fühlte ich mich irgendwie als Gefangener meines Ruhms."

Doch Maradona hörte nicht auf, obwohl er schon längst genug verdient und seine Familie für immer aus der Armut geschossen hatte. Maradona machte weiter, weil ein Begnadeter auch ein Süchtiger ist. Nicht einmal ein Jahr nach seinem Traum vom Kinder-Spiel schnupfte er das erste Mal Kokain. In Barcelona verlor Diego seine Unschuld. Für Diego war Barça der falsche Verein, die Primera División der falsche Ort. Und das nicht nur wegen der grauenhaften Attacke des Basken Goikoetxea, der nur knapp daran scheiterte, Diego zum Krüppel zu treten.

Es folgte der romantischste Vereinswechsel aller Zeiten. Das Verhältnis zwischen ihm und dem SSC Neapel ähnelte in den ersten Jahren einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung. Maradona machte Neapel zum Meister, Neapel machte Maradona zum Fußball-Gott. Doch auch im Süden Italiens konnte er die Probleme nach dem Schlusspfiff nicht verdrängen. Im Gegenteil: Während sich Maradona im Sommer 1986 auf dem Zenit seiner Schaffenskraft befand und als erster und vielleicht letzter Fußballer eine Mannschaft quasi im Alleingang zum Weltmeister beförderte, durchlebte er ein privates Fiasko.

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"Maradona war ein großer Spieler", findet Englands Torhüter-Legende Peter Shilton, "aber er hätte der Größte werden können, wenn er sich entschuldigt hätte." Doch so wenig Diego in der Lage war, sein Handspiel im WM-Viertelfinale gegen die Briten einzugestehen, so unfähig war er, sein gemeinsames Kind mit Cristiana Sinagra anzuerkennen. Auf dem Platz war er ein Gigant. Abseits des Rasens dagegen ein gewöhnlicher Sterblicher, den Ruhm und Reichtum überforderten.

Dieses Ausblenden der Realität, der Verlust der Bodenhaftung, erreichten ihren Höhepunkt 1994, als Maradona während der WM in den USA des Dopings überführt und gesperrt wurde. Maradona hatte seine Karriere ganz allein ruiniert. Als er im April 2004, übergewichtig und mit Kokain vollgepumpt, mal wieder mit dem Tode rang, hängten seine Fans ein Banner an den Zaun des Klinikgeländes: "Gott, du hast dir schon Jesus genommen, nimm uns nicht auch noch Maradona." Gut 16 Jahre später hat er es doch getan.

Oliver Wurm ist freier Journalist, Autor und Herausgeber. 2018 veröffentlichte er das Grundgesetz als Magazin und hatte damit einen riesigen Erfolg. Aus Anlass des 60. Geburtstags von Diego Maradona hat Wurm gerade erst das 120-seitige Magazin "Diego" herausgebracht, das sich dem Leben und Wirken des legendären argentinischen Idols widmet.