26. November 2020 / 18:30 Uhr

Trauer, Tränen und ein wenig Trost: Argentinien und Neapel mit emotionalem Abschied von Diego Maradona

Trauer, Tränen und ein wenig Trost: Argentinien und Neapel mit emotionalem Abschied von Diego Maradona

Tobias Käufer, Tom  Mustroph und Denis Düttmann
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ob in Argentinien oder in Maradonas zweiter Heimat Neapel: Viele Fans gedenken der verstorbenen Fußball-Legende.
Ob in Argentinien oder in Maradonas zweiter Heimat Neapel: Viele Fans gedenken der verstorbenen Fußball-Legende. © imago images/LaPresse/ZUMA Wire/Montage
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Seine Tricks und Tore machten Diego Maradona in Argentinien und beim SSC Neapel zum Helden. Am Donnerstag nahmen die Fans Abschied von der am Vortag verstorbenen Fußball-Legende.

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Sie kommen zu Tausenden, sie weinen, schreien, jubeln: Vor der Casa Rosada, dem Regierungssitz des argentinischen Präsidenten Alberto Fernández, schiebt sich ein scheinbar endloses Band von Menschen ganz langsam in Richtung Eingang. Der Palast ist eine Pilgerstätte. Nur ein, zwei Sekunden bleiben den Trauernden, um vor dem Sarg Abschied zu nehmen. Denn darin liegt Diego Maradona. Auf seinem Sarg liegen die Trikots der Boca Juniors und der argentinischen Nationalmannschaft, jenen Mannschaften, die „D10S“ neben dem SSC Neapel besonders liebte.

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Am Vormittag kommt auch Präsident Fernández. „Er war ein außergewöhnlicher Spieler. Wir stehen für immer in seiner Schuld“, sagte er. Mehrmals legt er die Hand auf den Sarg, platziert zwei weiße Kopftücher, das Symbol des Widerstands gegen die rechte Militärdiktatur, auf den Trikots. Seine Frau legt rote Rosen dazu. Es brandet Beifall auf. Fernández hat sich offenbar entschieden, aus der Trauerfeier ein politisches Statement zu machen. Zudem rief er eine dreitägige Staatstrauer aus.

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Vor dem Sarg spielen sich derweil emotionale Szenen ab. Fans erheben die Faust zum Siegeszeichen, andere brechen in Tränen aus. Andere rufen „Diego, Diego“. Der Tod des Diego Maradona lässt niemanden kalt in Argentinien. Und nicht immer können die Emotionen kontrolliert werden. So kommt es zeitweilig auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Fans und der Polizei. Grund: Die Beamten schlossen die Schlange der Trauergäste, die Maradona im Regierungspalast die letzte Ehre erweisen wollten. Enttäuschte Fans greifen daraufhin Beamte an, die Polizei setzt Wasserwerfer ein.

Schon unmittelbar nachdem die Nachricht vom Tod Maradonas die Welt schockiert hatte, strömten in Buenos Aires zahlreiche Menschen auf die Straßen, um gemeinsam zu trauern. Die Sorgen der Corona-Pandemie werden da zurückgestellt. Auf elektronischen Anzeigetafeln über der Stadtautobahn und in U-Bahn-Eingängen ist zu lesen: „Danke Diego“. Vor dem Boca-Stadion La Bombonera und dem Obelisken im Stadtzen­trum entzünden Trauernde Kerzen und legen Blumen nieder. Im Stadion brennt in der Nacht nur ein Licht – in der Loge Maradonas.

Tausende Lichter hingegen brennen in Neapel. In kaum einer anderen Stadt wird er so verehrt wie in der süditalienischen Metropole. Überall in den engen Gassen hängen Bilder von ihm. Ein meterhohes Wandgemälde wird nun zur Trauerstätte – genauso wie das Stadion San Paolo. „Erst kommt Covid, und jetzt stirbt auch noch Maradona“, sagt ein Fan vor dem Stadion. Schlimmer hätte es diese Stadt wohl kaum treffen können.

Zu Hunderten sind sie noch in der Nacht nach der Nachricht vom Tod ihres Idols an dessen einstige Wirkungsstätte geeilt, wo er von 1984 bis 1991 eine Ära prägte. Die übergroße Mehrzahl trägt Masken. Bilder von Maradona sind am Stadionzaun befestigt, darauf zu sehen: Maradona im Trikot des SSC Neapel, für den er zwei Meistertitel holte, die einzigen in der Klubgeschichte. „Maradona ist wie ein Vater, wie ein Bruder, wie ein Familienmitglied für uns“, sagt Fan Raffaele Cuomo. „Es ist so, als wäre ein Familienmitglied gestorben, als wäre ein Teil von Neapel gestorben.“

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Nun wird sogar das Stadion nach ihm benannt. Der Prozess zur Namensänderung des Stadions San Paolo sei bereits eingeleitet worden, sagt Bürgermeister Luigi De Magistris am Donnerstag. Die Umbenennung werde schnell laufen, „denn wenn da eine so große Leidenschaft ist, gibt es nichts, das uns aufhält“. Am Stadionzaun zu sehen sind auch Bilder von Maradona im Trikot der argentinischen Nationalmannschaft, auch jenes, das seine Hand hoch erhoben über dem englischen Torwart Peter Shilton zeigt. Das war „die Hand Gottes“. Und mit diesem regelverletzenden Streich ihres Idols identifiziert sich Neapel, diese Stadt der Improvisationstalente, Regelumkurver und Schlaumeier vielleicht noch mehr als mit allen Taten Maradonas im Dress des heimischen SSC.